Freude wie der Sonnenschein: Wenn Jung und Alt voneinander lernen

Gemeinsam lachen, musizieren und die Natur genießen: Professionell gestaltete und begleitete Begegnungen ermöglichen persönliche Beziehungen zwischen Kindern und Senioren. Sie fördern und gestalten die Kommunikation mit- und das Verständnis füreinander. Diese Aufeinandertreffen bringen Freude und Herzlichkeit mit sich. Sie lassen die unterschiedlichen Generationen näher zusammenrücken und prägen die gegenseitige Wertschätzung.

Von Amanda Müller

Aufgeregt wirbeln die sechs Kinder der integrativen Kindertagesstätte „Bunte Oase“ durch den Wohnpark der Diakonie Neuendettelsau und erzeugen in ihrer Vorfreude ein buntes Chaos. In den letzten Tagen haben sie fleißig geübt, denn sie werden heute ein Geburtstagslied für eine der Bewohnerinnen singen.

Die Kinder der Bunten Oase singen und beten zum 90. Geburtstag von Erna Thorausch gemeinsam mit den Senioren im Wohnpark.

Geburtstag hatte Erna Thorausch. 90 Jahre alt ist sie geworden und damit knapp 18-mal so alt wie die Kinder selbst. Die Seniorin hat viele Freundinnen und Freunde und den ganzen Wohnpark zu ihrer Feier eingeladen. Es gibt Kaffee und Kuchen, gute Gepräche und jede Menge Spaß. Die Geburtstagsfeier ist schon in vollem Gange als die Kindergartenkinder durch die Türen des Wohnparks kommen. Neugierig und etwas nervös blicken sie sich um und schauen dann zur KiTa-Leiterin Margit Löscher. Sie koordinierte das Geburtstagssingen gemeinsam mit den Verantwortlichen des Wohnparks und mit dessen Leiter Friedrich Rohm.


Aufmunternd lächelt sie den Kindern zu und führt sie durch die vielen Gäste in die Mitte des Raumes. Vor Erna Thorausch bleiben sie stehen und blicken sie mit großen Augen an. Dann ergreift ein Mädchen die Initiative, schüttelt Erna Thorauschs Hand und wünscht ihr „Alles Gute zum Geburtstag und Gottes Segen.“ Als die Kinder ein Geburtstagslied singen und zusammen mit den Gästen beten, ist es ganz ruhig im Wohnpark. Alle Augen sind auf die jungen Besucher gerichtet und ein warmes Lächeln auf fast jedem Gesicht zu sehen.

„Das Geburtstagssingen ist eine tolle Aktion“

Kita-Leiterin Margit Löscher

Wohnpark-Koordinator Friedrich Rohm stimmt ihr zu. „Nach solchen Begegnungen erzählen uns die Senioren immer begeistert dass sie sich sehr gefreut haben“, bestätigt Rohm.


Friedrich Rohm leitete 24 Jahren das Therese-Stählin-Heim der Diakonie Neuendettelsau.

Aus Erlebnissen wie diesen können Kinder und Senioren viel mitnehmen. Lebenserfahrungen treffen auf junge Neugier und Senioren wird der Lebensgeist der Kinder vor Augen geführt.

Projekte zwischen Kindern und Senioren haben Vorteile für beide Seiten

Die Diakonie Neuendettelsau fördert diesen Austausch durch generationsübergreifende Projekte. Auf der einen Seite singen Kindergartengruppen im Seniorenheim oder besuchen Senioren, Schulklassen gehen mit ihnen spazieren oder starten Musikprojekte. Auf der anderen Seite lesen ehrenamtliche Senioren in KiTas Geschichten vor.

Generationsübergreifende Projekte haben Vorteile für beide Seiten. Zum Beispiel lernen Kinder auf diese Weise schon früh den Umgang mit Senioren. Durch den Kontakt mit anderen Menschen üben Kinder, wie sie sich gegenüber anderen verhalten und beide Seiten erleben aktiv Alternativen zu den eigenen Lebenswelten.

