Liebe Gemeinde!

Unser heutiger Bibeltext fasst zusammen, wie Karfreitag und Ostern für uns heute gedeutet werden können – als Erfahrung von Gnade:

Mit Jesus Christus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. (Luther 2017)

Ja, Gott, hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet.

Schuld, Verfehlungen, Sünden, alles was uns belastet hat, was wir mit uns herumgetragen haben, all das zählt nicht mehr. Der Schuldbrief wurde getilgt.

Gott hat dies getan, allein aus Gnade, aus seinem freien Willen, ohne eine Vorbedingung, sondern er hat es einfach getan.

Es ist wie ein Geschenk, etwas das uns wiederfährt und gegen das wir uns im Grund eigentlich gar nicht wehren können.

Vielleicht kann man es sich so vorstellen, als würde Gott uns freundlich anlächeln und uns liebevoll den Arm auf die Schulter legen und wohlwollen zuzwinkern.

Joachim Gauck sagte zum Reformationsjubiläum am 31.10.2017 in Berlin:

„Wenn Menschen sich bewusst machen, dass sie hier und da in irrational nicht fassbarer Weise beschenkt werden, getragen oder bewahrt waren, oder wenn sie voller Staunen erleben, dass ihnen Gutes wiederfährt, das sie sich nicht erarbeitet haben – dann haben sie möglicherweise eine Erfahrung von Gnade gemacht.“

Das Fatale dabei ist, es ist nicht so einfach, sich die Gnade Gottes gefallen zu lassen - weil wir die Dinge gerne selbst richten möchten, es uns aber nicht gelingt. Ich glaube, wir scheuen uns davor, uns auf Gott zu verlassen, vielleicht aus der Sorge abhängig zu sein? Fürchten wir, etwas von unserer Autonomie als frei denkende Menschen zu verlieren?

Das war einmal die These von Joachim Track, dem früheren Professor für Systematische Theologie an der benachbarten Augustana-Hochschule.

Denn obwohl wir von der Vergebung der Sünden sprechen, einander die Freiheit eines Christenmenschen zusprechen, und die Liebe Gottes verkünden, fällt es uns dennoch schwer, dies so einfach anzunehmen.

Warum ist das so?

Wenn ich sie jetzt fragen würde, was würden sie antworten?

Vielleicht weil wir hohe Ansprüche an uns selbst haben oder weil vielleicht auch die Realität dieser Welt eine andere ist.

Wer in einem modernen Betrieb arbeitet, für den ist z.B. QM – Qualitätsmanagement nicht fremd. Im QM sind Qualitätsmaßstäbe festgelegt, die eingehalten werden müssen. Diese müssen eingehalten werden. Ebenso sind die Fehlertoleranzen festgelegt. Es gibt verschiedene Formen des QM – das spielt hier eigentlich keine Rolle. Das Entscheidende ist aber, dass QM ein Maßstab sein kann, um die Qualität der Arbeit zu beurteilen. Jeder würde sagen, das Ansehen einer Person ist nicht von seiner oder ihrer Arbeit anhängig.

Ist das wirklich so, dass das Ansehen einer Person unabhängig von seiner oder ihrer Arbeit ist, oder von dem was jemand geleistet hat?

Wie erleben wir das in unserer Gesellschaft? Natürlich spielt eine hohe Professionalität unserer Arbeit eine große Rolle. Qualität in unserer Arbeit ist etwas ganz Wesentliches in unserer Gesellschaft. Niemand möchte z.B. in einem Krankenhaus behandelt werden, in dem es antibiotikaresistente Keime gibt. Jeder wünscht sich eine erstklassige Behandlung.

Bleibt diese aus und es nimmt jemand Schaden, kann es unter Umständen dazu führen, dass jemand ermahnt oder angemahnt wird, schlimmstenfalls die Arbeit verliert, damit das Einkommen und ganz schnell auch das Dach über dem Kopf. Das soziale Abgleiten geht sehr schnell, auch wenn wir gute Systeme der sozialen Sicherung haben.

