Glaube in der Kita: Den Kindern eine Kraftquelle geben

„Warum hat Judas den Jesus verraten?“, „Wer macht das Wetter?“, „Warum ist meine Oma im Krankenhaus?“ - Erzieherinnen und Erzieher stehen oft vor Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind. Das Konzept „Religionssensible Erziehung“ setzt genau da an. Es soll pädagogischen Fachkräften dabei helfen, den richtigen Umgang mit Glauben, Religion und dem eigenen Weltbild zu finden – unabhängig davon, welchen Glauben die Kinder oder Erzieher vertreten.

In der Diakonie Neuendettelsau haben die Experten des Bereiches "Dienste für Kinder" dieses Konzept jetzt fertig gestellt.

Amanda Marien ist mit Petra Hinkl, die den Bereich "Dienste für Kinder" leitet, sowie zwei Kitaleiterinnen unter anderem diesen Fragen nachgegangen:

  • Was bedeutet religionssensible Erziehung?
  • Wie wird man jedem Kind und seiner Religion gerecht?
  • Wie vermittelt man den Eltern die Sicherheit, dass keinem Kind etwas aufgedrängt wird?
  • Wie kann man Kindern Kraftquellen für den Alltag mitgeben?
  • Wie unterscheidet sich die Anforderungen in diesem Bereich zwischen städtischen und ländlichen Kitas?

Wie können Erzieherinnen und Erzieher mit den Themen "Glaube" und "Religion" in der Kita gut umgehen? In der Diakonie Neuendettelsau hilft ihnen dabei ein Konzept.

Die Integrative Kindertagesstätte Regenbogen in Heroldsberg und die Integrative Kindertagesstätte Stadtspatzen in Nürnberg könnten unterschiedlicher nicht sein - zumindest was Religionen und Kulturen ihrer Kinder angeht. Während der christliche Anteil der Kinder in Heroldsberg bei 70 Prozent liegt, betreut die Kita Stadtspatzen täglich Kinder mit zwölf unterschiedlichen Religionen aus 27 Nationen.

Beide Kitas gehören zur Diakonie Neuendettelsau, in deren städtischen und ländlichen Einrichtungen sich zunehmend Kinder mit unterschiedlichen Familiensprachen sowie unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen befinden. Um allen Kindern und ihren Eltern gerecht zu werden, wird viel getan.

Eine Unterstützung ist das Konzept „Religionssensible Erziehung“, das auf Initiative von Petra Hinkl, Geschäftsführende Leitung Dienste für Kinder der Diakonie Neuendettelsau, für die Kindertageseinrichtungen des Werkes handlungsleitend werden soll.

„Es ist normal, verschieden zu sein. Jedes Kind soll sich mit seinem Glauben, seiner Religion, seinen religiösen Festen und Ritualen angenommen fühlen“, sagt Petra Hinkl. Das nun fertiggestellte Konzept soll den pädagogischen Fachkräften helfen, auch dann mit dem christlichen Glauben und anderen Religionen umgehen zu können, wenn sie selbst ein anderes Weltbild vertreten. Ein wichtiger Aspekt, der den Diversitätsanspruch des Unternehmens deutlich macht.

So könne für Kinder ein Raum geschaffen werden, in dem sie lernen eigene Wurzeln zu entwickeln und gleichzeitig anderen Menschen mit Respekt zu begegnen.

Wie Petra Hinkl erzählt, haben die Überlegungen für das Konzept bereits 2013 begonnen, als die Diakonie Neuendettelsau die ersten Einrichtungen für Kinder in Nürnberg errichtete.


Positive Grundlage für die Mitarbeitenden schaffen

„Wir leben Vielfalt und mussten eine Vorgehensweise entwickeln, mit der wir dabei unser christliches Profil aufrechterhalten können, ohne missionarisch auf andere Religionen zu wirken“, sagt Hinkl. „Um die Mitarbeitenden in ihrer Arbeit zu unterstützen, gibt es seit 2017 einen Mitarbeiter im pastoralen Dienst. Das Konzept der Religionssensiblen Erziehung ist ein weiterer Baustein“, erzählt sie.

