Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext stammt aus einem der Lieblingsbücher Jesu, nämlich den zweiten Teil des Propheten Jesaja. In Nazareth hat Jesus daraus vorgelesen. Und er hat daraus wiederholt zitiert. Wann immer er mit falschen (Messias) Erwartungen konfrontiert wurde, stellte er das Bild des leidenden Gottesknechtes mit Zitaten aus dem Propheten Jesaja dagegen.

Bei Jesaja finden wir vier Lieder, die davon handeln. Sie „singen“ von einem Knecht, dessen Aufgabe es ist, zu leiden und zu sterben.

Arbeiten für Gott bedeutet also nicht nur zu predigen, Kranke zu heilen und Arme zu versorgen. Es kann auch bedeuten, dass einiges nicht nur zu ertragen, sondern in manchen Fällen auch zu erleiden ist. Jesaja selbst hatte leidvoll miterlebt, wie Gott missbraucht worden ist, um eigene Machtinteressen durchzusetzen. Deshalb ist es ihm wichtig zu betonen, dass wir nur dann glaubwürdig und überzeugend von Gott reden können, wenn wir dabei darauf verzichten, in irgendeiner Form Zwang anzuwenden oder persönliche Vorteile zu erhalten.
Ehe ich gleich den Predigttext vorlese, möchte ich Sie ein wenig an meinem durch das Studium erworbenen theologischen Wissen teilhaben lassen. Was mich an dieser Stelle, also wenn es um den leidenden Gottesknecht geht, fasziniert hat, war die Entdeckung, dass auch der heidnische Perserkönig Kyros bei Jesaja als „Knecht Gottes“ bezeichnet wird. Jesaja tut dies, weil Kyros dafür gesorgt hat, dass die in sein Land verschleppten Juden wieder heim dürfen, um ihr Land und ihren Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen.
Über so einen weiten geistigen Horizont sollten wir alle staunen. Das sollten wir im Kopf und im Herzen behalten, ehe wir allzu schnell und einseitig alles nur auf Jesus beziehen. Nicht, weil es falsch wäre, sondern weil wir in dieser Einseitigkeit vieles, was unser Leben bereichern und stärken kann, nicht mitbekommen.
Warum sollten wir mit einem sehr engen Horizont leben, wenn Gott ihn groß und weit machen will?!

Ich lese das so genannte dritte Gottesknechtslied vor, wie mein kürzlich verstorbener Kollege Friethjof Gräßmann es so einfühlsam übersetzt hat.


Es steht bei Jesaja im 50. Kapitel:

JHWH, der Herr selber, der alles kann, hat mich das Reden gelehrt.
Deshalb verstehe ich heute so zu reden, dass müde Menschen aufgerichtet werden.
Ich habe jeden Morgen Verbindung zu meinem Lehrer, zu Gott.
ER redet da zu mir und ich spitze die Ohren, um immer mehr von ihm zu hören und zu lernen.
JHWH, der Herr selber, der alles kann, hat es soweit gebracht, dass ich in gespannter Aufmerksamkeit die Ohren spitze.
Ich habe bei seinem Unterricht nicht abgeschaltet oder an andere Dinge gedacht. – (Im Gegenteil!) Ich habe meinen Rücken denen hingehalten, die mich geschlagen, mein Kinn denen, die mich angegriffen haben.

Mein Gesicht habe ich nicht weggedreht, als sie mich beschimpften und anspuckten.
JHWH, der Herr selbst, der überall ist, steht als Helfer neben mir.
Deshalb weiß ich, dass ich nie in einer aussichtslosen Lage bin.
Deshalb kann ich die Zähne zusammen beißen und durchhalten.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich an seiner Seite nicht angeschmiert und betrogen bin.
ER
selber ist bei mir, wenn ich unsicher werde und nicht mehr klar sehe, wenn ich zweifle, ob ich mich nicht doch geirrt habe und auf der falschen Seite stehe.
Sollen sie nur kommen, die mich dauernd angreifen und mir klarmachen wollen, dass ich nicht mehr zu IHM gehöre!
Stellen wir uns doch miteinander vor IHN hin und lassen IHN entscheiden! Ich befürchte nicht, dass dann die anderen von IHM Recht bekommen.

Denn JHWH, der Herr selber, hilft mir in diesem Streit.
Die anderen werden es nie so weit bringen, dass ich der Schuldige bin – im Gegenteil:
Vor IHM wird sich zeigen, wie morsch und fadenscheinig alles ist, was sie gegen mich vorbringen.



Liebe Gemeinde,

"Ich habe jeden Morgen Verbindung zu meinem Lehrer, zu Gott."

