Seit Mai 2018 hat die Kleinstadt Oettingen eine Attraktion mehr: „Oettingen – einfach erleben“. Eine Gruppe begeisterter Oettinger, die zu den Offenen Hilfen Oettingen, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung der Diakonie Neuendettelsau, gehören, zeigen Besuchern ihre Stadt – in einfacher Sprache.

Ein Erfahrungsbericht von Sonja Meyer

Ein herzliches Willkommen in Oettingen

„Ich bin so nervös!“, gesteht Silke Kloß an diesem Morgen um kurz nach 10 Uhr vor den Johannes-Heimen der Diakonie Neuendettelsau in Oettingen. Der Grund dafür ist verständlich: vor ihr stehen neun Erwachsene mit zwei Kleinkindern, die sie alle gespannt anschauen. Unsere Führung „Oettingen – einfach erleben“ beginnt und Silke hat die Aufgabe übernommen, uns offiziell zu begrüßen. Kurz davor waren wir von unseren sechs Stadtführern mit einem herzlichen „Hallo“ in Empfang genommen worden.

Drei Stadtfürher begrüßen die Besucher
Herzlicher Empfang in Oettingen: Andrea Beranek, Silke Kloß und Gerhard Enzelberger heißen die Besuchergruppe Willkommen.


Die Stadt mit Geschichten füllen und erlebbar machen

„Herzlich Willkommen in Oettingen!“, beginnt nun Silke nach ein paar aufmunternden Worten von uns und von Andrea Beranek, Koordinatoren bei den Offenen Hilfen Oettingen, auf die das Stadtführer-Projekt zurückgeht. Silke ist gebürtige Oettingerin und hat Trisomie 21, besser bekannt als Down-Syndrom. Für sie war es ein Glücksfall, dass die Diakonie Neuendettelsau 1989 das ehemalige Kinderheim und Internat übernahm und dort eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung ansiedelte, so konnte sie zu Hause bleiben. Sie nutzt die Angebote der Offenen Hilfen, wohnt aber noch im Elternhaus. Jetzt ist sie ein Glücksfall für das frischgebackene Stadtführerteam. Sie bereichert den Rundgang durch ihre Stadt mit persönlichen Anekdoten und Geschichten aus ihrer Familie. Und für uns ist sie ein Glücksfall, weil Oettingen plötzlich eine weitere Dimension gewinnt: es ist nicht mehr nur der Ort, dessen Sehenswürdigkeiten wir kennenlernen möchten, sondern er füllt sich mit Leben und Gefühlen.

Stadtführerin mit Down-Syndrom
Gebannt lauschen wir Silke, die uns mitnimmt auf eine Zeitreise in das Oettingen ihrer Kindheit.

Genau darauf kommt es den Stadtführern mit Behinderung an: ihnen geht es nicht um Zahlen und Fakten, sondern darum ihren Ort mit Geschichten zu füllen und erlebbar zu machen, für alle, in einfacher Sprache. Dabei kann jeder seine Stärken einbringen. Das wird schnell klar als Silke fortfährt: „Sei gegrüßt Gast in dieser Stadt / und erkunde, was sie zu bieten hat“. Sie rezitiert den Torspruch eines der Oettinger Stadttore, dabei tritt zum ersten Mal Uwe Bielert in Aktion, der sehr aufmerksam und kontaktfreudig ist. Er hat eine Mappe mit den wichtigsten Abbildungen dabei und zeigt jedem der aufmerksamen Zuhörer das Foto des Stadttors – übersehen wird dabei sicher keiner.

Dank Uwe entgeht der Reisegruppe kein Detail
Mit seiner Mappe sorgt Uwe dafür, dass uns kein Detail entgeht.


Unter den Fittichen des Storchs durch die Stadt

Nach einer Vorstellungsrunde geht es dann zur ersten Station – sicher geleitet von Klaus Dittrich. Neben einer Warnweste trägt er ein Schild an dessen Spitze uns das wichtigste Tier des Ortes, der Storch, den Weg weist. Das Schild selbst wechselt und verrät uns immer an welchem Ort wir uns gerade befinden. Klaus sorgt dafür, dass wir niemanden verlieren und immer alle sicher über die Straße kommen – mit zwei Kleinkindern in der Gruppe eine nicht immer leichte Aufgabe.