Petra Hinkl hat das Konzept als Bereichsleiterin Dienste für Kinder mit entwickelt.

Es soll dabei helfen, eine positive Grundlage zu schaffen, die es dem Kind genauso wie dem Mitarbeitenden ermöglicht, seinen Glauben zu entwickeln. Denn auch wenn es nicht allen Eltern wichtig sei, welche Konfession die Kita vertritt, werde viel Wert auf die moralische und ethische Erziehung gelegt.

Das Konzept „Religionssensible Erziehung“ umfasst die Grundlagen der pädagogischen Arbeit und Ausgestaltung im Alltag der Einrichtungen. Ausgangspunkt ist dabei der eigene religiöse Standpunkt – in den Einrichtungen der Diakonie Neuendettelsau das christliche Weltbild.

„Unsere Mitarbeitenden kommen mit unterschiedlichen religiösen Wurzeln in unsere Einrichtungen. Damit sie sich optimal in das Konzept einarbeiten können, durchlaufen neue Mitarbeitende in der Einführungsphase eine Regionalgruppe, um das Konzept zu durchleben und zu erarbeiten. Sie befassen sich zum Beispiel mit ihrem eigenen religiösen Standpunkt, lernen verschiedene Religionen kennen und wie Andachten und religionssensible Arbeit im Alltag erarbeitet werden können“, erzählt Hinkl.

In der Projektgruppe, die das Konzept entwickelt hat, waren auch Simone Kunert-Kamusin, die Leiterin der Kita Regenbogen in Heroldsberg und Katrin Fröhlich, die Leiterin der Kita Stadtspatzen in Nürnberg. Während die Kita Regenbogen nur selten in Kontakt mit unterschiedlichen Religionen tritt, besuchen die Kita Stadtspatzen Kinder aus 27 verschiedenen Nationen.

Die Diakonin Simone Kunert-Kamusin leitet die Kita Regenbogen seit 15 Jahren, seit zwei Jahren mit der Diakonie Neuendettelsau als Träger. Sie erzählt, dass gerade im ländlichen Raum Heroldsberg Familien mit dem christlichen Glauben aufwachsen. „Viele Kinder sind getauft, bei uns finden regelmäßig Kindergottesdienste statt und viele Eltern suchen sich die Kindergärten nach der religiösen Richtung aus“, sagt sie.
Das ist bei Katrin Fröhlich ganz anders. In einer Großstadt sind Familien froh, wenn ihr Kind einen Kindergartenplatz findet. „Viele Eltern stolpern hier rein“, erzählt Fröhlich. Etwa weil sie in der Gegend wohnen, das Jugendamt oder die Kommunalverwaltung sie hierher schicken. Da ist die Religion erstmal Nebensache. So kommen Christen, Muslime, Buddhisten und afrikanische Naturreligionen jeden Morgen bei den Stadtspatzen zusammen. Von Jesus und seinen Jüngern, Weihnachten oder Ostern haben die meisten noch nie etwas gehört.


Was bedeutet religionssensible Erziehung?

Wer an Glaube und Religion im Kindergarten denkt, stellt sich vermutlich den täglichen Morgenkreis vor, das gemeinsame Gebet vorm Essen, Geschichten und Lieder, die sich am Kirchenjahr orientieren. Bei der religionssensiblen Pädagogik geht es aber nicht ausschließlich um eine religiöse Erziehung, sondern ebenso darum, das soziale Verhalten bei den Kindern zu fördern und deren Bedürfnissen gerecht zu werden. Wir nehmen und begleiten die Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit“, sagt Kerstin Sollner. Die 29-Jährige leitet die „Rote Gruppe“ der Kita Regenbogen und hat selbst eine kleine Tochter. „Glaube ist nichts, das man jemandem aufdrängen kann“, findet sie.

