Liebe Gemeinde,

„Ich bin für dich da. Ich kümmere mich um dich. Alles wird gut!“

– das sind tröstende Worte für einen kleinen Kummer oder auch für große Sorgen. Worte, der Mutter, die liebevoll in den Arm nimmt, eine tröstende Geste des Vaters oder auch Gesten einer tragenden Freundschaft, Partnerschaft oder Ehe.

Allein diese Worte unterbrechen für einen Moment den ungebremsten Strom der Sorgen. Sie wischen sie nicht weg, vermögen sie aber für einen Moment ein wenig einzudämmen. Natürlich bleibt der Schmerz oder die Sorge im Hinterkopf und lässt sich auch durch noch so viel Liebe nicht wegzaubern, aber der Kummer oder die Sorge, all das, was plagen kann, verliert für einen Moment seine alles bedrückende Macht.

Erinnern Sie sich an solche Momente des Trostes – sei es aus Ihrer Kindheit oder auch aus der Gegenwart. Wie schön das war oder ist, getröstet zu werden?

„Ich bin für dich da. Ich kümmere mich um dich. Alles wird gut!“

Das sind drei kleine Sätze, mit denen ich gerne das Geschehen am Karfreitag für uns heute deuten möchte.

Lassen sie mich Ihnen dazu den heutigen Predigttext vorlesen:

Hebräerbrief 9,15.20b-28:

15. Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.26b. Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. 27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.

Ich möchte mich jetzt ein wenig lösen, von den traditionellen Bildern, mit denen wir das Geschehen am Karfreitag deuten. Wenn wir vom Opfer oder vom Sühnopfer sprechen, dann sind das sehr traditionelle Deutungen, die Menschen lange und tief bewegt haben, aber vielen heute nicht mehr die Antwort geben, die sie für sich suchen.

„Warum sollte Jesus denn für mich gestorben sein“, das fragte mich einmal eine Konfirmandin, „und warum sollte Gott das so gewollt haben? Das ist doch grausam!“

Ja, es ist grausam. Das ist so. Und doch geht es nicht anders. Die Kreuzigung Jesu ist eine grausame und blutige Geschichte. Aber ist sie leider auch eine alltägliche. Sie ist auch heute noch Realität. Wie viele Menschen sterben tagtäglich in vielen Ländern auf dieser Welt, weil sie sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen? Wie viele Menschen engagieren sich in Krisenzonen und riskieren dabei ihr Leben? Ärzte, Entwicklungshelfer, Menschenrechtsaktivisten, Journalisten? Es sind Menschen auf der ganzen Welt, die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen. Es sind Menschen, die schlicht da sind und sich kümmern. Verletzt werden möchte niemand, oder gar bei einem Hilfseinsatz getötet werden. Doch haben uns die Berichte aus Syrien, aus Nigeria oder anderen Ländern leider gezeigt, das selbst UN-Hilfskonvois angegriffen werden.

„Ich bin für dich da. Ich kümmere mich um dich. Alles wird gut!“

Das ist die Botschaft, die damit deutlich wird. Ein befreundetes Ehepaar macht sich wieder auf den Weg nach Afrika um dort zu arbeiten. Sie ist Pfarrerin, er ist Arzt. Afrika, genauer gesagt, Tanzania hat sie nicht mehr losgelassen, seit sie das erste Mal dort waren. Er könnte als Arzt hier in Deutschland viel mehr verdienen als in Afrika. Unter einfacheren Umständen und mit deutlich weniger Möglichkeiten wird er operieren und junge Ärzte ausbilden. Vieles von dem, was er als Chirurg in Deutschland in der Forschung erreichen könnte, wird dort nicht gehen. Er wird dort versuchen, Leben zu retten, mit dem, was zur Verfügung steht. Sie wird als Pfarrerin die Gemeinden dort betreuen, Gottesdienste feiern und als Seelsorgerin Menschen Trost zusprechen.

Gewiss, beide riskieren wohl nicht ihr Leben. Aber sie verzichten auf Einkommen, unseren gewohnten Wohlstand, das soziale Umfeld in Deutschland und auf eine mögliche Karriere. Sie tun etwas für andere. Sie setzen sich für andere ein, so wie viele anderen es schon vor ihnen getan haben oder auch nach ihnen wieder tun werden.

„Ich bin für dich da. Ich kümmere mich um dich. Alles wird gut!“

Ganz anders und ganz drastisch haben wir es vor einigen Tagen in Frankreich erlebet. Der Polizist Arnaud Beltrame hat sich bei der Geiselnahme in Südfrankreich gegen eine weibliche Geisel austauschen lassen. Er wurde schwer verletzt und verstarb später. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat den Polizisten später bei einer nationalen Gedenkfeier geehrt. Arnaud Beltrame hat einer Frau das Leben gerettet, und dafür sein eigenes eingesetzt. Das ist im Grunde auch eine Form von:

„Ich bin für dich da. Ich kümmere mich um dich. Ich rette dein Leben!“

Sehr bewegt hat mich diese Tage auch die Geschichte von Malala, einer jungen Frau aus Pakistan. Ihr Vater gründete vor etwa 15 Jahren eine Schule für Mädchen und jungen Frauen, damit auch sie eine Chance auf Bildung bekommen. Der Widerstand der Taliban war enorm. 2012 wurde Malala auf dem Schulweg überfallen und mit mehreren Schüssen schwer verletzt. Ein Schuss drang durch ihre linke Augenhöhle in den Kopf ein. Der Attentäter hatte mir unvorstellbarer Brutalität aus nächster Nähe auf Malala geschossen. Malala überlebte und wurde 2014 mit nur 17 Jahren mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Sie lebt seit dem Attentat in London. Vor wenigen Tagen war sie zum ersten Mal wieder in Pakistan und traf dort ihre Familie. Sie setzt sich nach wie vor für das Menschenrecht auf Bildung ein, unabhängig vom Geschlecht.

