Predigt zu Prediger 7, 15-18 (Reihe I), Septuagesimae, 17.Februar 2019 9.30 Uhr, St. Laurentius, Neuendettelsau, Pfr. Peter Schwarz

Es geht um Gerechtigkeit: Im Wochenspruch, im Evangelium dieses Sonntags und in diesem Wort aus dem Buch Prediger geht es um die Frage von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit.

Das Buch Kohelet spricht dabei von einer Erfahrung, die vielen Menschen, auch ernsthaften Christen, unglaublich zu schaffen macht: Da gibt es wunderbare und sympathische Menschen, die sich um ein gutes Leben bemühen – und doch trifft sie ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Und auf der anderen Seite sind da solche, die sich rücksichtslos und egoistisch durchsetzen –aber sie dürfen sich eines langen, von Gesundheit strotzenden Lebens erfreuen. Wie geht das zusammen mit dem Glauben an Gott und seine Gerechtigkeit? Im Sozialen erhebt sich die Frage nach der Gerechtigkeit in unserem Land, wenn es um die Fragen von gerechteten Renten und bezahlbaren Mieten geht.

Die Antwort, die das Buch Prediger auf diese Frage gibt, befriedigt nicht, zumindest nicht auf den ersten Blick. Denn diese Antwort heißt ja: Der Widerspruch zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist nicht aufzulösen. Wir können nur feststellen, dass es ungerecht zugeht auf dieser Welt und im Leben der Menschen und dass wir das so akzeptieren müssen.

Dieses Bibelwort gibt uns den Rat, die Frage nach der Gerechtigkeit einfach zurückzustellen und unsere Ansprüche an das Leben herunterschrauben. Das, so der Prediger Salomo, ist auch zu unserem Besten. „Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.“ Das heißt im Klartext: Lass das Fragen nach Gerechtigkeit sein, es macht dich nur unglücklich.

Nun entspricht das ja tatsächlich der Erfahrung: Wer sich festbeißt an der Frage nach Gerechtigkeit, gerät in die Gefahr, sich und anderen das Leben schwer zu machen. Vielleicht erfahren wir es zuzeiten an uns selbst: Ich arbeite mich an dieser Frage ab und das verdirbt mir die Lust am Leben und die Freude am Glauben. Also besser das Leben genießen, solange es geht, und nicht so genau hinschauen zu den kleinen und großen Ungerechtigkeiten.

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen“. In der Tat, streng und starr an Erwartungen und Vorstellungen festzuhalten, kann Leben zerstören. Aber ebenso fatal ist es, sich völlig von allen Werten und Normen zu lösen und den Dingen ihren Lauf zu lassen, sozusagen das Leben im Freistil zu führen. Das kann ebenso zum Scheitern führen. Sich wundreiben an der Ungerechtigkeit oder sie einfach hinnehmen: Beides ist nicht hilfreich, wenn es darum geht, die Probleme zu lösen.

Ein Schlüssel ist, was wir am Ende hören: „Lass dich von der Gottesfurcht leiten“. Gemeint ist damit eine Haltung, die Gott ganz ernst nimmt und ihn anerkennt. »Gottesfurcht« ist für die Bibel ein Grundbegriff und eine Grundhaltung. Heute sollten wir vielleicht besser von „Ehrfurcht“ sprechen, denn mit Angst im Sinne von Furcht hat die Gottesfurcht der Bibel nichts zu tun.

Jedem Menschen ist die mühselige Suche nach dem Richtigen aufgegeben, zwischen einem starren und tötenden Gesetzesbuchstaben auf der einen und einer genauso tödlichen Beliebigkeit auf der anderen Seite. Aus der Haltung der Ehrfurcht vor Gott werden wir am ehesten das Richtige treffen. Für uns und für unseren Nächsten.

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest“. Doch immer hört es sich ein wenig nach Mittelmaß und Mittelmäßigkeit an. Sollen und wollen wir uns allen Ernstes mit diesem Mittelmaß, d.h. mit der Ungerechtigkeit abfinden? Wohl nicht, zumindest nicht, wenn es um die großen Fragen unserer Zeit geht. Im Evangelium ist es der Arbeitslohn, an dem die Ungerechtigkeit sichtbar wird, heute wäre es die globale Wirtschaftsordnung, die die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden lässt und dabei die Grundlagen des Lebens gefährdet. Der Prediger würde heute wohl sagen: Ein gesundes Maß tut auch dabei Not! Ein gesundes Maß an sozialem Gewissen, und ein gesundes Maß an Gelassenheit und vor allem: Gottvertrauen. Alles in Maßen - das stellt die Balance im Leben sicher! Denn ein Zuviel kann ebenso wie ein Zuwenig alles Ungenießbar machen. Feuereifer kann schnell einen unbeherrschbaren Brand verursachen und träge Teilnahmslosigkeit lässt die Menschen in ihrer Not im Stich.

Aber Balance und Mittelmaß sind nicht das Gleiche. Die Feststellung, dass es keine Gerechtigkeit in dieser Welt gibt, und dass weiß Gott nicht jeder bekommt, was er oder sie verdient hat, diese Binsenweisheit kann nicht das letzte Wort sein über diese Welt.

Das Evangelium erinnert uns daran, dass es in der Tat nicht das letzte Wort ist. Gottes letztes Wort ist, dass er seine Gerechtigkeit verspricht, eine bessere Gerechtigkeit. Davon erzählt das Evangelium: Gott in seiner Gerechtigkeit schaut auf das, was das Leben braucht und dem Leben dient. Deshalb der gleiche Lohn für alle, damit alle leben können und so zu ihrem Recht kommen. Ein Leben in solcher Gerechtigkeit ist nicht Mittelmaß, sondern Geschenk Gottes!

Vertrauen auf diese Gerechtigkeit ist eine tragfähige Mitte für unser Leben! Von dieser Mitte ausgehend muss das Leben immer wieder austariert werden - wie eine Wippe in der Schwebe. Wo soll, wo muss ich dem Unrecht widersprechen, wo soll, wo muss ich mich dreinfügen in die Welt, wie sie nun mal ist? Wir werden das immer neu auszubalancieren haben. Und zugleich wissen wir: Ob unser Leben endgültig in Gleichgewicht kommt, das hängt zuletzt nicht an uns allein. Die Mitte ist Gott. Dort verankert zu sein, dort seinen Halt zu haben, das ist die wahre Weisheit, um die auch der Prediger Salomo ringt.

„Wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen“ - dieses Wort reißt einen neuen Horizont auf. In dem Gewirr der Fragen zeigt sich doch ein Weg für uns und für diese Welt. Stichwort Gerechtigkeit: Der Weg dahin geht nicht an Gott vorbei, er führt uns direkt zu ihm.

Amen

Pfarrer Peter Schwarz

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