Deswegen zeigt sich für beide der Glaube vor allem im eigenen Handeln, im Zuhören oder in den Wertevorstellungen. „Kinder beschäftigen dieselben Fragen wie uns Erwachsene auch“, sagen beide. „Im Alltag gibt es oft Situationen, in denen man ohne Glauben nicht mehr sprechen kann“, erzählt Simone Kunert-Kamusin.

Oma muss ins Krankenhaus – wie reagieren Erzieher auf Fragen zum Tod?

Ein Beispiel: Die Oma eines Kindes muss ins Krankenhaus. Das Kind ist traurig und im Kindergarten erzählt ein anderes Kinder, dass seine Oma gar nicht mehr da ist.

„Natürlich kann ich dem Kind jetzt antworten, dass keiner weiß, was passieren wird. Aber ist es nicht schöner, dem Kind stattdessen eine Kraftquelle mit auf den Weg zu geben?“, fragt Kunert-Kamusin.

Simone Kunert-Kamusin (rechts) und ihre Kollegin Kerstin Sollner ist es wichtig, auf jedes Kind einzugehen.

Hier kommt die Religionssensibilität ins Spiel: „Ich glaube daran, dass es mehr gibt. Wie dieses ‚Mehr‘ aussieht, bleibt jedem selbst überlassen. Mir hilft es zum Beispiel, wenn ich daran glaube, dass da jemand ist, dem ich meine Sorgen anvertrauen und überlassen kann. Gemeinsam für die Oma zu beten und ihr einen Engel zu schicken, gibt vielen Kindern Kraft mit der Situation umzugehen. Sie haben das Gefühl etwas getan zu haben“, erzählt sie. Manchmal können Fragen nicht direkt beantwortet werden. Erzieher können ihnen gemeinsam mit den Kindern auf den Grund gehen und versuchen, selbst Antworten zu finden, die sich richtig anfühlen.

Betreffen die Fragen Themen, die für mehrere Kinder eine Rolle spielen, greifen die Pädagogen auch auf Projekte zurück, in denen die Kinder die Antwort gemeinsam erarbeiten.


Simone Kunert-Kamusin erzählt vom Thema Freundschaft, das die Kinder dann anhand der Beziehung zwischen Jesus und Judas erarbeitet haben.

„Für uns ist der religionspädagogische Umgang selbstverständlich“, sagen beide. „Ich kann mir aber vorstellen, dass Erzieher, die ihren Glauben nicht leben konnten oder wollen, sich nicht so gut zurechtfinden. Das neue Konzept unterstützt und gibt den Mitarbeitenden das nötige „Rüstzeug“ an die Hand, sagt sie.

Kindern und Eltern Sicherheit geben: So zeigt sich religionssensible Erziehung in der Kita Stadtspatzen in Nürnberg

Jede Religion hat ihre eigenen Feste, Bräuche und Feiertage. Bei zwölf unterschiedlichen Religionen und Kindern aus 27 verschiedenen Nationen ist es gar nicht so einfach, etwas zu organisieren. „Wir haben zum Beispiel sofort gelernt, dass wir unser Sommerfest nicht auf ein Wochenende im Ramadan legen“, erzählt Anna Polifke. Die 30-jährige Kindheitspädagogin vertritt Kitaleiterin Katrin Fröhlich, wenn diese nicht da ist. Für beide ist es wichtig, immer im Gespräch zu sein. „Wir sagen den Eltern von Anfang an, dass wir ein christlicher Kindergarten sind. Das finden eigentlich alle gut. Ihnen ist nur sehr wichtig, dass wir ihre Religion respektieren und sie informieren“, sagt Fröhlich.

