Offenbarung 1, 9-18

Zweimal begegnen uns in den Bibelabschnitten dieses Sonntags Christusvisionen: im Evangelium die Verklärung auf dem Berg Tabor, in der die drei Jünger Jesus im österlichen Glanz sehen, und in dem eben gehörten Wort, der Christusvision mit der die Offenbarung des Johannes beginnt. Beide Male ist es der verklärte und erhöhte Christus, den Menschen schauen, und es sind beide Male Menschen, die aus dem gewöhnlichen Alltag herausgenommen sind. Die drei Jünger sind Jesus auf den Berg gefolgt. Er hat sie herausgeführt aus der Menge, die ihn und sie Tag für Tag umdrängt und von ihm Hilfe und Heilung sucht. Er hat sie mitgenommen hinauf in die Einsamkeit dieses Berges, nicht um ihnen etwas zu erklären, sondern um verklärt zu werden vor ihren Augen.

Auch der Seher der Offenbarung ist herausgenommen aus seinem Alltag: ist auf der Insel Patmos. Was er dort schaut ist zugleich atemberaubend und verstörend. Um des Zeugnisses von Jesus willen ist er dort, ins Exil, in der Verbannung. Als ihn der Geist ihn ergreift, schaut er Jesus, doch der trägt nicht mehr die Kleider des Wanderprediger in Galiläa; alles, was Johannes an ihn sieht, zeigt: er ist der himmlische Herrscher. Einen goldenen Gürtel über der Brust wie nur Könige tragen ihn. Augen, hell wie Feuer, denen nichts verborgen bleiben kann. Die Stimme, donnernd wie ein Wasserfall. Sie spricht Worte, die den Lauf der Welt verändern. Und schließlich das Schwert, das aus dem Mund Christi kommt: Worte, die Menschen treffen. Den in der Verfolgung verängstigten und verzweifelten Christen sprechen sie Trost Hoffnung zu und für ihre Bedränger und Verfolger sind es Worte des Gerichts.

Es ist der auferstandene und erhöhe Christus, der Herr, der von sich sagt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“. Jesus, der Sohn Gottes und Herrscher der Welt. So, wie Johannes ihn beschreibt, ist Er unnahbar, ehrfurchtgebietend, heilig. Er steht über dieser Welt. Wie blass wirken dagegen manch andere Jesus-Bilder: Jesus der Weltverbesserer, der tolle Ideen von einer gerechten Gesellschaft hat. Jesus, der die Liebe predigt und damit unsere Welt lebenswerter macht. Solche Spar-Ausgaben von Jesus verblassen vor dem Bild in der Offenbarung. Es ist Jesus, der Christus, der Welt-Herrscher, der Pantokrator, wie ihn die Ikonen und Mosaiken der frühen Kirche zeigen.

Es ist die Vision eines Verbannten und Gefangenen, diese Vision von Christus und vom Leben, die ihm Trost gibt. Zum Trost und zur Ermutigung soll er sie schreiben an die sieben Gemeinden in Kleinasien, Gemeinden die damals erschüttert sind von Bedrängnis und Verfolgungswellen, Gemeinden, die später untergegangen sind im Ansturm des Islam. Doch Worte und Bilder haben sich eingebrannt ins Gedächtnis der Kirche, von Generation zu Generation überliefert, haben Christen in diesen Bildern Zuflucht und Trost gefunden. Ein Trostbuch für bedrängte Christen- so hat ein Ausleger das Buch der Offenbarung genannt.

Wenn uns solche Visionen heute fremd sind, und die Offenbarung das sprichwörtliche Buch mit sieben Siegeln ist, liegt das vielleicht auch daran, dass wir hier in großer Sicherheit leben, geschützt durch staatliche Gesetze, als Wähler umworben von den Parteien und wertgeschätzt von Politikern – zumindest in Sonntagsreden. Wer Visionen hat, ist ein Sektierer, oder er sollte nach dem Rat Helmut Schmids zum Arzt gehen.

Ist Johannes ist ein Sektierer, sollten er und die Jünger, die auf dem Berg der Verklärung Jesus in seinem Licht schauen, zum Arzt gehen? Gehören am Ende auch wir, die wir uns heute mit diesen Bildern beschäftigen, auf die Couch eines Psychiaters?

