Kurzer Abriss der Geschichte der Diakonie Neuendettelsau

Am 9. Mai 1854 rief Pfarrer Wilhelm Löhe in Neuendettelsau die erste bayerische Diakonissenanstalt ins Leben. „Die Daiconissenanstalt zu Neuendettelsau ist ihrem Zwecke nach eine Bildungsanstalt des weiblichen Geschlechts zum Dienste der Unmündigen und Leidenden“, mit diesen Worten hatte Wilhelm Löhe im Frühjahr 1854 die Ziele dargelegt, welche er mit der Gründung der Diakonissenanstalt verfolgte.

Als Beobachter seiner Zeit waren ihm die sozialen Nöte, ausgelöst vor allem durch den Pauperismus, der ländlichen Massenarmut, bewusst gewesen und auch die Arbeit der inneren Mission kannte er sehr gut.

Mit seinem Konzept ging Löhe einen Schritt weiter als die bisher bestehenden Mutterhausgründungen in Deutschland, in denen vor allem Krankenpflegerinnen ausgebildet wurden. Löhe öffnete in Neuendettelsau Bildungsmöglichkeiten auch für Frauen, welche nicht das Berufsziel der Diakonisse verfolgten.

Ausweitung der Diakonie

Noch 1854 konnte im Oktober im neuerbauten Diakonissenhaus der zweite Ausbildungskurs abgehalten werden, nachdem man zuerst im örtlichen Gasthaus „Zur Sonne“ untergekommen war. Hier beginnt auch die institutionelle Diakonie in Neuendettelsau. Im Diakonissenhaus, später Mutterhaus genannt, fanden die vier großen Arbeitsgebiete, die heute die Arbeit der Diakonie Neuendettelsau kennzeichnen, ihren Beginn.

Es standen Ausbildungs- und Lehrräumlichkeiten zur Verfügung für das Schulwesen, für die Krankenpflegeausbildung wurden eigens Krankenzimmer eingerichtet, Alte und Sieche fanden ebenso Aufnahme wie Menschen mit Behinderung. Schon bald wurden die Räumlichkeiten zu beengt. Im Ort wurde die erste sogenannte „Blödenanstalt“ errichtet, in den 60er Jahren folgten weitere Bauten (Krankenhäuser, Waisenhaus, Neubau der „Blödenanstalt“, Magdalenium), so dass ein diakonisches Zentrum in Neuendettelsau entstand. Darüber hinaus arbeiteten Diakonissen in Einrichtungen in ganz  Bayern, anderen deutschen Staaten oder sogar im Ausland.


Die folgenden Jahre

Als Löhe im Jahre 1872 verstarb, war die Diakonissenanstalt Neuendettelsau bereits die viertgrößte Einrichtung ihrer Art in Deutschland. Und das nicht in einer großen Stadt, sondern in einem kleinen mittelfränkischen Dorf.

Die Entwicklung der Diakonissenanstalt ging auch unter den anderen Rektoren stetig weiter. Rektor Friedrich Meyer (1872-1891) vergrößerte die Diakonissengemeinschaft und schuf mit dem Bau der Laurentiuskirche das geistliche Zentrum der Diakonie Neuendettelsau. Er leitete auch die Verhandlungen zur Gründung der Filialen in Bruckberg und Himmelkron in die Wege, welche sein Nachfolger Hermann Bezzel (1891-1909) abschloss.

Die Zeit Hermann Bezzels steht für den Übergang in das 20. Jahrhundert. Er reformierte das Schulwesen, gekennzeichnet durch den Bau des Krankenhauses, belebt die Brüdersache wieder und errichtete auch das neue Krankenhaus. Ihm folgte Wilhelm Eichhorn (1909-1918), der eine Phase der Konsolidierung einleitete. Zudem verzögerte der Erste Weltkrieg einen Ausbau. Auf dem Gebiet der Psychopathenvorsorge beschritt die Diakonissenanstalt unter Eichhorn eine Vorreiterrolle.


Das dunkelste Kapitel

Hans Lauerer folgte Wilhelm Eichhorn im Amt des Rektors. Lauerer hatte dieses Amt von 1918 bis 1953 inne. In seine Rektoratszeit fallen die politischen Umwälzungen hin zur ersten deutschen Republik (Weimar), die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in der Inflationszeit (1923) und der Depression (1930), der Übergang zur nationalsozialistischen Herrschaft, der Zweite Weltkrieg und der Wiederaufbau der Nachkriegszeit.

In diese Zeit fällt auch das dunkelste Kapitel der Neuendettelsauer Geschichte. Der Abtransport von Menschen mit Behinderungen aus den Pflegeanstalten im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion. Viele von den „Pfleglingen“ fanden den Tod in den Tötungsanstalten oder den staatlichen Heil- und Pflegeanstalten.


Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert.

Die Nachkriegszeit ist die Zeit des Wiederaufbaus. Aber auch der gesellschaftlichen Umstrukturierung, welche auch die Entwicklung in Neuendettelsau beeinflusste. In der Mitarbeiterschaft der Diakonissenanstalt kam es zu einer Verlagerung. Immer mehr freie Mitarbeitende, welche keiner Gemeinschaft angehörten, traten in den Dienst der Diakonissenanstalt, so dass es im Jahre 1974 zu einer Satzungsänderung kam.

Aus der Diakonissenanstalt wurde das Evangelisch-Lutherische Diakoniewerk Neuendettelsau. Auch der beginnende Abbau des Sozialstaates gegen Ende des 20. Jahrhunderts betraf die Diakonie Neuendettelsau. Der „Markt“ der Wohlfahrtspflege wurde für freie Anbieter geöffnet. Diesen Herausforderungen stellte sich die Diakonie Neuendettelsau auf ihrem Weg ins 21. Jahrhundert.