16. Sonntag nach Trinitatis, 16.09.2018

Neuendettelsau, St. Laurentius, Pfarrerin Karin Lefèvre

Freier Gottesdienst für die Erneuerung der Orgel von St. Laurentius

Liebe Gemeinde,

von der Orgel ist in der Bibel nicht die Rede - kein Wunder! Denn das technische Wissen und Können, das wir zum Bau von Orgeln brauchen, gab es damals - leider - noch nicht. Dennoch ist die Orgel ein Instrument, das sicherlich - wie kaum ein anderes - den Geist der Bibel atmet. Meist befindet sie sich – wie bei uns in der Kirche - gegenüber des Altars auf einer Empore - schwebt sozusagen zwischen Himmel und Erde. Ganz zarte leise Töne kann sie hervorbringen, aber auch einen vollen Klang zum Lob Gottes und zur Freude von uns Menschen.

Die Orgelbauer gehörten schon immer einer hochgeschätzten Zunft an. Ihr „Handwerk“ galt als freie Kunst, die eines Edelmannes würdig war. In allen Größen und Formen wurden und werden Orgeln gebaut. Und das für unendlich viele und unterschiedliche Ansprüche und auch Wünsche.

Zum Beispiel in der Zeit des Barock, also von ungefähr 1580-1780: Damals, da wollten die Menschen nicht nur mit vielen Pfeifen in eine ganze Welt der Klangfülle eintauchen, da zeigten die Christen ihre Wertschätzung für dieses besondere Instrument auch in der äußerlichen Gestaltung. Die äußeren Teile werden Orgelprospekte genannt und man hat sie damals äußerst kunstvoll verziert.

Doch dann kam die Aufklärungszeit - und die hat zunächst für unser wundervolles Instrument wenig Gutes gebracht. Bis sich Anfang des letzten Jahrhunderts der berühmte Urwalddoktor Albert Schweitzer, der selbst ein hervorragender Orgelspieler und Bachfan war, für dieses Instrument eingesetzt hat: Weg von der Fabrikorgel, zurück zum guten alten Handwerk, forderte er. Er wurde gehört, und viele alte Orgeln wurden liebevoll restauriert. Das Klangideal alter Zeiten lebte wieder auf. Die Heilige Cäcilie, die Schutzheilige der Orgel, dürfte daran ihre Freude gehabt haben.

Und nachdem wir heute für eine große Erneuerung unserer kaputten Orgel werben, möchte ich niemandem die Legende dazu vorenthalten:

Cäcilie stammte aus einem alten römischen Geschlecht. Obwohl damals die Christen blutig verfolgt und viele wegen ihres Glaubens an Jesus Christus grausam ermordet wurden, hatte sich Cäcilie dieser Glaubensgemeinschaft angeschlossen. Sie hielt an ihrer Überzeugung fest, auch als sie mit einem heidnischen Mann verheiratet wurde. Während heidnischer Trauzeremonien wurden heidnische Weisen auf einer Wasserorgel gespielt, die die römischen Götter ehren sollten. In ihrem Herzen versuchte Cäcilie, sich währenddessen an christliche Worte und Melodien zu erinnern. Da schenkte Gott ihr, dass sie in ihrem Inneren göttliche Musik, wie von Engeln gespielt, hörte. Später bekehrte sich auch ihr Mann zum christlichen Glauben - und beide starben einige Jahre später als Märtyrer für das Christentum. Aus ihrer Musikalität hat die Heilige Cäcilie immer wieder viel Kraft geschöpft. Weil sie damit nicht die einzige ist, gilt Musikalität auch als eine ganz besondere Gottesgabe.

Schöpferische Hände sind nötig, um eine Orgel zu bauen, aber auch, um sie zu spielen, um ihr den Reichtum an Klängen zu entlocken, der in ihr schlummert. Und so wird die Orgel zu einem Gleichnis für Gott selbst. Die immer neuen Harmonien, die sich durch einen Künstler oder eine Künstlerin der Orgel entlocken lassen, sind ein Bild für die Vollendung bei Gott in seinem Reich, wenn ER eines Tages hinter die Symphonie unserer Welt den Schlussakkord setzt. Die Missklänge, die uns oft schmerzen, schreiben wir in seine Partitur hinein.

Aber auch der Aufbau der Orgel selbst lässt sich als Bild verstehen: Da wurde eben noch die erste Strophe eines Liedes mit hellen klaren Tönen gespielt, - und dann erleben wir, wie die zweite Strophe in einer deutlich gesteigerten Klangfülle erklingt. Da hat der Organist bzw. die Organistin eben vorher noch ein paar Register gezogen.