Dass Menschen ihr eigenes Leben für andere einsetzen, damit es anderen gut geht, sie vielleicht sogar ihr Leben behalten können, das ist für mich ein Gedanke von Karfreitag. Jesus tat es. Menschen tun es heute. Im Grund ist das eine ganz wesentliche Antriebsfeder diakonischer und sozialer Arbeit. Wir engagieren uns für andere Menschen. Sei es aus Nächstenliebe, aus Mitleid, aus einem Gefühl der inneren Verpflichtung oder aus klarer Vernunft und überlegtem Nachdenken Gedanken heraus. Die Motivation dafür kann vielfältig sein. Aber sie ist bei vielen Menschen so stark, dass sie sich zu einem diakonischen Handeln berufen fühlen. Viele scheuen sich dabei auch nicht einen hohen persönlichen Einsatz zu leisten. Sie widmen diesem Ziel ihr ganzes Leben, wie das Menschen in geistlichen Gemeinschaften, wie auch in der Diakonie Neuendettelsau vielfältig tun. Dafür verzichten sie oft auch auf Familie, Eigentum oder berufliche Karriere.

Für mich kommt aber noch ein zweites hinzu, was das Geschehen am Kreuz für die Gegenwart neu deutet:

Jesus setzte sich für die Menschen ein, gleich, wer sie waren oder was sie getan hatten. Es spielte keine Rolle, welcher Religion sie angehörten, welcher Nation oder ob sie als Verbrecher neben ihm ans Kreuz geschlagen wurden. Dieses „Ohne Ansehen der Person“ ist bis heute für uns ein geflügeltes Wort. Ohne Ansehen der Person. Es geht darum, Menschen zu helfen und für sie einzutreten, gleich wer sie sind, wer sie waren oder was sie getan haben.

Es spielt keine Rolle, ob jemand Schuld auf sich geladen hat oder nicht. Hilfe wird angeboten. Zu einem ganzheitlichen Heilungsprozess gehört aber auch die Klärung einer Schuldfrage dazu. Gerechtigkeit muss wieder hergestellt werden. Sonst ist ein geordnetes soziales Leben kaum möglich.

Ein Chirurg wird in Tanzania die Menschen operieren, die Hilfe brauchen, ohne dass er etwas von ihnen weiß. Eine Seelsorgerin wird sich um die Personen kümmern, die Trost brauchen, ohne dass sie ihre Geschichte vorher kennt. Der französische Polizist hat sich gegen eine Geißel austauschen lassen, auch wenn er ihre Biographie nicht kannte. Menschen in diakonischen Einrichtungen, in Krankenhäusern oder aber auch im Strafvollzug treten für andere ein und helfen bei der Resozialisierung.

„Ich bin für dich da. Ich kümmere mich um dich. Alles wird gut!“

Das ist es, was Menschen brauchen, das ist es, was Karfreitag heute für mich ist. Jesus Christus hat sich für Menschen eingesetzt, er hat seine Botschaft mit Leben gefüllt. Es ist die Botschaft des Lebens. Des Lebens für alle Menschen, die in Schmerz, Leid oder Schuld leben. Ihnen gilt der Trost:

„Ich bin für dich da. Ich kümmere mich um dich. Alles wird gut!“

Und dabei spielt es übrigens auch keine Rolle, ob die Personen, die Jesus nachfolgen, nicht auch selbst Schuld mit sich herumtragen. Auch für sie, für uns alle gilt Jesu Trost:

„Ich bin für dich da. Ich kümmere mich um dich. Alles wird gut!“

Amen.

Pfarrer Dr. Peter Munzert, St. Laurentius Neuendettelsau

Diesen Artikel teilen

Mehr lesen aus dem Magazin zum Thema Spiritualität
17. Juni 2018

Zwischen den Kirchengemeinden in Neuendettelsau herrscht große Verbundenheit. Deutlich wird das bei gemeinsamen Veranstaltungen wie dem "Gottesdienst im Grünen".

01. Mai 2018

Am 1. Mai präsentiert die Paramentik Neuendettelsau ein Buch, das einen Rückblick enthält auf die Installation AN_GE_SICHT. Diese textile Installation war zu sehen auf dem Kirchentag 2017 in Berlin.

25. April 2018

Die überarbeitete Version des "Neuendettelsauer Psalter" liegt vor und wird am 28. April vorgestellt.

30. März 2018

Wie werden der Karfreitag und die Osterfeiertage in der Diakonie Neuendettelsau gefeiert? Und welche Bedeutung hat der Karfreitag für die Christen? Ein Gespräch mit Pfarrer Dr. Peter Munzert.

Haben Sie Fragen? Wir helfen Ihnen gerne.

Wenn Sie sich näher über unser Angebot informieren möchten, können Sie gerne Ihre
bevorzugte Kontaktmöglichkeit hinterlassen.

Oder rufen Sie uns an unter unserer Service-Nummer:

+49 (0) 180 28 23 456 (6 Cent pro Gespräch)