Von Amanda Müller

Die Meisterschaften des Inklusiven Basketballturniers in Nürnberg sind eines der Highlights der Sportler der Bruckberger Heime. Über 40 Teams und über 500 Menschen mit und ohne Behinderung wuseln aufgeregt und freudig durch die Turnhalle am Berliner Platz in Nürnberg. Auch ein Team aus Luxemburg ist mit dabei. Doch auch wenn es ein Turnier ist und es Medaillen zu gewinnen gibt, geht es nicht nur um Leistung, sondern viel mehr um den Spaß, die Freude und den Zusammenhalt.
Marcel Hammerschmidt ist stolz. Stolz auf die Bronzemedaille, die er mit seiner Mannschaft in Nürnberg gewonnen hat. Mit beiden Händen hält er sich die Medaille vors Gesicht und dreht und wendet sie in alle Richtungen. Marcel ist 15 Jahre alt, wohnt in einer Wohngruppe der Bruckberger Heime und spielt seit drei Jahren Basketball. „Medaillen zu gewinnen ist schon echt schön“, sagt der blonde Junge und grinst. „Aber am besten gefällt es mir, zusammen mit meinen Freunden Basketball spielen zu können.“

Diese Aussage verdeutlicht ziemlich genau das Konzept, das sich hinter dem Sport mit Menschen mit geistiger Behinderung verbirgt und dem auch das inklusive Basketballturnier obliegt. Das Turnier fand in Nürnberg im Rahmen der europäischen Basketballwoche von Special Olympics Europa statt. Es wird als Kooperation der Diakonie Neuendettelsau, dem regionalen Verband Special Olympics Bayern und der evangelischen Jugendarbeit in Bayern ausgetragen und wie jedes Jahr ist auch das Sportteam der Bruckberger Heime mit dabei.

Der 15-jährige Marcel Hammerschmidt (links) spielt seit drei Jahren Basketball und gewann auf dem inklusiven Basketballturnier heuer eine Bronzemedaille. Er spielt gern im Team und hat in unified-Partner Justin Häbel einen guten Freund gefunden.

Martin Hötzl ist einer der Organisatoren des Turniers. Er arbeitet hauptberuflich als pädagogischer Fachdienst in Bruckberg und kümmert sich nebenbei auch um den Unified-Sport: Sport für und mit Menschen mit Behinderung.

Dazu zählt auch das inklusive Basketballturnier.

„Das Besondere an diesem Turnier ist, dass es unterschiedliche Teams gibt, die sich aus Menschen mit und ohne Behinderung zusammensetzen“, erzählt Hötzl. Zum einen treten die sogenannten Unified-Teams - die aus Spielern mit und ohne Behinderung bestehen - gegeneinander an. Zum anderen sind auch Mannschaften auf dem Spielfeld, die ausschließlich aus Spielern mit Behinderung oder ohne Behinderung zusammensetzen. Anders als bei normalen Turnieren entwickeln sich die teilnehmenden Gruppen, in welchen die Mannschaften gegeneinander antreten, erst im Laufe der Qualifikationsspiele und bestehen dann aus Spielern, die von ihrer Leistung her gut zusammenpassen. 

Von den 230 Menschen mit Behinderung in Bruckberg sind über 40 Prozent in einem Sportprogramm

Heuer hat alles gut geklappt. „Unsere vier Bruckberger Teams haben dreimal Bronze und einmal Silber gewonnen“, freut sich Martin Hötzl, der Sportorganisator mit Herz und Seele.

„Von unseren 230 Menschen mit Behinderung in Bruckberg sind über 40 Prozent Teilnehmer eines Sportangebots“, erklärt er. Das Recht auf Sport ist in der UN-Konvention für Menschen mit Behinderung verankert und der Ausbau der sportlichen Angebote ist ihm sehr wichtig. „Es gibt Sportprogramme ausschließlich für Menschen mit Behinderung und dann gibt es die Unified-Sportangebote“, berichtet er. Diese Unified-Angebote fallen unter die Thematik der Inklusion, die in der Gesellschaft immer wichtiger wird. Die Diakonie Neuendettelsau bietet Unified-Angebote in ganz unterschiedlichen Sportarten. Von Schwimmteams, über Tischtennis bis hin zum Basketball ist für jeden Menschen mit und ohne geistige Behinderung etwas dabei. „Ganz wichtig ist es, dass Unified-Partner das Spiel nicht dominieren“, betont Martin Hötzl. Nicht alle Menschen mit Behinderung haben dieselben Fähigkeiten. Bei manchen dauert es länger, Bewegungsabläufe zu routinieren oder Spielregeln zu verstehen. Sie haben vor allem dann Spaß am Sport, wenn sie auch Erfolgsmomente erleben. „Mit den eigenen Schwächen konfrontiert zu werden, ist dabei wenig hilfreich und nicht Sinn von Unified-Programmen oder der Inklusion“, sagt er.

