Bei einem Paar, das sonntags zusammen in den Gottesdienst geht, hat sich Besuch angesagt. Er bleibt zuhause und kocht, sie geht alleine. Als sie heimkommt, fragt er: „Und worüber hat der Pfarrer gepredigt?“ Sie: „Über die Sünde.“ Er: „Und was hat er gesagt?“ Sie: „Dass wir sie lassen sollen!“


Liebe Gemeinde,

ganz ehrlich, viel mehr fällt den meisten zum Thema „Sünde“ nicht ein. Aber sie wird eindeutig mit dem, worüber in der Kirche gesprochen wird, in Zusammenhang gebracht. Auch in unserem heutigen Predigtabschnitt wird der Begriff „Sünde“ fallen. Doch wenn wir genau hinhören, werden wir schnell merken, dass es in der Bibel beim Thema „Sünde“ um etwas ganz anderes geht als zum Beispiel um Moral und schlechte Taten. Ich lese aus dem ersten Johannesbrief im ersten Kapitel den kurzen Abschnitt vor, der für heute vorgesehen ist und gebe dabei zu bedenken, dass es im gesamten Brief von A bis Z um das große Thema „Beziehung“ geht: Gottes Beziehung zu uns und unsere Beziehung zu Gott und den Mitmenschen.

Predigttext

Lassen wir nun den Schreiber des 1. Joh. selbst zu Wort kommen:

Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. 6Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. 7Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.
8Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. 9Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. 10Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.

2 1Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. 2Und er ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.
3Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. 4Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. 5Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind.

Predigt

Liebe Gemeinde,

einige Worte fallen immer wieder: Licht und Dunkelheit, Sünde und Vergebung und Gemeinschaft. Diese Begriffe, sie hängen alle miteinander zusammen. Beginnen wir mit der „Sünde“, die wir fast alle mit Fehlverhalten assoziieren. Wer denkt da nicht an das, was in den zehn Geboten aufgezählt wird: Ehebruch, Mord, Diebstahl, Neid, Lüge und so weiter. Und schon sind wir auf dem Holzweg! Machen wir einen kleinen Umweg über einen Zustand, den wir alle kennen: das Kranksein. Ich habe eigentlich so gut wie nie Fieber. Außer vor einigen Jahren. Da habe ich mich fröhlich abends vor den Fernseher gesetzt, um Nachrichten zu schauen. Die waren noch nicht zu Ende, da war ich schon auf dem Weg ins Bett – mit hohem Fieber. Wie üblich war auch bei mir einen „echte“ Grippe innerhalb von Minuten ausgebrochen, mit allem, was dazugehört – auch dem tagelang anhaltend hohen Fieber.
War das Fieber die Krankheit? Nein, das war nur eines der typischen Symptome der Grippeviren.

Und so verhält es sich mit der Lüge, dem Geiz, dem Diebstahl und all den anderen Taten, die wir so gerne mit dem Stempel „Sünde“ versehen. Sie sind nur das Symptom, aber nicht die Krankheit. Die Krankheit, das ist das, was unseren schlechten und bösen Taten als Ursache zu Grunde liegt. Sie besteht in der Tatsache, dass wir von Gott und seiner Liebe abgetrennt sind. Wir verlieren die Verbindung zu Gott und zu seiner Liebe, darum kommt es zu all den Taten, die unser Leben und das der anderen so schwer machen.

Dies lässt sich ganz wunderbar an der Geschichte vom verlorenen Sohn zeigen, die wir als Lesung gehört haben: Da erzählt Jesus von einem jungen Mann, der sich sein Erbe auszahlen lässt; was damals nichts Ungewöhnliches war. Im Gegenteil, es lag ein ganzes Stück Lebensklugheit drin: so wurden Konflikten unter Brüdern, die nach dem Tod des Vaters und Erblassers auftreten könnten, von vornherein ein möglicher Riegel vorgeschoben. Der Jüngere hatte sein Auskommen und konnte sich rechtzeitig eine eigene Existenz aufbauen, die ihn vom älteren Bruder unabhängig machte. Eine kluge, voraussehende Entscheidung! In dieser Geschichte hat der jüngere Bruder sich aber keine Existenz aufgebaut, sondern das Geld verprasst. Das war zwar dumm, aber Dummheit ist noch keine Sünde. Schließlich jedoch ist er bei den Schweinen gelandet und hat damit seine jüdische Religionszugehörigkeit aufgegeben. Auch das ist keine Sünde, sondern wird in unserem Grundgesetz geschützt als „negative Religionsfreiheit“, nämlich als das Recht, eine Religionsgemeinschaft verlassen zu dürfen.