Bei diesem Satz dürfte uns allen die vertraute Lutherübersetzung im Ohr klingen: Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre wie Jünger hören.

Jochen Klepper hat daraus das Lied gedichtet, das wir am Anfang des Gottesdienstes gesungen haben. Er hatte auch diesen weiten inneren Horizont bekommen. Die Liebe hat ihn diesen gelehrt. Die Liebe zu einer jüdischen Frau, die elf Jahre älter als er war, dazu verwitwet und zwei Töchter mit in die Ehe gebracht hat. Seine Lebensgeschichte ist eine ganz besondere Auslegung der Worte Jesajas, die wir gerade gehört haben.

Ja, er hatte Johanna Stein in einem bewussten Akt des Widerstandes gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus geheiratet und auch gegen den erklärten Willen seiner Eltern. Der Berliner Rundfunk kündigte ihm seine Anstellung wegen dieser Ehe und auch seine folgende Anstellung beim Ullstein-Verlag wurde aus demselben Grund gekündigt.
Eine Zeit lang konnten ihm noch hochrangige Offiziere mit ihrem Einfluss helfen. Sie verehrten ihn wegen seines Romans über den preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. mit dem Titel „Der Vater“. Als die Widerstände immer größer wurden, bot ihm seine Frau die Scheidung an, um ihn von den Belastungen ihrer jüdischen Abstammung zu befreien. Doch das wies er energisch zurück. Immerhin konnte er die ältere der Töchter, Brigitte, dazu überreden, dass sie emigrierte. Als die jüngere Tochter Renate ebenfalls ausreisen sollte, erhielt die Familie zunächst wieder erfolgreiche Unterstützung durch hochrangige Offiziere. Doch dann schritt Adolf Eichmann (der bei den Nazis für die Deportation der Juden zuständig war) persönlich ein und verbot Renates Ausreise. Nun wusste Jochen Klepper, dass seine Frau und Tochter innerhalb kürzester Zeit ins Konzentrationslager abtransportiert würden. Die Familie sah nur noch einen Ausweg: den gemeinsamen Freitod.

Seine letzten geschriebenen Worte lauten: Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.

Wie sich doch die Geschichte immer wiederholt! Schon Jesaja hat darüber geklagt, dass Reiche und Mächtige ihre Macht missbraucht haben, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Besonders schlimm ist es, wenn dies dann auch noch unter dem Deckmantel der Religion und des Glaubens geschieht.

Je enger der menschliche Horizont, desto leichter geschehen entsetzliche Taten - auch im vermeintlichen Auftrag Gottes!

Was können wir dagegen setzen?

Jesaja spricht es deutlich aus, und Jesus hat dies Jahrhunderte später zum Zentrum seiner Bergpredigt gemacht. Nämlich:

1. Dass wir uns weigern vor Hass und Gewalt zurück zu weichen, sondern stand halten.
2. Der Verzicht auf Gegengewalt.

Das aber könne wir nicht aus eigener Kraft. Wer von uns könnte so denken, fühlen und handeln wie Jesus, der bei seinem Einzug in Jerusalem von den mächtigen Frommen aufgefordert wurde, den Jubel der Menge zu beenden. Er widerstand mit den Worten: Wenn diese schweigen, dann werden die Steine schreien. Doch gleich nach dem triumphalen Einzug bricht Jesus in Tränen über Jerusalem aus, weil es nicht erkennt, was seinem Frieden dient. Kurz darauf lässt er sich ohne Gegenwehr und vor allem ohne gewaltsame Gegenwehr festnehmen. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen. Statt dessen heilt er sogar noch das Ohr des hohepriesterlichen Knechtes, der doch auf der Seite seiner Peiniger steht.

Wir können sowas nicht! Jesus weiß das, darum gibt er uns ein Dreifaches mit auf den Weg, so wie es vor ihm schon Jesaja getan hat:

1. Wir brauchen den Zuspruch und die Ermutigung anderer Nachfolgerinnen und Nachfolger.
2. Wir brauchen Gottes Hilfe.
3. Wir brauchen Gottes Hilfe.

Nein, dies ist kein Fehler, sondern ich gebe nur wider, was Jesaja schreibt. Er ist es, der zweimal betont, dass wir dazu Gottes Hilfe brauchen. Ein hebräisches Stilmittel, um die Dringlichkeit und Wichtigkeit einer Aussage zu unterstreichen.
Lassen wir abschließend dazu noch einmal Jochen Klepper zu Wort kommen:

In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen.
Und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis,
dein Wort bleibt noch im Tod gewiss.

Amen

Palmsonntag, den 25.03.2018 Pfarrerin Karin Lefèvre


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