Jesaja 9, 1-6

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Wer wird unser Land in den nächsten Jahren regieren? Diese Frage bewegte im zurückliegenden Jahr rund um die Welt viele Menschen – angefangen bei der Wahl des neuen US-Präsidenten Ende 2016, den aufgrund der Brexit-Entscheidung vorgezogenen Parlamentswahlen in Großbritannien, der Präsidentschaftswahl in Frankreich, bis hin zur deutschen Bundestagswahl, die zwar zu einem Ergebnis aber bis heute noch nicht zu einer neuen Regierung führte. Wer wird unser Land in den nächsten Jahren regieren? Diese Frage ist für die Menschen deshalb so bedeutsam, weil diejenigen, die ein Land regieren, auf vielfache Weise auf das Leben jedes und jeder einzelnen von uns Einfluss nehmen. Die Entscheidungen eines Donald Trump, einer Theresa May, eines Emmanuel Macron, einer Angela Merkel und der von ihnen jeweils geleiteten Regierungen haben große Bedeutung für viele der Menschen in diesen Ländern. Wie schaut die Wirtschaftspolitik, die Sozialpolitik, die Gesundheits- und Verteidigungspolitik aus? Was bedeutet das Wirken der betreffenden Politiker für Wissenschaft und Bildung; was für das Weltklima? Viele schauen da genauer hin und sind entsprechend frustriert, wenn die getroffenen Entscheidungen ihr Leben nicht positiv sondern negativ beeinflussen.
Das gilt schon in diesen westlichen Ländern, in denen die politische Situation immer noch vergleichsweise stabil ist. Wieviel mehr gilt das aber für Menschen, die aufgrund der politischen Situation ihre Lebensgrundlage oder ihre Freiheit entzogen bekommen – wie in Syrien, Afghanistan oder Nordkorea zum Bei-spiel. Die Sehnsucht nach einer Regierung, ja einem Politiker, der für Frieden und Gerechtigkeit im eigenen Land sorgt, ist da nicht nur verständlich sondern geradezu natürlich.
So ist das nicht nur in unserer heutige Zeit, das war zur Zeit des Propheten Jesaja schon ganz genauso. Die Menschen erlebten Ungerechtigkeit und Gewalt. Sie hatten Sehnsucht nach einer Regierung, ja einem König der für Frieden und Gerechtigkeit in ihrem Land sorgen sollte. Der Prophet Jesaja nimmt diese Sehn-sucht auf und singt ein Lied.

