Predigt zu Apostelgeschichte 16, 9-15, 2. Sonntag vor der Passionszeit, Sexagesimae, 24. Februar 2019, 9.30 Uhr, St. Laurentius, Neuendettelsau, Pfr. Matthias Weigart

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht geschrieben in der Apostelgeschichte im 16. Kapitel:

Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

Liebe Gemeinde!

Wie wäre es mit einem Urlaub in Griechenland? - Es ist zwar noch ein bisschen hin bis zur Ferienzeit, aber man kann sich ja schon ein paar Gedanken machen. Na, wie wäre es? Vielleicht über Ostern oder Pfingsten, oder doch lieber im Sommer? Und wohin genau? Vielleicht nach Thessaloniki. 2 Stunden 20 Minuten dauert der Direktflug von Nürnberg nach Thessaloniki. Etwa 250 Euro pro Person hin und zurück. Und was kann man da machen? Die Gegend im Norden Griechenlands ist wunderschön, weite Strände, gastfreundliche Griechen, guter Wein, herzhaftes Essen. Es gibt interessante antike Stätten zu besichtigen, bemerkenswerte Antikensammlungen in zahlreichen Museen. Man kann wunderbar wandern oder nur faul am Strand liegen. Ein Hotel ist im Internet in zwei Minuten gefunden. Einen Reiseführer gibt es im Buchladen. Alles in allem nicht allzu teuer. Die Reisekasse wird es schon hergeben. Zwei Wochen Griechenland, das wäre doch was! Erholung, ein wenig Natur, ein wenig Kultur, Menschen kennenlernen und dann wieder nach Hause.

Auf Reisen zu gehen, ist - nicht zuletzt dank Internet - einfach und bequem geworden, soweit man das nötige Geld und die Zeit dazu hat. Ob Geschäfts- oder Urlaubsreise, nahezu jedes gewünschte Ziel auf unserem Planeten lässt sich in kürzester Zeit erreichen. Und genauso zahlreich wie die Reiseziele sind auch die Gründe, warum wir uns auf die Reise begeben: Für manche gehört es zum beruflichen Alltag - sie treffen sich mit Geschäftspartnern oder arbeiten an immer wieder anderen Orten. Manche besuchen Konferenzen und Tagungen, um persönliche Kontakte herzustellen oder zu pflegen. Manche reisen zu Bekannten oder Verwandten. Manche suchen einfach nur die Erholung am Zielort, indem sie durch die Natur wandern oder einfach nur den Strand und das Meer genießen. Andere wollen feiern, Spaß haben und Neues ausprobieren. Und es gibt die, die Kirchen und Baudenkmäler, Ausgrabungsstätten und Museen besichtigen wollen. Die einen fahren immer wieder an denselben Ort, die anderen suchen stets die Abwechslung.

Egal, aus welchem Grund wir eine Reise antreten: Reisen verändert, Reisen bereichert, Reisen bildet. Reisen lässt das Leben in einem anderen Licht erscheinen. Ja, man kann es sogar singen: "Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt, dem will er seine Wunder weisen in Berg und Wald und Strom und Feld." - So zumindest Joseph von Eichendorff.

Liebe Gemeinde, ganz so einfach hatte es der Apostel Paulus nicht wie wir heute. Ohne Reisebüro hatte er unvergleichlich mehr Aufwand, eine Reise zu planen. Und auch die Reise selbst war unendlich mühevoller, gefährlicher und anstrengender, als wir uns wahrscheinlich vorstellen können. Nichtsdestotrotz bin ich davon überzeugt, dass Paulus ein sehr reiselustiger Mensch war. Von drei Missionsreisen berichtet die Apostelgeschichte, und eine vierte und letzte Reise führte Paulus und seine Begleiter nach Rom. Er und seine Gruppe waren mit dem damals modernsten und schnellsten Verkehrsmittel unterwegs: dem Schiff. Und auch mit Pferd kann ich mir Paulus gut vorstellen. Ganz sicher war er aber gut zu Fuß, mit leichtem Gepäck und in guter Gesellschaft. Ja, auch wenn die Reisen für Paulus keine Vergnügungs- oder Urlaubsreisen waren, glaube ich dennoch, dass er auch eine Menge Spaß hatte. Er lernte viele Menschen kennen, erlebte Abenteuer und durfte Städte und Landschaften erkunden, die den meisten seiner Zeit wohl verborgen blieben. Sicher hatte er viele Geschichten zu erzählen. Und auch wenn wir Paulus oft nur in ernsten Worten aus den Schriften kennen - ich denke, er war ein Optimist, einer, der das Leben liebte und der auch eine gehörige Portion Humor hatte. Denn welcher Mensch würde sich sonst mit solcher Begeisterung immer wieder auf den Weg in die Fremde machen! Wer würde mit anderen Menschen so gerne in Kontakt kommen! Wer würde all die Gefahren und Strapazen auf sich nehmen! Wer würde Menschen begeistern können? - Nur einer, der das Leben, das Reisen und Lachen liebt!