Oder wie Petra Hinkl, Bereichsleiterin Dienste für Kinder der Diakonie Neuendettelsau, es ausdrückt: „Wir alle profitieren von der Andersartigkeit.“

Begegnungen zwischen Jung und Alt stärken das Verständnis füreinander

Das Familienleben hat sich während des letzten Jahrhunderts stark gewandelt. Früher lebten die Familienmitglieder oft unter einem Dach – und damit verschiedenste Altersgruppen zusammen. Der ständige Austausch zwischen den Generationen wurde zu einem Alltagserlebnis. Das ist heute nur noch selten zu finden.

Petra Hinkl kennt sich als Bereichsleiterin Dienste für Kinder der Diakonie Neuendettelsau gut mit generationsübergreifenden Projekten aus.

Wird das Alleinwohnen für Senioren zur Herausforderung, ziehen viele in ein Seniorenheim. Der Kontakt zu jüngeren Generationen beschränkt sich dann häufig nur noch auf kurze Besuche – sofern die Senioren Kinder und Enkelkinder haben.

Das Verständnis füreinander stärken

„Die Lebenswirklichkeiten von Kindern und Senioren sind gerade in heutiger Zeit von Grund auf unterschiedlich“, sagt Petra Hinkl. „Die derzeitigen Senioren sind in Zeiten des Krieges oder während der Nachkriegszeit aufgewachsen“, meint sie. Die heutigen Kinder genießen ihre Kindheit in einem sicheren Umfeld. „Da unterscheiden sich Welten“, betont Hinkl. Generationsübergreifende Projekte können dann helfen, das Verständnis füreinander zu stärken.

„Wenn der Austausch fehlt, entstehen schnell Missverständnisse. Beispielsweise wenn jemand nicht verstehen kann, warum ältere Menschen so laut reden oder so lange brauchen, um in den Bus einzusteigen“, sagt Petra Hinkl.

„Es werden nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten zwischen den Altersgruppen entdeckt und es fällt auf, dass alle Generationen in einer Gesellschaft aufeinander angewiesen sind“, bekräftigt sie.

Auch Friedrich Rohm, der Leiter des Therese-Stählin-Heims, des Wohnparks und des Bezzelheims in Neuendettelsau, befürwortet die Projekte. „Unsere drei Einrichtungen kooperieren regelmäßig mit Kindergärten, Schulen oder Berufsschulen“, erzählt Rohm. Es gibt das Geburtstagssingen, Musik- und Besuchsprojekte. Für ihn ist unter anderem wichtig, das Bewusstsein für alle Menschen zu stärken.

"Senioren brauchen Solidarität und Unterstützung"

Die Begegnung ist für beide Seiten wertvoll: „Es vergessen viele, dass wir gesunden Menschen alle einen Teil Verantwortung tragen, wie wir mit schwächeren Menschen umgehen“, erklärt er. „Senioren brauchen unsere Solidarität und unsere Unterstützung.“

Dies ist für viele jedoch nicht leicht umzusetzen, weswegen generationsübergreifende Projekte auch so bedeutsam sind. Das Geburtstagssingen, Musik- und Besuchsprojekte bieten eine Möglichkeit den Menschen Freude zu schenken. Senioren erfahren Abwechslung und Ablenkung von ihrem Alltag. Sie erleben Freude und erhalten dadurch wertvolle Lebensenergie. Sie trainieren und erhalten Fähigkeiten beim gemeinsamen Tun mit Kindern.

„Kinder schaffen es, durch ihr Lächeln große Emotionen in Senioren zu wecken. Zu sehen, wie sehr sie der Umgang mit Kindern berührt, ist wirklich toll“, betont Rohm. Er erklärt, dass mit dem Umgang mit Kindern Erinnerungen und damit verbundene Emotionen aktiviert werden. Die Senioren erleben das Gefühl wichtig zu sein. Sie können (wieder) Beziehungen zu Kindern und anderen Erwachsenen aufbauen, werden fähig, Vorurteile gegenüber jüngeren Menschen abzubauen und werden gegenüber der Jugend toleranter, weil sie sie besser verstehen können.