Selbst kleine Orgeln wie die in unserem Chorraum haben eine ganze Anzahl von solchen Registern, die für die Tonfülle verantwortlich sind. Kein Wunder, dass sich dies auch in unserer Alltagssprache niederschlägt: Da zieht jemand alle Register, sagen wir, wenn ein anderer etwas erreichen will und es mal mit Schmeicheln, mal mit Betteln, mal mit Drohen und mal mit Vernunftargumenten probiert. Und Gott? Auch er zieht uns gegenüber die verschiedensten Register, um uns zum glaubenden Vertrauen und zu einem christlichen Lebensstil zu bewegen. Jede Orgel hat ein Hauptregister, Prinzipal genannt. Die dazu gehörenden Pfeifen stehen meist ganz vorne. Im Prinzipal erklingen klare deutliche Töne. Wie in der heiligen Schrift, aus der Gott zu uns spricht. Darum steht auch in der Münchner Kreuzkirche auf der Orgel das Lutherwort: Gott hat das Evangelium auch durch Musik gepredigt.

Die Orgel ist so etwas wie ein musikalisches Echo auf das Wort Gottes. Es gibt viele Menschen, die durch ein gutes Orgelspiel innerlich mehr angerührt werden als durch die Predigt. Es gibt aber auch viele, die sich schwertun, in all den Stimmen, Wohltönen und Missklängen, die unsere Welt beherrschen, Gott eindeutig und klar zu hören und zu verstehen. Immer wieder stellen sie die Frage: „Wie kann Gott so etwas zulassen?“ Auch da finden wir eine Entsprechung bei der Orgel. Da gibt es nämlich eine Registrierung, die heißt „gedeckt“. Die abgedeckten Orgelpfeifen können uns an den verborgenen Gott erinnern, daran, dass wir oft nicht wissen, wie und wo wir Gott in all dem Elend und der vielen Gewalt finden sollen, die unsere Welt so beherrschen.

Doch auch wenn Gott sich uns entzieht, wenn wir ihn als einen erleben, der sich vor uns verbirgt, wenn unsere Fragen groß, schwer und viel sind und wir nur wenige oder keine Antworten haben: Gott ist da! Gott mag sich verhüllen, unserem Verstehen entziehen, dennoch ist er immer da! Wenn wir nicht nachlassen, wenn wir durchhalten, wenn wir inmitten all unserer Fragen und Zweifel Gott treu bleiben, dann wird es auch den Tag geben, an dem Gott sich uns klar und deutlich zu erkennen gibt.

Es gibt ein Register, das Gott von seiner besten Seite zeigt, nämlich die Flöte oder die Schalmei. Beides sind ja Instrumente mit Klängen, die an den Vergleich von Gott bzw. Jesus mit dem guten Hirten erinnern. - Die Melodie der Flöte ist voller Vertrauen - sie ist die Melodie der Liebe.

Oder nehmen wir Register, die wie Streichinstrumente klingen, wie zum Beispiel die Gambe. Diese erinnern viele Zuhörer an Darstellungen von musizierenden Engeln. Wo uns die Orgel zum Träumen, zum Meditieren oder zum Beten einladen will, da wird sie gerne diese Register gebrauchen. Mit wahrhaft engelsgleichen Tönen kann die Orgel uns ein Lächeln entlocken.

Doch nicht immer ist uns froh zumute. Oft stehen uns die Tränen näher. So manche und mancher unter uns hat ihr bzw. sein Kreuz zu tragen in dieser Welt. Kreuze kennen wir auch in der Musik. Sie erhöhen den Ton um einen Halbton. Und von Ludwig v. Beethoven stammt die Aussage: „Die Kreuze im Leben eines Menschen sind wie die Kreuze in der Musik, sie erhöhen“. Wer das Schicksal dieses genialen Komponisten kennt, weiß, dass dies nicht so locker und einfach dahingesagt war. Die Schicksalsschläge, die Kreuze, die er zu tragen hatte, waren alles andere als leicht.

Wir als Christinnen und Christen bekennen uns zu dem am Kreuz aufgerichteten Jesus Christus. Sein Kreuz ist für uns das Zeichen für unsere Erlösung. Die Disharmonien unseres Lebens sollen dort in Harmonie umgewandelt werden.

Für eine Orgel ist, da sie ein Blasinstrument ist, Wind nötig, damit sie zum Klingen gebracht wird. Auch wir müssten stumm bleiben, wenn nicht der göttliche Wind, der Heilige Geist, uns zum Klingen brächte. Bitten wir Gott, dass viel von seinem Heiligen Geist uns bewegt, wenn wir hier gemeinsam musizieren, beten und auf Gottes Wort hören.

AMEN

16. So. n. Trin. am 16.09.2018; Pfarrerin Karin Lefèvre

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