Liebe Gemeinde,

Hochmut kommt vor dem Fall, dieses Sprichwort fällt mir ein, wenn ich das heutige Evangelium höre. Da sind die Kinder des Zebedäus, Johannes und Jakobus, die sich Jesus anbieten, ihm ihre Treue bezeugen aber auch etwas dafür wollen, nämlich die besten Plätze im Reich Gottes und sie haben auch eine genaue Vorstellung wie diese sein sollen. Wir würden heute sagen sie wollen VIP-Plätze und zwar die besten. Diese Anfrage der Jünger ist durchaus menschlich und nachvollziehbar, wer möchte nicht auch den Lohn für gute Arbeit und die dazugehörige Anerkennung?

Natürlich ist diese Anfrage bei genauerer Betrachtung auch vermessen.

Die Antwort Jesu auf diese Anfrage ist hart und unmissverständlich: Zu sitzen auf den VIP Plätzen des Himmelreiches wird denen zuteil, für die es bestimmt ist und es steht Jesus nicht zu darüber zu entscheiden wer diese Plätze einnehmen soll. Die Jünger aber sollten den Weg gehen, den Jesus auch gehen musste, den Weg des Dienens und der Aufopferung.

Judica me iuste domine, Richte mich gerecht Herr, so das Motto dieses Sonntag und die Thematik Gericht über das eigen Leben, über das was ich bisher getan habe und auch Gnade, Gnade erwirkt durch die Passion, das Leid und den Opfertod Jesu stehen im Focus dieses Sonntags und im Focus der restlichen Passionszeit.

Hören wir jetzt den heutigen Predigttext aus dem alten Testament:

Predigttext 4 Mose 21,4-9:

Mose richtet die eherne Schlange auf

4 Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege

5 und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.

6 Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.

7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk.

8 Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.

9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Wer wie ich in den Zeiten des kalten Krieges aufgewachsen ist und die Trennung zwischen Ost und Westdeutschland erlebt hat, wer die innerdeutsche Grenze, an die heute nur noch wenig sagende Hinweisschilder oder manchmal noch Biotope und verwahrloste Grenztürme erinnern für den war die Wiedervereinigung ein Großerlebnis in seinem Leben.

Wer wie ich als Jugendlicher an dieser Grenze zum ersten mal in seinem Leben völlige Rechtlosigkeit und Willkür hautnah miterlebt hat, für den war die Wende 1989/90 ein tatsächliches Wunder und der Aufbruch, der dann entstand war eine der größten Gesellschaftlichen Veränderungen die ich bisher miterleben durfte.

Dieser Aufbruch hatte etwas mit Freiheit zu tun, es war ein Exodus aus Unfreiheit und aus zwangsmäßiger Trennung. Und es ist passiert was passieren musste, es dauerte nur ein Jahr bis den Menschen klar war welche Anstrengungen und welche Durst- und Wüstenstrecken das für alle Deutschen, natürlich aber besonders für die Ostdeutschen sich hier auftun würden und ich wage heute zu sagen dass auch für diesen Aufbruch und Auszug eine 40- jährige Wanderschaft gar nicht so übertrieben ist.

Liebe Gemeinde ich will hier nichts überziehen und ich will den Auszug der Israeliten nicht mit der deutschen Vereinigung gleichsetzen, das wäre unangebracht und würde die heilsgeschichtliche Bedeutung des Exodus banalisieren.

Das Predigtwort, das wir gehört haben thematisiert die Unzufriedenheit der Israeliten auf dem Auszug, der Atem und die Ausdauer, die Moses von Ihnen verlangt wird ihnen zu viel.

Ich glaube, dass wir dabei auf eine tiefere menschliche Schicht stoßen, die immer wieder zu Tage tritt natürlich auch beim Prozess der Wiedervereinigung, auch in der Flüchtlingskriese und bei allen möglichen großen existentiellen Herausforderungen egal welcher Art.

