Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext stammt aus der Offenbarung des Johannes. Das ist kein leichter Teil der Bibel. Hier ist viel von Gericht, Weltuntergang und neuer Schöpfung die Rede. Dabei verwendet der Autor viele Bilder und eine Symbolsprache, die schwer zu deuten ist. Da ist von Posaunen und sieben Siegeln die Rede, von den Schalen des Zorns und vom Satan. So kennen wir zumeist die Offenbarung des Johannes - als eine apokalyptische Schrift. Vieles wirkt einfach sehr fremd.

Martin Luther sagte dazu, das sei eine stroherne Epistel, und sein Geist wolle nicht in dieses Buch hineindringen.
Doch unser heutiger Text aus der Offenbarung des Johannes ist weihnachtlich, überraschend weihnachtlich, eine echte Offenbarung.

Er erzählt von der Einheit der Völker im Himmel. Er erzählt von der Gemeinschaft der Engel und der Menschen, die sich um Gott herum versammeln und er erzählt von der Kraft und der Stärke, die von Gott her kommt.

Wir hören den Predigttext aus der Offenbarung des Johannes im 7. Kapitel. Ich lese die Verse 9-12:
„Ich sah eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Diese Worte aus der Offenbarung des Johannes sind wie ein Traum von einer friedvollen Gemeinschaft unter den Menschen. Ja, so sollte es einmal sein. Der Traum sollte wahr werden. Alles, was heute brüchig oder lebensfeindlich ist, sollte wieder ins Lot kommen.
Aus allen möglichen Ländern kommen Menschen zusammen. Sie versammeln sich um Gott herum. Engel sind bei Ihnen, ihre Ältesten, die Anführer und viele andere mehr. Sie kommen um Gott zu loben und zu ehren. Sie möchten nahe bei Gott sein. Kraft tanken und an Stärke gewinnen.

Es ist wie ein himmlischer Gottesdienst, Jesus, das Lamm Gottes, ist mit dem Vater im Himmel vereint.
Dieses Geschehen erinnert stark an die Weihnachtsgeschichte: Auch dort kommen die Menschen zusammen, die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland und die Heerscharen der Engel. Sie kommen um das Kind in der Krippe anzusehen, Jesus Christus, und nehmen sich die Zeit um Gott zu danken und zu loben.
Es wird deutlich, diese Gemeinschaft um Gott herum trägt.

Natürlich wissen wir, die Realität holt uns schnell genug wieder ein. Wir wissen, in vielen Ländern dieser Erde sind wir weit von einem himmlischen Frieden entfernt. Gewalt unter Völkern ist immer noch die Regel, vielleicht sogar mehr als noch vor ein paar Jahren.
Was mich an Weihnachten jedes Jahr besonders bedrückt? Das Heilige Land, das Land in dem Jesus Christus geboren wurde, das Land des Volkes Israel, wird mehr und mehr zu einem heillosen Land. Es ist weiter denn je von einem Frieden für alle entfernt. Und doch, und doch will ich die Hoffnung nicht aufgeben.

Im Alten Testament, gibt es ein weiteres schönes Bild von der Völkergemeinschaft, das die Propheten Jesaja und Micha mit der Völkerwallfahrt zum Zion beschrieben haben. Es war lange vor der Geburt Jesu die Hoffnung der Propheten, dass Frieden und Eintracht die Menschheit zusammenführen würden, sie alle gemeinsam vor Gott kämen und dort miteinander beten würden.
Macht, Reichtum, Einfluss, all das wäre nicht mehr wichtig. Viel mehr ginge es darum, dass Gott Frieden schaffen, Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und als Richter zwischen den Völkern für Ruhe sorgen würde.
Ein schöner Traum, der uns allenfalls lächeln lässt? Ja, ein schöner Traum, aber mehr als das. Eine handfeste Vision, die irgendwann Wirklichkeit werden soll. Warum sollten wir diese Vision aufgeben? Diesen Wunsch nach einer friedvollen Welt?

Vor wenigen Tagen gedachten viele Menschen der getöteten und verletzen Menschen in Berlin, die vor einem Jahr dem brutalen Attentat auf dem Breitscheidplatz zum Opfer fielen. Viele Menschen haben ihre Solidarität gezeigt und sind für andere eingetreten. Auch wenn sie gar nicht unmittelbar betroffen waren, haben sie doch das Leid und den Schmerz der anderen zu ihrer eigenen Sache gemacht. Ich habe dies auch auf einer Weihnachtsfeier einer Schule erlebt, die für ihr Engagement gegen Rassismus ausgezeichnet wurde. An dem Abend des Festakts waren alle müde und wollten nach Hause, doch auch die Schülerinnen und Schüler haben die teils langen und sicher nicht kindgerechten Reden mit großem Respekt und der entsprechenden Ernsthaftigkeit angehört, weil auch sie spürten, dieses Engagement ist wichtig und muss unterstützt werden.
Es gibt viele solcher Zeichen und Wege, Menschen zusammenzuführen, miteinander ins Gespräch zu kommen, Aussöhnung voranzubringen – ohne all das geht es nicht – und wir sind auch gerne bereit uns zu engagieren, wo es eben geht.

Unser Bibeltext lädt uns alle ein, zu Gott zu kommen. Er fragt er nicht danach: „Wo kommst du her? Was bringst du mit? Was trägst du auf den Schultern? Was möchtest du in Deinem Leben erreichen?“ Er erzählt einfach, wie heilsam es ist, mit Gott zusammenzukommen. Wie die Gemeinschaft um Gott herum Freude und Kraft ausstrahlt, wie die Engel singen und alle spüren – ja diese Einladung zu Gott zu kommen gilt mir ganz persönlich. In seiner Nähe und in seiner Gemeinschaft bin ich geborgen und getragen. Hier finde ich Frieden, ganz persönlich, aber auch in der großen Gemeinschaft der Völker. Hier wird Frieden auf Erden wahr.

Für die Leserinnen und Leser zur Zeit des Johannes waren diese Worte sicher ein großer Trost. Wie vermuten, sie litten unter Verfolgung oder waren versklavt und mussten in Bergwerken arbeiten und dort sterben. Und auch heute werden mehr Christinnen und Christen denn je um ihres Glaubens willen verfolgt und leiden schwer. Gerade deshalb lässt uns diese Vision einer friedlichen Gemeinschaft mit Zuversicht nach vorne blicken.
Wir wissen, was wichtig ist in dieser und für diese Welt. Selbst wenn uns nach den Feiertagen unsere alltäglichen Probleme wieder gefangen nehmen, haben wir doch die Botschaft Gottes vor Augen.
Wir alle sind eingeladen, bei Gott Frieden zu finden, Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Amen.

Pfarrer Dr. Peter Munzert, St. Laurentius Neuendettelsau, 26.12.2017

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