Predigt vom 19. August 2018 (12. Sonntag nach Trinitatis)

Apostelgeschichte 3, 1-10 (Reihe IV)

Pfr. Peter Schwarz

Der Gelähmte hat Glück – in jeder Hinsicht. Er ist zur rechten Zeit am rechten Ort und begegnet dort den richtigen Menschen. Der Platz an der „Schönen Pforte", an einem der Tempeltore, ist ein Ort, wo Menschen um Almosen betteln dürfen. Sie werden sogar extra dazu hingebracht, und keine Ordnungsmacht hat das Recht, das zu unterbinden und sie von diesem heiligen Ort zu vertreiben. Die Kathedralen des Mittelalters und später die Moscheen des Islam haben dieses Recht der Armen übernommen. Erst unserer Zeit ist es in den Sinn gekommen, solche Menschen von den Türen unserer Konsumtempel zu vertreiben und obendrein denen Strafe anzudrohen, die ihnen helfen. Karstadt und Kaufhof und wie sie alle heißen, sie nehmen sich heraus, was vor dem Tempel im Angesicht der Lorenzkirche in vergangenen Jahrhunderten undenkbar gewesen wäre. Damit haben wir etwas ganz Wichtiges verloren: Der Weg zu Gott führt auch zum Mitmenschen, der in Not ist. Der Weg zu Gott ist immer auch der Weg zum Menschen. Gebet und Nächstenliebe, Liturgie und Barmherzigkeit gehören zusammen, das eine ist ohne das andere nicht denkbar.

Die Apostel begegnen dem Gelähmten, als sie auf dem Weg zum Gebet sind. Wir sehen die beiden, Petrus und Johannes, wie sie in den Tempelbezirk gehen zur neunten Stunde. Das ist die Zeit, in der dort das Abendopfer dargebracht wird, und zu dieser Zeit versammeln sich fromme Menschen, um im Tempel zu beten. Unter ihnen die beiden Apostel. Ganz fraglos schließen sie sie sich dem Brauch Israels an und vollziehen das Ritual mit. Noch sind Kirche und Synagoge nicht getrennt. Indem sie am regelmäßigen Gebet des Gottesvolkes im Tempel zu Jerusalem teilnehmen, bekennen sie: Wir gehören zu diesem Volk. Wesentlicher Bestandteil dieser gemeinsamen Gebete ist das Singen der Psalmen, eine Übung, die wir bis heute in den Tagzeitengebeten pflegen. Das Singen im Atemrhythmus, die Unaufgeregtheit der Melodien, die immer wiederkehrenden Worte, das alles hilft zur inneren Sammlung. Diese Ruhepunkte machen nicht blind für das, was um einen her geschieht. Und echtes Beten macht nicht blind für die Wirklichkeit. Ganz im Gegenteil: Gebet und Singen will aufmerksam und empfindsam für andere Menschen machen. Die Not wird nicht ausgeblendet, sie kommt in den Blick.

Die Erzählung von der Heilung des gelähmten Mannes an der Schwelle des Tempels ist die Fortsetzung der Pfingstgeschichte: Der Heilige Geist ist über die Apostel gekommen. Und dieser Geist ist in ihnen gegenwärtig. Darum können Petrus und Johannes wie Jesus Gottes Willen verkündigen und in seinem Namen Kranke heilen. Was Jesus getan hat, nämlich die Gegenwart Gottes in Worten und Taten hörbar und sichtbar zu machen, das ist jetzt der Auftrag der Kirche. Dabei begegnen sie in dem Gelähmten dem Leiden überhaupt. Geistesgegenwart, die Gegenwart des Heiligen Geistes, führt nicht am Leid vorbei, sondern zu den Leidenden.

Und das geht nicht so nebenbei. In drei Schritten bereitet sich die Heilung vor: Anrede, Blickkontakt und Zupacken.

