Ruhig und unbelebt wirkt das Karoline-Rheineck-Haus in Neuendettelsau, das ein bisschen versteckt hinter den Doppeltürmen von St. Laurentiusliegt, an einem Wochentag morgens um 6 Uhr. Doch der Eindruck täuscht. In den oberen Stockwerken, in denen Diakonissen ihren Ruhestand, „Feierabend“ genannt, genießen, ist es zwar noch still, doch unten im Keller herrscht um diese Zeit schon Hochbetrieb: Irmgard Wild und ihre Kolleginnen mischen in einer ganz besonderen Bäckerei Mehl mit Wasser. Mehr Zutaten bedarf die Herstellung der Hostien in der einzigen evangelischen Hostienbereitung in Bayern nicht.

Rund um Ostern herrscht Hochsaison. Nicht nur erinnern die Gottesdienste an Gründonnerstag mit Abendmahlsfeiern an das letzte Abendmahl Jesu Christi mit seinen Jüngern, sondern auch die Konfirmationen und Erstkommunionen, die i.d.R. zwischen Ostern und Pfingsten stattfinden, sorgen für erhöhte Nachfrage. 7.000 Hostien pro Tag werden in dieser Zeit täglich in liebevoller Handarbeit hergestellt. Seit am 15. Mai 1858, vor 160 Jahren, die ersten Hostien das Hostieneisen verlassen haben, hat sich an den Arbeitsabläufen kaum etwas verändert: Seit 1917 werden die Eisen elektrisch beheizt und die Teigherstellung inzwischen von einer Maschine unterstützt. Ansonsten ist alles (fast) wie vor 160 Jahren: In der Tradition des ungesäuerten Brotes, das zu Pessach in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten gereicht wird, enthält der Teig ausschließlich Wasser und Mehl.

Hostieneisen

Eher getrocknet als gebacken wird in schweren Hostieneisen, die Waffeleisen ähneln, und deren regelmäßige Bedienung jedes Armmuskeltraining ersetzt.

Hostienstanze

„Mit Hand und Fuß“ stanzen die Mitarbeiterinnen der Bäckerei, unter ihnen auch Feierabendschwestern, die einzelnen Hostien aus den großen Platten mit 28 Stück aus: Die Hand positioniert die Hostienplatte unter dem Stanzmesser, das mit dem Fuß betrieben wird. Am großen Tisch werden die fertigen Hostien von Hand verlesen, gezählt und in Rollen verpackt. Von dort finden sie ihren Weg in über 3.000 evangelische und katholische Gemeinden in ganz Deutschland und weit darüber hinaus.


Ein besonderes Brot: Das Brot des Lebens – der Leib Christi

Hostien sind symbolträchtig. Sie repräsentieren den Leib Christi (Luk. 22,19):

Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.

Durch das aufwändige manuelle Verfahren in der Hostienbereitung in Neuendettelsau wird jede Hostie zu einem Symbol des Leib Christi. Das Mischverhältnis des Teigs und die Backtechnik sorgen für den Glanz der Hostie, der das Licht der Welt, Jesus Christus symbolisiert.

Durch Gravuren im Hostieneisen werden auf jeder Hostie Glaubenssymbole eingeprägt. Werfen Sie beim nächsten Abendmahl einmal einen Blick auf die Hostie, die Sie bekommen. Vielleicht kommt sie aus Neuendettelsau und zeigt eines der folgenden Symbole:


Die Symbolhostien der Hostienbäckerei Neuendettelsau

Hostiensymbole: Chrisutusmonogram und IHS

1: Die griechischen Buchstaben X (Chi) und P(Rho) sind die Anfangsbuchstaben des Wortes Χριστός (Christós). Die zusammengesetzte Darstellung des Christusmonogramms, wie auf der Hostie, wird auch Konstantinisches Kreuz genannt. Der Legende nach hatte Konstantin der Große vor einer entscheidenden Schlacht eine Vision, in dem ihm dieses Zeichen erschien und Christus ihm verkündete „In hoc signo vinces – In diesem Zeichen wirst du siegen“.