Auch für Kinder sind die generationsübergreifenden Projekte wichtig. Denn Senioren können ihr Wissen an die Kinder weitergeben.

Die veränderten Lebensformen durch demografische und gesellschaftliche Entwicklungen haben heute dazu geführt, dass auch viele Kinder nur noch selten mit älteren Menschen in Kontakt kommen.

Die künftige Gesellschaft mitgestalten

Dabei ist der Kontakt zwischen den Generation für beide Seiten wichtig: „Generationsübergreifende Projekte verfügen 

über Potenziale, die sie zu Mitgestaltern künftiger Sozialstrukturen unserer Gesellschaft prädestinieren“, findet Petra Hinkl, Bereichsleiterin Dienste für Kinder der Diakonie Neuendettelsau in einem Interview.

Frage: Generationsübergreifende Projekte können die Zukunft gestalten? Was meinen Sie damit?

Petra Hinkl: Gerade noch sehr kleine Kinder sind offen für alles um sie herum. Sie gehen ohne Angst und Hintergedanken auf andere Menschen zu. Viele Kinder haben heutzutage im familiären Umfeld kaum mehr Kontakt zu Senioren und können sich dann schwer in die unbekannte Generation hineinfühlen. Das wird in der Fachsprache ‚Stereotype Vorstellungen‘ genannt. Beispielsweise das Bild der strickenden Oma im Schaukelstuhl. Dabei gibt es genug Aufgaben und Unternehmungen die Jung und Alt gemeinsam angehen können: Betreuung und Begleitung leisten, Bildung unterstützen und wertvolles Erfahrungswissen weitergeben sind Dinge, von denen beide Seiten viel mitnehmen.

Frage: Warum sind generationsübergreifende Projekte so wichtig?

Petra Hinkl: Die demographische Verschiebung wirft eindringlich die Frage auf, wie die Generationen künftig miteinander leben wollen. Stärker als bisher ist ein Bewusstsein gefordert, das die Beziehungen zwischen den Generationen als immer neu zu gestalten begreift. Das Besondere an dieser Aufgabe ist, dass sich das Wenigste davon verallgemeinern lässt. Ob sich Alt und Jung mit Respekt begegnen, sich als Last oder als Bereicherung definieren, entscheidet sich im alltäglichen Umgang. In dem die unterschiedlichen Generationen zusammenkommen und sich kennenlernen, kann der Umgang aber von klein auf vermittelt werden.

Frage: Wie können Kinder vom Kontakt mit Senioren profitieren? Was passiert bei ihnen?

Petra Hinkl: Kinder erfahren, dass das Alter zum Leben gehört. Sie werden fähig, den Alterungsprozess in ihr eigenes Welt- und Menschenbild zu integrieren. Darüber hinaus lernen sie Hemmschwellen und Ängste gegenüber dem Alter abzubauen und entwickeln Verständnis und soziales Verhalten für die Eigenheiten alter Menschen. Sie lernen Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit und Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit alten Menschen.

Generationsübergreifende Projekte bringen also nicht nur Freude und Abwechslung in den Alltag von Kindern und Senioren. Sie helfen auch, das Verständnis füreinander zu entwickeln und zu stärken. Damit erfüllen sie eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die die Einrichtungen der Diakonie Neuendettelsau auch zukünftig unterstützen möchte.

Sprachförderung und Freude am Zuhören

Schwester Irmgard Weber besucht seit 15 Jahren regelmäßig die Integrative Kindertagesstätte Bunte Oase, die Margit Löscher leitet. Wenn sie durch die Türe kommt, rennen ihr einige Kinder schon aufgeregt entgegen. „Die Leseoma ist da!“, kommt es aus vielen Kindermündern. Die Leseoma, so nennen die Kinder Schwester Irmgard Weber. Sie kommt jede Woche und nimmt die Kinder mit in die fantasievolle Welt der Geschichten, Legenden und Märchen.