Frage: Was halten Sie vom Thema Inklusion im Sport?

Martin Hötzl: Inklusion bedeutet Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen und Räume und Möglichkeiten für barrierefreie Begegnungen zu schaffen und zu gestalten. Das Ziel der Inklusion im Sport ist es also, eine Brücke zur gesellschaftlichen Teilhabe zu schlagen. Das Thema „Behinderung und Sport“ wird selbst in Fachkreisen sehr konträr diskutiert und es gibt nicht immer Einigkeit darüber, wie Inklusion richtig betrieben und umgesetzt werden sollte. Oftmals liegt das Augenmerk ausschließlich auf der Teilhabe und darauf, Menschen mit Behinderung in die Lebenswelten von Menschen ohne Behinderung zu integrieren. Dabei wird leider nicht beachtet, dass das gar nicht jeder Mensch mit Behinderung möchte. Selbst wenn Menschen ohne Behinderung viel von unseren Athleten lernen können, merken diese doch, dass sie anders sind. Nicht jeder hat Spaß daran, gemeinsam in einem Team mit Menschen ohne Behinderung zu spielen und so mit seinen eigenen Schwächen konfrontiert zu werden.

Inklusive Bemühungen beschränken sich dabei aber auch nicht nur auf Menschen mit Behinderung, sondern auch auf Menschen ohne Behinderung. Unsere Unified-Partner können durch Möglichkeit des gemeinsamen Trainings viel von unseren Sportlern lernen. Das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung ist das, worauf es uns ankommt.

Frage: Wie sieht die richtige Herangehensweise an das Thema Inklusion Ihrer Meinung nach aus?

Martin Hötzl: Örtlichen Sportvereinen fehlt oftmals das pädagogische Knowhow im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Es ist wichtig zu beachten, dass die Inklusion angeleitet und Angebote auf die Beine gestellt werden. Deswegen sollten sie Menschen mit Behinderung nur dann aufnehmen, wenn ihnen Inklusionsbeauftrage und Fachpersonal zur Seite stehen. Wir bieten hierzu beispielsweise Workshops oder Unified-Module für Schulen oder Vereine an, durch die sie im Umgang mit Menschen mit Behinderung und in diesem Konzept geschult werden. Gerade Sport als pädagogische Methode funktioniert nur dann, wenn man den Menschen kennt und weiß, was er braucht und warum er es braucht. Dabei sollten die ausgebildeten Unified-Partner weder als Coaches noch als Aufpasser fungieren. Sie sollen einfach gemeinsam Spaß am Sport haben dürfen.

Martin Hötzl, pädagogischer Fachdienst der Bruckberger Heime, kümmert sich um die Sportangebote der Diakonie Neuendettelsau der Bruckberger Heime und hält auch Schulungen.

Frage: Unterscheidet sich das Unified-Training vom Training in einem Sportverein?

Martin Hötzl: Bei uns geht es, anders als im Sportverein, nicht primär um Leistung. Wir passen das Training den Fähigkeiten der Sportler an. Natürlich ist ein gewisses Leistungsniveau vorhanden, aber bei uns steht trotzdem die pädagogische Arbeit im Vordergrund. Sport lässt die Menschen abschalten, lenkt ab, heitert auf. Das ist gerade bei einem Turnier gut zu beobachten. Bei meinem ersten Turnier habe ich gedacht, dass wir wie immer als Team irgendwo sitzen und uns besprechen, genau wie alle anderen. Aber dem war nicht so. Meine Athleten haben sich sofort aufgeteilt und unter die anderen Sportler gemischt. Sie haben sich ausgetauscht, gemeinsam gegessen und viel zusammen gelacht. Das zu sehen war unglaublich toll.

Das Unified-Team in Bruckberg hat bereits eine lange Tradition. 2007 wurden sie Weltmeister in Shanghai. „Wir konnten uns einen Namen machen und einen guten Ruf aufbauen. Das ist in unserer Arbeit sehr von Vorteil“, freut sich Hötzl, der seit 1998 bei der Diakonie Neuendettelsau angestellt ist. Bereits seit Anfang 1980 existieren Sportangebote in den Bruckberger Heimen. „Weil wir schon so lange Erfahrung damit haben, wurden wir in einem Pilotprojekt zum ersten bundes- und europaweiten Stützpunkt von Special Olympics Deutschland ernannt und arbeiten dort eng mit der dortigen Akademie zusammen“, sagt Hötzl. Seither bietet ein junges Mitarbeiterteam der Bruckberger Heime regelmäßige Fortbildungs- und Schulungsangebote sowie Seminare und Vorträge rund um den Sport mit Menschen mit Behinderung an.