2: Ein Nomen sacrum, ein heiliger Name, der aus den griechischen Buchstaben Iota (Ι), Eta (Η) und Sigma (Σ) besteht, steht für Jesus (Ι Η Σ Ο Υ Σ). Heilige Namen wurden bis Mitte des 15. Jahrhunderts praktisch nie ausgeschrieben, was durch einen Kürzungsstrich angedeutet wurde. Später wurde daraus das Kreuz.
Volkstümlich wird das IHS gerne als Jesus Heiland Seligmacher gelesen.

Hostiensymbole: Monogram mit Fisch, griech. Kreuz

3: Im Christusmonogramm befindet sich ein Fisch, heute das Symbol des Christentums, zur Zeit der Christenverfolgungen ein geheimes Erkennungszeichen. Das griechische Wort für Fisch lautet Ichtys ΙΧΘΥΣ und ist eine Abkürzung (Akronym) für „Jesus Christus, Gottes Sohn – Erlöser“. Auf Griechisch „Iesous Christos, Theou (H)yios Soter“.

4: Vier gleich lange Seiten bilden im rechten Winkel zueinander das griechische Kreuz, das in der christlichen Kirche als Segensgeste verwendet wird. Es steht nicht nur für den Opfertod Jesu Christi und seinem damit verbundenen Sieg über den Tod, sondern es symbolisiert auch die Verbindung zwischen dem Irdischen – die waagrechte Achse des Kreuzes – und dem Himmlischen bzw. Göttlichen – die senkrechte Achse des Kreuzes.

Hostiensymbole:Alpha&Omega, Jesus Christus siege

5: Das Kreuz in Kombination mit dem ersten und dem letzten Buchstaben des griechischen Alphabets Alpha und Omega bezieht sich auf mehrere Äußerungen Jesus Christus in der Offenbarung des Johannes, z.B. 22,13: „Ich bin das A und O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“

6: Auch dieses Christussymbol hat seinen Ursprung im Griechischen IHCOYC XPICTOC – der erste und der letzte Buchstabe bilden im rechten und linken oberen Kreuz ein Christusmonogramm. Hinzu kommt im unteren Teil das griechische Wort NIKA, siege. Hostien mit den „Jesus Christus siege“ werden gerne beim griechisch-orthodoxen Abendmahl verwendet.

Hostiensymbole: Licht & Leben, Kruzifix

7: Die griechischen Worte Licht (phos) ΦωC und Leben (zoe) ZωH bilden ein Kreuz. Sie erinnern an zwei der „Ich-bin“-Worte Jesu: „Ich bin das Licht der Welt (Joh. 8,12) und „Ich bin das Brot des Lebens.“ (Joh. 6,35)

8: Das Wort Kruzifix setzt sich aus den lateinischen Worten cruci und fixus zusammen, was „ans Kreuz geheftet“ bedeutet. Es bezeichnet Darstellungen eines Kreuzes mit dem Gekreuzigten. Uns erinnert es an daran, dass Christus für uns, zur Rettung aller Menschen gestorben ist.

Hostiensymbole: Osterlamm allein, Buch 7 Siegeln

9: Im Alten Testament ist das Lamm das klassische Opfertier. Es wurde geschlachtet, um Versöhnung herbeizuführen.
Im Neuen Testament wird Jesus Christus zum Lamm: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt“ (Joh. 1,29). Am Karfreitag, dem Todestag, wird er „geopfert“. Die Siegesfahne symbolisiert den Sieg über den Tod durch die Auferstehung Jesu am Ostersonntag.

10: Das Buch mit den sieben Siegeln ist ein Bild aus der Offenbarung des Johannes. „Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.“ (Offenbarung 5,1). Nur das Lamm, also Jesus Christus, ist in der Lage die Siegel zu öffnen.
Neben dem Osterlamm, das an den Tod und die Auferstehung Christi erinnert, verheißt dieses Symbol gleichzeitig seine Wiederkunft, denn durch das Öffnen des Buches wird das Jüngste Gericht ausgelöst und damit das Kommen des Reichs Gottes.

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