Es geht um die Erfahrung der Menschen, die auf einem solchen Weg sind und sich ihm nicht oder nicht mehr gewachsen fühlen:

Ich als Mensch murre und will den Weg zu dem es als Alternative nur den Rückschritt gibt nicht weitergehen und dabei schiebe ich die Verantwortung ab, auf Gott im Buch Numeri, dem 4. Buch Mose, auf die Ossis, die Wessis und auf die Politiker in meiner Betrachtung auf die Flüchtlinge die unser Land überfordern oder auf wen auch immer. Und natürlich sind solche Situationen objektiv betrachtet immer eine riesige Herausforderung und oft auch eine massive Zumutung.

Der Abschnitt aus dem Buch Numeri geht zunächst einmal recht gnadenlos mit uns Menschen in solchen Situationen um. Er verurteilt uns schlicht zum Tode, wenn wir in solchen von Zumutung geprägten Situationen versagen und er verwendet dazu ein recht archaisches Bild. Es ist wahrscheinlich kein humanes Sterben, wenn ich an Schlangenbissen verende.

Aber der Gott Israels und damit auch unser christlicher Gott wäre nicht er selbst, wenn er nicht Gnade walten lassen würde. Gnade, die sich im noch archaischer anmutendem Blick zur ehernen Schlange am Stab des Mose ausdrückt.

Auf der einen Seite ist Gott konsequent, er bezeichnet Scheitern als Scheitern, er bezeichnet Feigheit als Feigheit und verurteilt diese auch hart, auf der anderen Seite rechnet der biblische Gott mit unserer menschlichen Feigheit und mit unserem Versagen und lässt uns, wenn wir darum ersuchen einen Ausweg.

In der biblischen Erzählung schickt Gott Schlangen, die die Murrenden beißen, so dass viele daran sterben, aber er schickt auch Rettung auf die Fürbitte des Mose. Die erhöhte Schlange, das überwundene Böse, das überwundene Leid auf das zu schauen und darauf zu Vertrauen alleine schon ein Stück weit erlöst. Für uns Christen ist Jesus Christus der, der dieses Leid exemplarisch überwindet, der selbst den Tod überwindet und der den Tod für uns überwindet, zu unserem Heil zu unserer Rettung. In jedem Fall unterscheidet uns Glaubende von Atheisten, dass wir überzeugt sind unsere Rettung kommt nur zum Teil von uns selbst. Der christliche Ausdruck dieser Überzeugung manifestiert sich im Johannesevangelium, wenn es dort heißt: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“

Liebe Mitchristen die Geschichte von der Erhöhung der ehernen Schlange thematisiert uns Menschen als schwache Menschen, als Menschen, die den Herausforderungen, die sich uns stellen oft nicht gerecht werden, sei das in unserem familiären Bereich, sei es im beruflichen Umfeld oder auch in den gesellschaftspolitischen Anforderungen. An dieser Situation hat sich auch 3000 Jahre nach der Exodusgeschichte nicht wirklich etwas geändert.

Diese Geschichte lässt uns aber nicht in Trostlosigkeit und Depression zurück sondern sie verweist uns auf die Möglichkeit von Fürbitte und den Segen von Vergebung, wie sie uns Christen exemplarisch im Leben Jesu erscheint.

Und diese Möglichkeit, sie gilt als Angebot für mich, wen ich versage im Alltag, wenn ich den leichten Weg suche wo eine harte Linie nötig wäre. Diese Möglichkeit gilt für mich und das tröstet mich, denn ich weiß wo ich schwach bin und wo ich versage.

Der Gott der Bibel ist kein Monster, er ist auch nicht der gnadenlose Richter, der in vielen Weltgerichtsbildern des Mittelalters zu sein scheint. Der Gott der Bibel, der Gott Jesu und damit auch mein Gott ist ein Gott der den Finger in die Wunde meiner menschlichen Feigheit legt und der sie vergibt, zumindest dem der zu ihm aufschaut, zumindest dem der sich aufmacht um Vergebung und Verzeihung zu finden.

Und der Gott, der bestraft und der Verzeihung erwirkt, er sei mit euch allen.


Georg Jakobsche, St. Laurentius Neuendettelsau

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