Sicher geleitet: Man führt Reisegruppe
Auf der Spur des Storchs: Klaus weist uns sicher den Weg

Im Tor vor dem Schlosshof übernimmt Gerhard Enzelberger die Gruppe und zeigt an einem Stadtplan erst einmal die geplante Route. Er ist der Mann für größere Zusammenhänge und komplexe Themen. Vor allem ist er aber begeistert von der Stadt, in der er seit 25 Jahren lebt. 

Mir macht es Spaß meine Stadt zu zeigen. Ich möchte hier alt werden.

verrät er uns. Sein Lebensmotto ist mit offenen Augen durch die Straßen zu gehen – dann gibt es immer etwas zu entdecken. Eigentlich arbeite er hauptberuflich im Oettinger Albrecht-Ernst-Gymnasium. Er ist dort Hausmeister, in seinen Worten „Mädchen für alles“ und war vom ersten Tag an „voll integriert“. Inklusion ist ihm wichtig und die hat er hier gefunden. 

Wir gehören hier einfach dazu!

Dass das stimmt, erleben wir: jede Person, darunter die Bürgermeisterin, der wir an diesem Morgen begegnen, begrüßt alle oder einzelne Stadtführer herzlich.

Stadtführer zeigt Route an Wandkarte von Oettingen
Gerhard zeigt uns, welchen Weg wir durch die Stadt nehmen

Wir lernen das Residenzschloss, evangelisch St. Jakob und katholisch St. Sebastian kennen. Von Klaus Ulbrich hören wir Geschichten: Warum lieben die Oettinger ihre Störche so sehr, was hat es mit der Legende der Oettinger Hungerleider auf sich? In verwinkelten Straßen stoßen wir überraschend auf Sehenswertes. Stolz erzählen unsere Stadtführer, dass nicht einmal alle Oettinger den Schwertlesbrunnen kennen. Am Marktplatz staunen wir auf der einen Straßenseite über Fachwerkgiebel, auf der andern über barocke Fassaden. Die beiden architektonischen Stile sind hier sauber getrennt. Warum? Kommen Sie nach Oettingen, finden Sie es heraus!

Gerhard gestikulierend vor dem Schwertlesbrunnen
Gerhard präsentiert und den Schwertlesbrunnen mit der Neptunfigur


Viel zu schnell vorbei

Viel zu schnell gehen unsere 1,5 Stunden vorbei – wir könnten noch stundelang zuhören und mit der liebenswerten Truppe Oettingen einfach entdecken. Ganz am Ende, vor der ehemaligen Synagoge, die nur noch an einem Fenster und am Denkmal vor der Tür zu erkennen ist, berichten unsere sechs, zu Recht stolz, wie sie zu Stadtführern geworden sind. Fast zwei Jahre haben sie daran gearbeitet: Stadtführungen in Oettingen und anderen Städten besucht, an Fortbildungen zum Sprechen vor Menschen teilgenommen; Material über die eigene Stadt gesammelt, sortiert und ausgewählt, was sie gerne mit ihren Besuchern teilen möchten. Anschließend Texte geschrieben und in einfache Sprache übersetzt. Am Schluss gab es noch eine Prüfung: ihre erste richtige Führung!

Jahreszahlen gibt es bei dieser Führung keine – dafür erlebt man die Stadt einfach. Das kommt auch bei den Besuchern an: 

Ich hatte noch nie eine Führung mit so begeisterten und engagierten Stadtführern.

Der Abschied ist noch herzlicher als das Willkommen. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, die alle Beteiligten, Stadtführer wie Besucher, genossen haben.


Ausklang

Beim Mittagessen in der empfohlenen griechischen Taverne treffen wir wieder auf Gerhard – er nimmt selbstverständlich mit seiner Zeitung am Stammtisch Platz. Nicht ohne uns herzlich zu begrüßen. Zum Abschluss gewährt er uns noch einen Blick auf einen Schnappschuss von seinem Oettingen: Der Kreisverkehr am Ortseingang mit dem goldenen Bierkessel, der gerade von einem großen Oettinger-Bierlaster umrundet wird. Wir fühlen uns willkommen, fast schon ein bisschen zu Hause.


Infos zu "Oettingen – einfach erleben"

Dauer: ca. 1,5 Stunden
Maximale Teilnehmerzahl: 15 Personen
Buchung per Email

Weitere Infos finden Sie auf der Seite der Stadt Oettingen und in der Presseberichterstattung der Diakonie Neuendettelsau.

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