„In einem Praxisteil stellen wir den Teilnehmenden mit Unterstützung eines Kooperationspartners die drei Modelle des Unified-Sport-Konzeptes vor und arbeiteten die Unterschiede zum Vereinssport hervor“, erklärt Hötzl. Am zweiten Tag erfolgt der theoretische Input, außerdem finden Erfahrungsaustäusche zwischen ehemaligen und aktuellen Unified-Partnern statt. „Wir sind sehr stolz darauf, dass wir so immer mehr Schulen und Vereine auf den Weg der Inklusion führen können“, betont Hötzl.

Ausschlaggebend dafür sind auch die zahlreichen Kooperationen und Verbindungen zu Schulen und Vereinen, welche seit Jahren von den Bruckberger Sportverantwortlichen aufgebaut wurden. „Besonders toll sind unsere Kooperationen mit der Laurentius-Realschule Neuendettelsau und dem TV 09 Dietenhofen“, bestätigt Hötzl. Die Kooperation mit der Laurentius-Realschule gibt es seit 2008. Die Unified-Mannschaft haben Sportlehrer Harald Spaniol und Martin Hötzl gemeinsam ins Leben gerufen.

„Die Realschule bietet die Sportinklusionsklasse an, durch die Schülerinnen und Schüler zu Unified-Partnern werden und gemeinsam mit Menschen mit Behinderung in einem Team spielen“, erklärt Harald Spaniol. Einer von ihnen war Felix Beisler. Er war jahrelang Unified-Partner mit Herz und Seele und das über den Sport hinaus, denn zwischen den unterschiedlichen Sportlern entwickeln sich oft Freundschaften. Durch seine Zeit in der Sportinklusionsklasse kam er sogar zu seinem heutigen Beruf. „Durch den Kontakt mit Menschen mit Behinderung wurde mir klar, dass ich etwas Soziales machen will“, erzählt der 24-Jährige. „Bis zu meinem Abschluss habe ich als Unified-Partner Basketball gespielt, bin mit auf Turniere gefahren und habe anschließend die Erzieherausbildung in Neuendettelsau gemacht.“ Heute arbeitete er in Bruckberg und trainiert die aktuelle Unified-Basketballmannschaft.

Im Training kann er sich auspowern, hat Spaß und erhält Anerkennung

Einer seiner Athleten ist der 16-jährige Marcel Tot. „Bei Marcel hat der Sport Tolles geleistet“, freuen sich Martin Hötzl und Felix Beisler. Marcel wohnt seit 2010 in Bruckberg. An der Vorhangstange über seinem Fenster hängen viele unterschiedliche Medaillen. Er spielt Fußball, Basketball, geht schwimmen und nimmt an Stadtläufen teil. „Ich habe insgesamt schon 24 Medaillen gewonnen, sogar fünfmal Gold“, schwärmt der braunhaarige Junge mit leuchtenden Augen von den nationalen und internationalen Turnieren.

Für seine sportlichen Erfolge hat der 16-jährige Marcel Tot (rechts) schon viele Urkunden und Medaillen erhalten. Martin Hötzl zeigt er hier die Urkunde des Ansbacher Citylaufs.

Dass er es in seiner Kindheit schwer hatte, merkt man ihm heute nur noch selten an. „Marcel kam nach Bruckberg weil er nicht die innerfamiliären Entwicklungs-und Förderbedingungen hatte, wie sie andere Jugendliche seines Alters haben. Er sah sich in frühester Kindheit mit multifaktoriellen Problemsituationen konfrontiert und wurde dadurch oftmals sehr schnell aggressiv“, erzählt Hötzl. Der Sport hat dem Jungen sehr geholfen und sein Verhalten stark verändert. Im Training kann er sich auspowern, hat Spaß und erhält Anerkennung, wodurch er gelernt hat mit Konflikten, Aggressionen und Streit besser umzugehen.

Marcel Tot lebt seit sieben Jahren in der Einrichtung in Bruckberg und ist stolz auf seine vielen Medaillen in den Sportarten Basketball, Fußball und Schwimmen.

„Unified-Sport ist mehr als Sport. Alle sind gemeinsam stark und jeder einzelne ist wichtig. Es geht um mehr als nur ums Gewinnen – es geht um gemeinsame Zeit, um Spaß und Freundschaft“, betont Hötzl. Ideen, um das Netz an Unified-Sportangeboten weiter auszubauen hat er genügend. 

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