Schwester Irmgard Weber besucht die Kinder der KiTa Bunte Oase, um ihnen vorzulesen oder lustige Fingerspiele mit ihnen zu spielen.

„Es ist jedes Mal toll, wenn Kinder einen anstrahlen“, verrät die 81-jährige Diakonisse. Sie kennt sich gut aus mit Kindern, weiß wie sie schnell deren Herz gewinnt. Vor ihrem Ruhestand hat sie in verschiedenen Kindergärten gearbeitet. Fast 40 Jahre davon in einem Kindergarten in Rehau. „Der Umgang mit Kindern hält einen jung. Ich finde es jedes Mal schön, die Kinder zu besuchen“, freut sie sich.

Geschichten und Erzählungen wählt die Diakonisse selbst aus. Und dabei ist Schwester Irmgard Weber nicht nur eine der besten Erzählerinnen, sondern auch eine begabte Bastlerin. Viele ihrer Geschichten werden durch selbst gestaltete Bastelwerke sowie originelle Ideen unterstützt und von Kindern voller Stolz nach Hause getragen.

„Die Hauptfiguren meiner Geschichten bastle ich zuhause damit ich den Kindern die Geschichte so lebhaft wie möglich erzählen kann“, sagt sie. Dass die Kinder ihre Leseoma ins Herz geschlossen haben, merkt man. Sie zaubert ihnen auch nach den Geschichten ein Lächeln ins Gesicht und hat immer Zeit für ein kurzes Gespräch. „Es ist echt schön, wenn mich die Kinder an ihrem Leben teilhaben lassen und mir von ihren Erlebnissen erzählen“, betont Schwester Irmgard Weber. Und obwohl sie dieses Jahr 82 Jahre alt wird, denkt sie noch lange nicht ans Aufhören.

Lesen bringt den Kindern nicht nur Freude, es hat auch positive Lerneffekte, weiß Renate Hasenfuß. Sie hat über 30 Jahre in der integrativen Kindertagesstätte St. Laurentius in Neuendettelsau gearbeitet und wollte auch nach ihrem Ruhestand vor zwei Jahren weiterhin für die Kinder da sein. Zweimal im Monat besucht sie nun die Kinder der Laurentius-Kita, die Cosima Faulhaber leitet. „Schon damals hat es mir Freude bereitet, wenn ich den Kindern vorgelesen habe“, erzählt sie. Lesen ist eine tolle Möglichkeit, sich den Kindern zu widmen und ihre Sprachentwicklung zu fördern.

Das macht Renate Hasenfuß ganz bewusst. Sie achtet auf die Betonung der Wörter, zeigt den Kindern die Bilder in den Büchern, stellt ihnen Fragen und lässt sie über das was sie sehen diskutieren.

Renate Hasenfuß liest zweimal im Monat ein Buch mit den Kindern der Integrativen Kita St. Laurentius.

Heute liest sie ihnen die Geschichte „Wir sind doch keine Angsthasen“ von Jörg Hilbert vor. Darin geht es um die sechs Hasenkinder Mira, Maja, Mimi, Max, Mümmel und Moppel, die dicke Freund sind und viel zusammenmachen. Egal ob beim Klettern, Schwimmen oder Radfahren – einer von ihnen braucht immer ein bisschen Mut und Unterstützung.

„Die Vornamen der Hasenkinder beginnen alle mit dem Buchstaben ‚M‘“, erklärt Renate Hasenfuß. Die Kinder kleben an ihren Lippen. Ein Leuchten geht über ihr Gesicht, wenn sie Renate Hasenfußs Fragen beantworten können oder Zusammenhänge erkennen. So merken die Kinder gar nicht, dass sie gerade etwas gemacht haben, das ihre Sprache fördert.  

Sprachförderung und Spaß in einem: Weil alle Vornamen der Hasenkinder mit „M“ beginnen hat Renate Hasenfuß den Kindern heute etwas zum Naschen mitgebracht, dass auch mit „M“ beginnt: Eine leckere Melone.

-> Ein Spendenprojekt der Diakonie unterstützt auch solche Begegnungen zwischen Kindern und Senioren

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