Ja, was war denn dann die Sünde, die aus einem erbberechtigten Sohn einen verlorenen Sohn gemacht hat? Es war nichts von dem, was der junge Mann getan hat, sondern sie lag in seiner inneren Haltung begründet, nämlich im totalen Beziehungsabbruch zu seinem Vater. Der sagt dann später ja auch: „Dieser, mein Sohn, war tot. Natürlich, denn der Vater in der Geschichte Jesu, der hatte ja lange nichts mehr von seinem Sohn gehört oder gesehen. Der war ja in „der Fremde“, also unerreichbar gewesen. Und die große Sorge, die große innere Not und Angst des Vaters war es gewesen, diesen Sohn niemals wieder zu sehen. Wir wissen es doch alle, was für entsetzliche innere Bilder der Angst in Eltern ablaufen, deren Kinder verschwunden sind. Und je länger das andauert, desto wahrscheinlicher wird es auch, dass ihnen etwas Schlimmes zugestoßen ist.

Das – und nur das – ist das Wesen der Sünde: Die von Gott, vom liebenden Urgrund abgetrennte Existenz. Und die zeigt sich in vielen Tausend Symptomen, die alle eines gemeinsam haben: einen Mangel an Liebe. Kein Wunder, wer sich von der Quelle der Liebe trennt, der oder die trocknet aus.

Merken wir etwas? - Da ist Gott keine dogmatische Größe, sondern das absolute positive Lebensprinzip, die Quelle des Lebens und der Liebe. Und zur Liebe kann ein Mensch jederzeit zurückkehren. Der Vater, den Jesus uns vor Augen malt, ähnelt in unserem eher patriarchalisch geprägten Kulturkreis viel eher einer äußerst liebevollen Mutter, die ihr zurückkehrendes Kind einfach nur in die Arme nimmt und nichts als Freude und Erleichterung darüber spürt, dass sich keine der entsetzlichen Ängste bewahrheitet hat, sondern das Kind noch lebt. Kein Wort des Vorwurfs fällt, keine Ankündigung: „Aber über das, was du getan hast, reden wir später noch!“. Stattdessen: ein Festgewand, Sandalen als Zeichen der Freiheit und der Siegelring als Zeichen, noch einmal voll erbberechtigt neu anfangen zu dürfen.

Aber Moment mal: Der hat doch sein Erbe schon bekommen! Na und, sagt Gott: Du warst tot und bist wieder lebendig. Du bist wieder da, bist zu mir zurückgekommen. Ich habe dir doch die Scham und die Reue angesehen. Du hast etwas fürs Leben gelernt, du weißt jetzt, wohin du gehörst. Ich habe dich wieder. Du bist endlich der freie, erwachsene, reife Mensch geworden, als den ich dich immer gesehen habe. Willkommen zurück im wahren Leben der Gemeinschaft mit mir! Wir fangen noch einmal neu an.

Liebe Gemeinde, ich liebe das Realitätsbewusstsein des ersten Johannesbriefes. Da wird nichts beschönigt, da werden wir befreit von aller religiös motivierten Heuchelei, indem Johannes ganz deutlich schreibt: Auf der einen Seite ist es uns unmöglich, diese innige Gottverbundenheit Tag für Tag in gleicher Weise zu leben. Wir werden immer wieder mehr oder weniger heftig daraus herausfallen. Diesen Zustand der Verlassenheit nennt die Bibel Sünde oder Trennung. Doch Gott hält die Beziehung zu uns, wenn es sein muss, ganz einseitig aufrecht. Er wartet darauf, dass wir zurückkommen und wo nötig, schickt er uns den guten Hirten hinterher, um uns zu suchen und uns zu tragen, wenn wir den Heimweg nicht mehr aus eigener Kraft schaffen. Alles, aber auch alles, was Gott in seiner Liebe will, ist Gemeinschaft mit uns. Dieser Wunsch ist so groß, ja, ist so sehr Teil seines Wesens, dass er dafür sogar den Tod in Kauf nimmt. Der Augenblick, in dem wir das ganze Ausmaß der göttlichen Liebe zu begreifen beginnen, wird uns für immer verändern.

Und dies ist die andere Seite, die im ersten Johannesbrief beschrieben wird: Wer das Ausmaß der göttlichen Liebe zu ahnen beginnt und sich dieser Liebe öffnet, wird eine innere Wandlung erfahren und selbst zu einer immer tiefer werdenden Liebe fähig werden. Ängste, die uns bisher davon abgehalten haben, Gott, uns selbst und unseren Mitmenschen wirklich zu lieben, die werden abgebaut. Stück für Stück erkennen wir, dass Jesus Gottes Werkzeug und Zeichen ist, um uns in diese liebenden Menschen zu verwandeln. Amen

Pfarrerin Karin Lefèvre

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