Paulus ist - so unser Predigttext - auf dem Weg. Es ist seine zweite, seine sogenannte Missionsreise, die ungefähr in den Jahren 49 bis 52 stattfand. Etwa vier Jahre war er also unterwegs, wobei weder die Route noch die Dauer der Reise im Voraus geplant waren. Von Jerusalem über Antiochia, Lystra, durch Phrygien, Galatien und Mysien erreichte er Troas. An vielen Orten gab es erstaunlicherweise schon christliche Gemeinden, oder er besuchte jüdische Gemeinden, denen er von Jesus Christus erzählte. Wochen, manchmal auch Monate, war er unterwegs, hielt sich hier und da längere Zeit auf, um zu arbeiten und Geld für die Weiterreise zu verdienen.

Von der Stadt Troas aus fuhren Paulus und seine Begleiter mit dem Schiff nach Somothrake – wie es heißt – und am anderen Tag nach Neapolis und damit verließ die Missions-Gruppe Kleinasien und betrat zum ersten Mal europäischen Boden. Von Neapolis aus gingen Paulus und die Seinen wohl zu Fuß nach Philippi, einer römischen Kolonie und einer nicht unbedeutenden Stadt. Die weitere Reise wird Paulus über Thessalonich nach Athen, Korinth, Ephesus und schließlich wieder zum Ausgangspunkt der Reise, nach Jerusalem führen.

Aber jetzt sind wir in Philippi, einer Stadt mit vielen Menschen. Und das ist genau der Grund, warum Paulus hier ist, nämlich um das Evangelium, die gute Botschaft zu predigen. Das ist sein eigentliches Anliegen, das ist seine Aufgabe und Leidenschaft. Um dies tun zu können, braucht er Menschen, die ihm zuhören. Also tut er das Naheliegende: Er und seine Begleiter versuchen, Kontakt aufzunehmen. Erst einmal in der Stadt umsehen. Und dann, am Sabbat, die Menschen dort aufsuchen, wo sie zum Gottesdienst und zum Gespräch zusammenkommen. Tatsächlich findet Paulus so einen Ort, draußen am Fluss, wo die Menschen gemütlich am Ufer sitzen, die Sonne genießen und sich unterhalten. Es ist eine Gruppe von Frauen, die da zusammensitzen und miteinander plaudern. Paulus und seine Begleiter fragen, ob sie sich dazu gesellen dürfen. Sie dürfen, denn Fremde sind interessant, haben vielleicht Neuigkeiten zu berichten aus fremden Ländern und Städten, denn so sehen sie ja auch aus. „Wo kommt ihr her?“ - „Habt ihr schon unsere Stadt angesehen?“ - „Was ist euer Broterwerb? “- „Was macht ihr hier?“. So kommt ein Gespräch in Gang. Mit der Zeit geht die Unterhaltung in die Tiefe. Die Frauen fassen Vertrauen. Man verabredet sich zum Essen am anderen Tag. Das Gespräch geht weiter.

Und da ist diese ganz bemerkenswerte Frau. Lydia heißt sie; und der Name bedeutet, dass sie aus dem Land Lydien kommt. Sie ist also auch eine Fremde. Von Beruf ist sie Purpurhändlerin. Und damit entsteht ein Bild, das diese kleine Erzählung zu etwas ganz Besonderem macht.

Eine Frau tritt vor mein inneres Auge: Sie ist schon ein wenig älter, braungebrannt und hat ein paar Falten um die Augen. Ihr Haar ist grau, und sie hat sich die langen Strähnen zu einem Zopf gebunden. An ihren Ohren prangen große, goldene Ohrringe und ihre Finger zieren zahlreiche goldene Ringe mit glänzenden Steinen. Ihr Kleid ist kostbar und auffällig. Sie ist eine mondäne, extravagante Erscheinung, eine Frau, die genau weiß, was sie will, die sich auszudrücken weiß und der man nichts vormachen kann. In einer Männerwelt hat sie einen lukrativen Handel aufgebaut. Denn Purpur ist ein Luxusartikel, ein Farbstoff für die Reichsten der Reichen, kostbarer als Gold, in der Herstellung immens teuer und aufwändig. Sie geht ein und aus in den Häusern von Reichen und Schönen, von Fürsten und Königen. Lydia ist eine Geschäftsfrau wie sie im Buche steht, ein wenig hart, ein wenig streng, aber immer gerecht, geradlinig, freundlich und besonnen. Lydia weiß genau, was sie wert ist. Sie hat Bedienstete und Mitarbeiter, ein großes Haus und Kontakte in alle Welt. Ja, Lydia ist eine Frau von Welt, eine bemerkenswerte, eine weise Frau!

