Predigt zu Lukas 1, 39-56 (Reihe I), 4. Advent, 23.12.2018, 9.30 Uhr, St. Laurentius, Neuendettelsau, Pfr. Peter Schwarz

Der 4. Adventsonntag führt uns zurück an die Wurzeln von alledem, was wir an Weihnachten feiern. In der Begegnung der beiden schwangeren Frauen, Elisabeth und Maria, kommen die beiden Seiten dieses Festes schon heute, am vierten Advent, zum Klingen:

Da ist zuerst das Geheimnis des werdenden Lebens, das sich in Elisabeth wie in Maria meldet. Es führt die beiden Frauen zueinander. Und dabei ist die Ahnung spürbar, dass hinter diesem werdenden Leben noch etwas Größeres und Tieferes verborgen ist. Dies ist das Zweite, das Ziel: Gott kommt. Der Herr ist nahe. Das macht Leben unendlich wertvoll.

Zu ermessen, was unser Leben wert ist, fällt uns selbst oft schwer. Zu oft verdunkeln Erfahrungen von Unzulänglichkeiten, von Mühsal und Schmerz uns den Blick auf unser Leben. Das kann sich wie ein bleiernes Tuch auf die Seele legen und jede Freude ersticken.

Ein ungeborenes Kind, das werdende Leben im Leib einer blutjungen und unverheirateten Frau, ist damals wie heute eher Grund zu Sorge und Angst denn ein Grund zum Jubeln. Weil sich wohl jede und jeder eine Geburt und ein Aufwachsen in Sicherheit für sein Kind wünscht, wird die Verantwortung für das werdende Leben unter solch problematischen Bedingungen zur Last. Diese Last ist es vielleicht, die Maria auf den Weg bringt in das Gebirge von Juda zu ihrer Cousine Elisabeth.

Doch schon im Gruß der Elisabeth klingt ein ganz anderer Ton an: Gesegnet bist du unter den Frauen, gesegnet und beschenkt. Im Gruß der Elisabeth erfährt Maria das werdende Leben nun als ein Geschenk. Jedes Leben, mag es auch bedrängt und infrage gestellt sein durch innere oder äußere Not, ist und bleibt Geschenk, eine Gabe Gottes. Es wäre ein Segen, wenn wir lernen würden, so vom Leben zu reden. Dass es ein Segen ist, trotz allem. Sei gegrüßt, du Beschenkte. Das Leben, das in dir wächst, ist nicht Last und Bedrohung, sondern vor allem dies: Geschenk und Segen.

Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, so geht es in den alten Übersetzungen weiter. Gesegnet ist Maria, weil die Frucht ihres Leibes gesegnet ist und großer Segen sein wird für alle Welt. Die Farben, in denen uns der Evangelist Lukas die Begegnung der beiden Frauen vor Augen malt, lassen erkennen, dass hinter diesem werdenden Leben noch etwas Größeres und Tieferes verborgen ist. Da geht es nicht mehr nur um einen Fötus, aus dem ein Kind wachsen wird, da nimmt eine Gabe des Himmels Gestalt an, das große Geschenk Gottes wird Mensch.

Dieses Größere und Tiefere kommt nun im Lied der Maria zum Klingen. In ihrem Lobgesang, dem Magnifikat, führt sie uns nun behutsam an diese Größe und Tiefe heran, und zunächst sind wir dabei noch Zuhörer. Das Magnifikat der Maria führt uns hinein in das Geheimnis des Lebens von Jesus Christus, es ist das Präludium auf das Leben, Sterben und Auferstehen des Gottessohnes, und damit der Auftakt für unsere Erlösung. Maria bereitet uns vor auf das, was noch kommen wird. Wann und wo immer dieses Lied gesungen wird, erinnert es daran: Gott gibt uns Menschen nicht auf. Er hört nicht auf, zu dieser Welt und ihren Menschen zu kommen, er hört nicht auf, in unsere Geschichte und in unsere Lebensgeschichten zu kommen.

Die Bilder, die im Lied der Maria auftreten, lassen die Geschichte Gottes mit seinem Volk anklingen: Das sind die Niedrigen, die erhoben werden, und die sehen, wie die Mächtigen vom Thron gestürzt werden. Dort, im ersten Bund, sind schon die Hungrigen, die mit Gütern erfüllt werden. Es ist eine Reise zu den Wurzeln, auf die uns das Magnifikat mitnimmt. Von Anfang an will Gott, dass seine Menschen leben. Von Anfang an sagt er Ja zu ihnen.

Aber es wäre viel zu wenig, würde es bei der Vergangenheit bleiben. Wenn sich die Geschichte Gottes mit den Menschen nur im „ES-WAR- EINMAL“ abspielte, würde sie zum erbaulichen Märchen. So wie für viele das kommende Fest ein erbauliches Märchen ist, ein „Alle-Jahre-Wieder“, das aus einer fernen Zeit herüberklingt und doch fernab ist von aller unserer Wirklichkeit. Doch diese Reise in die Vergangenheit trägt in sich den Keim der Hoffnung für die Zukunft. Der Herr ist nahe. Nicht, weil Gott einmal und einst Großes getan hat an seinem Volk, singt Maria. Sie singt, weil Gott immer noch dran ist. Er ist noch dabei, zu uns zu kommen.

Eine junge schwangere Frau hält der Welt einen Spiegel vor. Einen Spiegel, der nicht Negativschlagzeilen und Katastrophenszenarien zeigt, sondern Bilder voller Hoffnung. Es ist ja ein Phänomen, dass die Stimmen aus der sogenannten Dritten Welt, die Stimmen derer, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, oft von Hoffnung und Vertrauen auf Gott zu reden wissen - im Gegensatz zu uns, denen so viel zur Verfügung steht und doch oft die Zuversicht des Glaubens fehlt.

Marias Lied kann heraushelfen, wo wir uns verlieren möchten im Klagen über die kleinen und großen Ungerechtigkeiten der Welt und in unserem Leben. Es öffnet uns den Blick auf Gott, der sich auf die Seite der Menschen stellt, und es öffnet den Blick auf die, denen seine Liebe besonders gilt.

„Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Das Lied der Maria macht frei von Sentimentalität oder falschem Selbstmitleid, weil es uns aus der Hilflosigkeit herausruft. Es gibt der Hoffnung eine Stimme, der Hoffnung auf Gottes Gerechtigkeit. Mit dem Magnifikat sind wir auf der Seite all derer, die Opfer sind von Gewalt und Unrecht. Mit ihnen und für sie sollen wir singen und beten. Auch daran erinnert uns das Magnifikat.

Zuletzt: Es ist ein dreifaches Bild von Maria, das Lukas in diesem Evangelium malt. Sie ist die werdende junge Mutter auf der Suche nach Nähe und Halt bei ihrer Schicksalsgefährtin Elisabeth. Zugleich ist sie die gesegnete Frau, in deren Leib Gottes Verheißung Gestalt annimmt. Und schließlich ist sie im Gruß der Elisabeth die Frau, die von Gott geehrt und von den Menschen erhoben wird. Von ihr werden Kinder und Kindeskinder singen. Es lohnt sich, auf sie zu schauen an diesem vierten Advent, und ihr Lied zu hören. Es hilft uns, wenn wir mit ihr Gott preisen, der uns so nahe ist. Amen.

Pfarrer Peter Schwarz

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