Anrede: Dass Petrus den bettelnden Mann anredet, nimmt diesen heraus aus der Anonymität. Die Mauer des Schweigens wird gebrochen, diese Mauer, hinter der sich so viele Menschen eingesperrt und gleichzeitig ausgesperrt fühlen mit ihrem Leid und ihrer Not. Wie am Anfang Gott durch seine Anrede den Menschen zum Gegenüber macht, so wird durch die Anrede der Apostel für den Gelähmten etwas Neues auf den Weg gebracht. Wo immer Heilung geschieht und von Gott geschenkt wird, wird die neue Schöpfung sichtbar, leuchtet das Reich Gottes auf.

Blickkontakt: „Sieh‘ uns an“. Wo Blicke sich begegnen, wird eine Beziehung hergestellt. Das ist uralte biblische Weisheit: Gott ist immer „der Gott, der mich ansieht“. Das hören wir im Alten Testament zum ersten Mal aus dem Mund der Hagar, der Dienerin Abrahams und Saras. Sie, die eigentlich im Schatten der Verheißungen steht, erfährt dennoch: Gott sieht mich an, sein Licht fällt auf mich. Das bedeutet Sicherheit und Zukunft für sie und für jeden, den Gott ansieht. Auch für den Gelähmten beginnt mit dem Augenkontakt zu Petrus ein neues Leben.

Wie viele Kranke wünschen sich das heute, auch in unseren Häusern, dass sie angeschaut werden und ein Wort an sie gerichtet wird. Wie viele Pflegekräfte leiden darunter, dass eben dafür keine Zeit mehr ist wegen der Zeitvorgaben und der Pflicht, jeden Handgriff zu dokumentieren. Dabei geht es doch hier um ein Kennzeichen christlicher, kirchlicher Diakonie, nämlich dass der Mensch in seiner Hilfsbedürftigkeit angeschaut, wahrgenommen und angeredet wird. Es ist wahr: Die Apostel haben kein Silber und Gold, und auch bei uns sind die Mittel knapp. Aber das ist kein Grund, einfach zur Tagesordnung überzugehen.

Zupacken: Petrus ergreift den Gelähmten und hilft ihm, dass er auf die Beine kommt. Hier geht es um Zusammenwirken, um Zusammenarbeit: Beide, Petrus und der Gelähmte, leisten ihren Teil dazu. In der Sprache unserer Zeit würden wir sagen: „Hilfe zu Selbsthilfe“. Aus dem hilflos Dasitzenden wird ein Partner, einer, der an seiner Heilung mitwirken kann und soll. Manchmal richtet die Einladung zum Zugreifen, zum Selbst-mit-Anpacken mehr aus als gutgemeinte Trostworte. Immer da, wo aus der Klage über das Leid ein Zugreifen wird, können wir etwas von diesem Wunder erahnen, das sich hier ereignet.

Am Ende die Frage: Wo komme ich in dieser Geschichte vor, wo finde ich mich wieder, in den Aposteln Petrus und Johannes, in dem Gelähmten? Oder bin ich einfach einer, der zuschaut? Es gibt keinen festen, fixierten Platz für uns. Unser Platz, unsere Rolle, unsere Situation kann sich ändern, manchmal dramatisch von einem Augenblick zum nächsten. Eines aber wird immer gleich bleiben: Im Hintergrund steht Jesus von Nazareth, für die Apostel ist er es, der sie zu diesem Menschen und seiner Not führt, für den Bettler an der Tempeltüre wird sein Name der Schlüssel für Zukunft und Hoffnung. Für die Zuschauer ist dieser Name die Einladung, sich einzulassen auf das Neue, Ungeahnte, das uns hier begegnet. Unser Platz, unsere Rolle, unsere Situation kann sich ändern, aber seine Stimme ruft uns immer, sein Blick sucht uns immer, seine Hand ist uns immer hingestreckt.

Pfr. Peter Schwarz

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