Sie tut, was weise Menschen zuallerallererst tun: Sie hört zu. Sie hört sich an, was Paulus zu sagen hat. Sie ist interessiert, nicht nur an dem, was nach Geschäft riecht. Sie ist an viel mehr interessiert. Vielleicht ist sie seit langem auf der Suche nach dem, was das Leben ausmacht. Vielleicht sucht sie nach Antworten für ihr Leben. Vielleicht sucht sie nach mehr, nach dem, was Leben wirklich bedeutet. Vielleicht sucht sie nach dem, was noch wichtiger ist als Reichtum und Erfolg.

Und da passiert etwas im Gespräch, in ihrem Zuhören und Nachfragen. Die Worte des Paulus berühren sie zutiefst. Das Evangelium dringt ihr ins Herz. Es heißt: „Der Herr tat ihr das Herz auf.“ Die Purpurhändlerin Lydia erfährt, was Glaube heißt. Sie erfährt, dass in und durch Jesus Christus Gott selbst sichtbar wird. Sie erfährt, dass Liebe die einzige, die größte und stärkste Macht ist. Sie „erfährt“, das heißt, es durchdringt sie, es erleuchtet sie, es begeistert sie - sie, die rationale, kühle, welt- und lebenserfahrene Lydia. Es ist folgerichtig und passt zu Lydia, dass sie ihren Glauben gleich weitergibt. Ja, sie nimmt ihr ganzes Haus, alle die mit ihr zusammenleben, alle Bedienstete, Freunde, Bekannte und Mitarbeiter – sie nimmt alle mit in ihren Glauben hinein. Sie wird selbst zur Missionarin, zur Botin, zur Verkünderin. Und alle, die mit ihr leben und arbeiten, ihr ganzes Haus, wird getauft. Paulus muss auch noch länger bleiben, muss weitererzählen, muss ihr noch mehr von Jesus Christus berichten, muss sie noch festigen. Sie nötigt Paulus und seine Begleiter, noch bei ihr zu bleiben.

Liebe Gemeinde, es wird nicht erzählt, wie lange Paulus geblieben ist. Es ist auch nicht überliefert, was er alles erzählt hat. Doch ich bin mir sicher, dass er Zeit genug hatte, Lydia und ihrer Hausgemeinschaft noch viel über Christus zu erzählen. Genauso sicher bin ich mir, dass durch diese Hausgemeinschaft noch viele weitere Menschen für Christus gewonnen wurden.

Lydia steht mir vor Augen, wie sie selbstbewusst und stolz in die Halle ihres großen Hauses tritt, wie sie alle Bewohner, Frauen und Kinder, junge und alte Männer um sich versammelt. Sie spricht zu ihnen voll Liebe und Zuversicht, voller Geduld und mit leuchtenden Augen. Sie streicht den Kleinen über die Haare und drückt die Schulter des Alten, sie umarmt die junge Magd und tätschelt die Wange des Jünglings. Und dann sagt sie: „Das brauchen wir jetzt, dass wir getauft werden. Denn Jesus Christus ist die Wahrheit, die einzige, die allumfassende. Wir wissen jetzt, wer Gott ist, wie er ist und was er für uns will. Wir dürfen glauben. Wir dürfen sicher sein, dass wir in ihm und durch ihn leben. Wir dürfen gewissen sein: Nichts wird uns trennen von der Liebe Gottes, niemals.“

Mich erfüllt die Hoffnung, dass Gott auch deren Herz aufgetan hat. Und ich hoffe, dass Gott auch uns das Herz auftut, immer wieder neu, dass all unsere Zweifel und unser Kleinglaube keine Wurzeln fassen. Ich hoffe und bete, dass Gott den Glauben in uns weckt und stärkt.

Ich glaube – wie Martin Luther sagt – dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten hat, gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben, in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt und am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird und mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben wird.

Das ist gewisslich wahr.

Amen.

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