-->Jesaja 9,1-6

Ist das nicht eine großartige Vision? Ein Licht scheint in der Finsternis, die Menschen jubeln vor Freude, weil das, was sie bedrückt hat, vorbei ist. Und das alles, weil jemand die Herrschaft übernommen hat, der weiß, was er tut, der für Recht und Gerechtigkeit sorgt und dafür, dass Friede herrscht.
Wir lesen diese Vision des Jesaja heute am Heiligen Abend, weil Christen der vergangenen Jahrhunderte zu der Erkenntnis gekommen sind, dass wir eine solche Leistung nicht alleine von Menschen erwarten können. Politiker sind und bleiben Menschen, sie erfüllen ihre Aufgabe immer im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Und sie tun es mit mehr oder weniger Verantwortungsbewusstsein – und sie tun es mit mehr oder weniger Erfolg. Aber für umfassenden Frieden und für vollkommene Gerechtigkeit werden sie nicht sorgen können. Dafür braucht es Gottes Eingreifen, sei-ne Aktion, das kann nur er garantieren.
Und die Christen der vergangenen Jahrhunderte haben gesagt: Dieses Eingreifen Gottes von dem der Prophet Jesaja da redet, dieses Eingreifen Gottes – ist in der Geburt Jesu Christi gesche-hen. Durch die Geburt Jesu hat Gott dafür gesorgt, dass Friede auf Erden herrschen kann, dass Recht und Gerechtigkeit für alle Menschen möglich sind. Die Christen von damals waren über-zeugt: Jesus war dieser Mensch, dieser Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, den Jesaja ungefähr ein halbes Jahr-tausend vor Christus angekündigt hat.
Und da stehen wir also heute am Heiligen Abend 2017, über zwei Jahrtausende nach der Geburt Jesu Christi, die wir heute feiern, und fragen uns: Was hat sich verändert? Warum ist der Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit immer noch nur eine Sehnsucht von uns Menschen? Warum hat sich im Grunde nicht viel verändert in unserer Welt? Warum gibt es immer noch Unfrieden und Ungerechtigkeit? Warum hat man den Eindruck, dass es immer noch finster ist und wir auch so ein Licht bräuchten wie das, von dem Jesaja redet? Warum, wenn Gott doch eingegriffen hat?
Die Antwort auf diese wichtigen Fragen ist nicht einfach. Ich möchte trotzdem einen Versuch wagen – weil wir heute Weih-nachten feiern. Ich glaube: Die Geburt Jesu ist eine ganz andere Antwort auf die Sehnsucht der Menschen als die, die sie/als die, die wir erwartet haben. Der Heilsbringer ist ein kleines Kind in der Krippe, ein Wanderprediger, einer der am Kreuz stirbt. Er verändert unsere Welt nicht durch Macht und Gewalt, sondern durch Liebe und Vergebung. Er sorgt für Frieden in der Welt, indem er den Menschen Frieden mit Gott ermöglicht. Und er sorgt für Gerechtigkeit, indem er unmenschliche Gesetze und Regeln bricht.
Dieser Friede-Fürst bringt uns Menschen in Bewegung, damit wir uns selbst für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Er zeigt uns, dass es nicht zielführend ist, auf den perfekten König oder Präsidenten zu warten, der alles für uns regelt. Wir sollen die Veränderung unserer Welt selbst in die Hand nehmen. Wir können in unserer Umgebung für Frieden sorgen, wir können in unserer Umgebung für Gerechtigkeit sorgen. Gott selbst gibt uns die Kraft und die Möglichkeiten dazu. Wir können die Politiker, die das nicht tun, dafür kritisieren und sie auffordern, ebenfalls für Frieden und Gerechtigkeit zu sorgen. Und wir können die Politiker unterstützen, die das gleiche Ziel wie wir haben und sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Denn es gibt auch verantwortungsvolle Politiker, Manager, Wissenschaftler, die ihre Möglich-keiten und ihre Macht gebrauchen, die Vision des Jesaja heute Wirklichkeit werden zu lassen. Die Weihnachtsbotschaft fordert uns dazu auf, selbst aktiv zu werden und die Botschaft der Engel „Frieden den Menschen auf Erden“ Wirklichkeit werden zu las-sen.
Ich kenne Menschen, die diese Vision oder eine ähnliche in sich tragen und aktiv geworden sind. Ich habe eine Abgeordnete getroffen, die sich aus ihrem christlichen Glauben heraus mit Leidenschaft für bessere soziale Verhältnisse in unserem Land ein-setzt. Ich habe einen Unternehmer kennen gelernt, dem es mit seiner Firma nicht nur darum geht Geld zu verdienen, sondern die Welt ein Stück besser und gerechter zu machen. Ich kenne Pädagogen, die ihre Arbeit als Möglichkeit verstehen, Kinder und Jugendliche sensibel und bereit für ein friedliches Zusammenleben in unserer pluralistischen Gesellschaft zu machen. Und ich treffe Mitarbeiterinnen in der Diakonie, die ihre Zuwendung zu anderen Menschen in der Pflege oder Betreuung als Beitrag zu einem gerechten und menschlichen Zusammenleben verstehen. Die Weihnachtsbotschaft bringt sie alle in Bewegung, wie das Licht in der Finsternis, von dem Jesaja gesprochen hat.
Ich wünsche Ihnen heute am Heiligen Abend, an den Weih-nachtstagen, dass sie die Kraft der Vision des Jesaja neu erleben und Ideen dafür bekommen, wie wir alle für mehr Frieden und Gerechtigkeit sorgen können, weil Gott Mensch geworden ist. Ihnen und Ihren Lieben wünsche ich von Herzen ein gesegnetes Weihnachtsfest!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.


Rektor Dr. Mathias Hartmann, St. Laurentius Neuendettelsau

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