Prof. Johanna Haberer hielt am Sonntag Invocavit die erste der diesjährigen Fastenpredigten in St. Laurentius

„Im Netz (auf)gefangen – Überwacht oder umsorgt durch digitale Medien?“ war das Thema der ersten Fastenpredigt in der Neuendettelsauer Laurentiuskirche. Gehalten hat sie Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Als Predigttext wählte sie die Bibelstelle „Ich sitze oder sehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne“ (Psalm 139).

Johanna Haberer, die auch Pfarrerin ist, machte in ihrer Predigt deutlich, dass sich uns heute durch digitale Medien nahezu unendliche „Möglichkeitsräume“ eröffnen, in denen wir auf unsere Kommunikation tausendfach Echo bekommen. „Ich poste auf Facebook und erhalte Antworten, ich schreibe auf Whatsapp und ein anderer reagiert.“ So würden sich viele Menschen heute erfahren: „Sie werden betrachtet und beobachtet von tausend Partnern, die sie liken und sie kommentieren. Sie nehmen am Leben von anderen teil und werden per Netz Teil des Lebens der anderen“, so die Erlanger Professorin.

Johanna Haberer, Pfarrerin und Professorin für Christliche Publizistik der Universität Erlangen-Nürnberg die Fastenpredigt in St. Laurentius.

Vor allem, so Haberer, würden die Internetfirmen ihre Nutzer „als Kunden profilen“. Sie wollen alles über uns wissen, meint sie und blickt in eine Zukunft, die schon längst da ist: „Es wird alles festgehalten. Unsere Bilder, unsere Worte, unsere Freunde und unsere Niederlagen. Eine Art Jüngstes Gericht ist da gespeichert, mit allem, was einer einmal selbst ins Netz gestellt hat oder über ihn ins Netz gestellt wurde. Spätere Arbeitgeber, Partner, Liebhaberinnen, Gesundheitsbehörden, Schulen und Universitäten, Versicherungen und Polizei werden die Heldentaten und Jugendsünden der heutigen jungen Generation mit einem Klick einsehen können“, prognostiziert Haberer und stellt eine zentrale Frage:

„Wie verändern sich unsere menschlichen Beziehungen, wenn ich dem anderen nicht mehr in die Augen schaue?“

Der Glaube an Jesus Christus, so Haberer, kann dabei einen anderen Weg eröffnen. „Der Glaube schenkt uns Geschichten und die Phantasie für eine bessere Welt. Er bringt eine eigene Sprache hervor, die so sperrige Worte wie ‚Gnade‘ oder ‚Vergebung‘ in den Mund nimmt. Mein Glaube gibt meinem Leben Gewicht und Sinn“, so Haberer. „Gotte sieht alles, aber Gott sei Dank gibt es Dinge, die ein Geheimnis zwischen mir und meinem Schöpfer sind.“ Der Satz „Gott sieht alles“ komme ihr – im Gegensatz zu dem, was in den digitalen Medien passiere – wie eine Befreiung vor.

Die Sehnsucht des Menschen nach Anerkennung

Dass die Fragen, die die Predigt angerissen hat, die zahlreichen Gottesdienstbesucher beschäftigte, zeigt die große Zahl, die sich zum anschließenden, von Pfarrer Matthias Weigart moderierten, Predigtnachgespräch im Mutterhaus eingefunden hat.

Johanna Haberer erläuterte unter anderem, dass „die Sehnsucht der Menschen nach Anerkennung“ Ursache für den enormen Erfolg insbesondere der sozialen Netzwerke sei. Dr. Matthias Hartmann, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Neuendettelsau, plädiert hier für einen offenen, kritischen Umgang mit den neuen Medien. Die Frage sei nicht mehr Digitalisierung ja oder nein, sondern wo deren Grenzen liegen.

Die nächste Fastenpredigt findet am Sonntag, 25. Februar, um 9.30 Uhr in der Laurentiuskirche statt. Dr. Thilo Daniel, Rektor der Diakonissenanstalt Dresden, spricht dann zum Thema „Gesellschaft im Wandel - Wie finden wir Gerechtigkeit für alle? Wie finden wir Gerechtigkeit für den Einzelnen?"

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