Beim täglichen Morgenkreis, bei dem Gebet vor dem Essen oder bei den Geschichten rund ums Kirchenjahr sind alle Kinder mit dabei. „Den Kindern ist es egal, ob ein Kind lieber die Hände faltet oder sie hält. Da wir eine inklusive Kindertagesstätte sind, lernen die Kinder schon von Anfang an, dass jeder Mensch individuell und einzigartig ist. Das gilt auch für die Herkunft oder die Religion“, erzählt Fröhlich.

Kindheitspädagogin Anna Polifke mit den Kindern am Tisch: Alle dürfen selbst entscheiden, ob sie die Hände falten oder einfach nur halten möchten.

Während die Kinder nicht viel davon mitbekommen, stellen die vielen verschiedenen Religionen manche Erzieherinnen und Erzieher vor eine große Herausforderung. „Wer vorher in einem Kindergarten gearbeitet hat, in dem die Mehrheit der Kinder evangelisch war, tut sich bei uns am Anfang schon schwer“, gibt Katrin Fröhlich zu und sagt, dass sich der Glaube durch die vielen verschiedenen Religionen eher am Umgang untereinander zeigt.

„In anderen Religionen werden Kinder zum Beispiel länger und intensiver unterstützt als bei uns, wo Kinder von klein auf zur Selbstständigkeit erzogen werden. Durch Gespräche mit den Eltern finden wir heraus, was den Eltern wichtig ist und können darauf reagieren“, erzählt sie. Das gilt auch für den jährlichen Segnungsgottesdienst für Kinder, die in die Schule kommen. Auch davor wird das Gespräch mit den Eltern gesucht. „Es kam erst einmal vor, dass Eltern nicht wollten, dass ihr Kind gesegnet wird. Die meisten empfinden die Geste des Händeaufhaltens als etwas Schönes“, sagt Fröhlich.

Kita-Leiterin Katrin Fröhlich vor dem Bücherregal der Kita Stadtspatzen. Viele Bücher erklären neutral die Themen, die die Kinder oft beschäftigen.

In dem Buch „Jolante sucht Chrisula“ von Sebastian Loth wird zum Beispiel an das Thema „Tod“ einfühlsam herangegangen ohne auf eine Religion einzugehen.

Zusammengefasst finden beide, dass sich der Glaube nicht an den Themen, sondern daran zeigt, wie mit den Menschen, mit Eltern und Kind, umgegangen wird. Projekte, wie sie zum Beispiel in der Kita Regenbogen in Heroldsberg durchgeführt werden, können sie sich bei den Stadtspatzen nicht vorstellen. Denn auch die Themen in Nürnberg unterscheiden sich von denen in Heroldsberg.

„Durch die unterschiedlichen familiären Hintergründe haben wir oft mit Armut oder Gewalt zu tun. Wir suchen dann das persönliche Gespräch zu dem Kind. So ein Thema in der Gruppe zu erarbeiten halten wir nicht für sinnvoll“, sagt Fröhlich und meint, dass nicht alle Menschen das gleiche glauben. „Wir vermitteln den Eltern immer, dass wir nichts tun was sie nicht wollen“, betont ihre Kollegin Anna Polifke. Unterstützend kümmern sich die Nürnberger Erzieherinnen und Erzieher auch um neutrale Kinderbücher. In dem Buch „Jolante sucht Chrisula“ von Sebastian Loth wird zum Beispiel an das Thema „Tod“ einfühlsam herangegangen, ohne auf eine Religion einzugehen. So kann das Buch mit jedem Kind durchgesprochen werden.

Dass es das Religionspädagogische Konzept gibt, finden beide sinnvoll.

"Das Konzept gibt unseren Mitarbeitenden eine gute Grundlage um mit den verschiedenen Religionen umzugehen. Bei uns ergeben sich die meisten Fragen aus dem Alltag. Und wenn jemand mal nicht weiter weiß, stehen wir immer unterstützend zur Seite“, sagt Fröhlich. 


Informationen zu den Angeboten des Bereiches "Dienste für Kinder"


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