Der Druck ist im Wirtschaftsleben groß. Das ist unumstritten. In einer Radiosendung hörte ich kürzlich folgenden Kommentar:

„Eine junge Mutter muss spätestens nach 1- 2 Jahren Elternzeit zurück in den Job. Während der Elternzeit soll sie sich ab und zu im Büro blicken lassen und zeigen, dass sie up to date bleibt. Natürlich muss sie sich um den Partner und um die Kinder kümmern und auch noch gut ausschauen…“

Es fällt uns schwer, uns von solchen äußerlichen Forderungen wirklich frei zu machen. Wir leben in einem sozialen Gefüge und können nicht so einfach sagen, es ist mir egal, was ihr über mich sagt, was ihr von mir haltet oder wie ihr mich beurteilt. Das hat in der Regel Konsequenzen für unser Leben.

Die richtige Kleidung tragen, das richtige Smartphone haben, tolle Bilder auf Instagram posten, den richtigen Slang sprechen, dann noch gut aussehen, fit sein, und tolle Leistungen erbringen.

Das ist eine lange Liste. Wir können das nicht so einfach abstreifen.

Unser Leben, unser Ansehen als Person und unsere Leistung hängen in der öffentlichen Meinung schon ein wenig zusammen. Wir können das nicht leugnen und uns auch nicht ganz davon frei machen.

Es ist ein äußerer Druck, der auf uns einwirkt. Selbst wenn wir als Christinnen und Christen sagen, es spielt doch keine Rolle, was jemand kann oder nicht kann, was jemand leistet oder nicht, die Existenz einer Person, die soziale Absicherung, all das hängt doch mit Leistung zusammen. Unser Gesellschaftssystem baut darauf auf. Und da haben wir schon Unterschiede zwischen arm und reich, zwischen einem Leben am Existenzminimum und einem Leben im Wohlstand.

Unser Predigttext beschreibt die Taufe als ein Mittel, das uns hilft, uns gegen diesen Druck zu wehren:

Mit Jesus Christus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.

Dieses Bild, neu geboren zu werden durch die Taufe, hat dem heutigen Sonntag auch den Namen gegeben: Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder – so sollen sich die Menschen fühlen, die durch die Taufe neu geboren wurden.

Was heißt das? Das ist ein Leben aus der Gnade Gottes heraus, ein Leben, das versucht aus christlicher Gelassenheit heraus zu leben.

Die amerikanische Pfarrerin Nadja Bolz-Weber aus Denver, Colorado, hat sich in ihrer Gemeinde im „House for all Sinners and Saints“ mit dieser Art Gnade auseinandergesetzt. Sie sagt, „Gott sammelt all unsere Sünden, all den Müll unseres Lebens in sich selbst auf und verwandelt all das Tote in neues Leben. Jesus nimmt unseren Mist und tauscht ihn gegen Seligkeit ein.“ (S. 32)

Gott verwandelt all das Tote in neues Leben – das ist eine schöne Umschreibung für das neue Leben, das Gott aus der Taufe schenkt. All das, was uns auf der Seele brennt, was schief gelaufen ist, wo wir Fehler begangen oder verhängnisvolle Entscheidungen getroffen haben, all das verliert bei Gott sein Gewicht und wird wieder ins Lot gebracht.

Frau Bolz-Weber ist eine unkonventionelle aber strenge Lutheranerin. Sie glaubt daran, dass Gott es richten kann und auch richtet, den Schuldschein mit den alten Forderungen ans Kreuz nagelt und so vernichtet.

Weil es uns aber schwer fällt, dies Gott zu überlassen, wollen wir es immer selbst richten, verstricken uns aber noch mehr in Selbstüberschätzung und Überheblichkeit.

Wenn es uns schon nicht gelingt, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu ändern, wie wir diese manchmal wünschen, dann ist es trotzdem gut zu wissen, dass Gott uns so akzeptiert, wie wir sind und die Dinge wieder gerade biegt, wo wir falsch entschieden oder unbedacht gehandelt haben.

Luthers Idee war es, dass uns diese Einsicht in die Gnade Gottes frei macht und wir aus der Gnade Gottes in christlicher Freiheit in dieser Welt handeln können.

Nadja Bolz-Weber sagt dazu: „Wissen Sie, solange die Gnade im Mittelpunkt steht, besteht kein Grund, sich dafür zu schämen, manchmal [daneben] zu sein. Niemand muss seine Abgründe verbergen. Weil die Gnade zählt, nicht Regeln oder ein bestimmter Weg zum besseren Leben. Sich gegenseitig Sünder zu nennen ist unsere Art der Zärtlichkeit.“ (Zeit online)

Amen.

Pfr. Dr. Peter Munzert, St. Laurentius Neuendettelsau

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