Diese Bilder geben Trost und sie sind heilsam in einem ganz tiefen Sinn auch für uns. Sie haben die Kraft, die Verwüstung zu heilen, die all die Schreckensbilder anrichten, die uns tagtäglich begegnen . Machen wir uns nichts vor: Es kann doch nicht ohne Folgen bleiben, wenn fast im Sekundentakt Gewaltbilder auf uns einprasseln aus Nachrichten und Zeitungen und in Fernsehserien. Solche Bilder verängstigen, verwunden und verletzen. Doch Gott stellt diesen Bildern das Bild Christi gegenüber, ein Bild, das uns aufrichtet und heilt, wen wir es an uns heran und in uns hinein lassen.

„Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn“ Am Sonntag, am Auferstehungstag hat Johannes diese Vision, während in der nahen Stadt Ephesus die Gemeinde den Gottesdienst feiert, die Eucharistie. feiert nicht nur sie. Ephesus ist auch Zentrum des Kaiserkultes. Kaiser Domitian regiert mit dem Anspruch, dass er Herrscher des Alls, der Pantokrator ist. Soter lässt er sich nennen, Erlöser der Menschen. Damit ist aber der Konflikt mit der Kirche gegeben. Denn sie verehrt Christus als den Herrn des Alls und Erlöser der Welt, ihn nennt sie Pantokrator und Soter. Was der Kaiser in seiner Selbstüberhebung und seinem Größenwahn von den Menschen fordert, sind sie nur bereit Christus zu geben: Den Weihrauch als Zeichen der Verehrung; Lobgesänge und Lieder, die seine Taten verkünden. Schon früh hat der Gottesdienst der Christen gerade im Osten des römischen Reiches eine große Pracht entfaltet hat. Nicht aus Eitelkeit, sondern als Zeichen und Protest gegen den Anspruch der Welt, ihr eigener Herr zu sein. Liturgie als Gegenprogramm zur menschlichen Überheblichkeit. Die Botschaft des Christentums braucht nicht im Kleid des Aschenbrödel zu gehen, das Licht, sollen wir nicht unter den Scheffel stehen angesichts der des oft so unehrlichen Glitzern und Glamourösen um uns herum. Es geht ja nicht um unser Licht und unseren Glanz, sondern um Christi Licht und seinen Glanz. Das darf sich widerspiegeln in der Kirche: in ihrer Architektur, in der Musik, und auch in den liturgischen Farben und Gewändern.

Freilich sind es nicht nur um Architektur, Musik oder Liturgie, wenn der Christus bezeugt werden soll. Auch Johannes lässt es nicht damit bewenden lassen, dass er eine Vision aufschreibt. Es folgen sieben Briefe, in denen es um die Gestaltung des Lebens geht. Damals wie heute geht es auch um die Fragen von richtig und falsch in der Lebensführung, ja es geht um die Frage von Leben und Tod. Wer hat kann, wer darf über Leben und Tod bestimmen?

Manches ins unserer Zeit ist so raffiniert eingefädelt, dass solche Fragen einfach überhört werden. Da ist vielleicht nicht genug, wenn wir es Vertretern unserer Kirchen überlassen, in Gespräch oder in Talkshows daran zu erinnern und die Sache Christi, die Sache des Lebens zu vertreten. Franz Josef Strauß hat einmal von der Lufthoheit über den Stammtischen gesprochen. Ob am Stammtisch, an der Theke in der Bäckerei oder beim flüchtigen Gespräch zwischen Tür und Angel. Christus will bezeugt werden. Auch in einer demokratischen Gesellschaft kann die Wahrheit schnell mundtot gemacht werden – wenn wir Christen unseren Mund nicht aufmachen.

Dabei haben wir eine Botschaft, die es lohnt dass sie weitergegeben wird. Durch unser Reden und mehr noch unser Leben, durch unsere Worte und durch unseren Dienst an den Menschen. „Fürchte dich nicht!“ heißt sie, „Fürchte dich nicht: Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Diese Botschaft vom Sieg des Lebens hören wir heute und geben sie weiter, indem wir sie feiern. So wird nicht erst in der Zukunft Wirklichkeit- sie ist heute lebendig unter uns, weil Er, der Auferstandene und Lebendige, in unsere Mitte kommt. Darum feiern wir Gottesdienst, darum jetzt das Heilige Abendmahl.

Pfr. Peter Schwarz, 21.01.2018 St. Laurentius Neuendettelsau

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