Predigttext 2. Kor 4, 16-18

16 Darum werden wir nicht müde;

wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert.

17 Was wir jetzt leiden müssen, dauert nicht lange. Es ist leicht zu ertragen und bringt uns eine unendliche, unvorstellbare Herrlichkeit.

18 Deshalb lassen wir uns von dem, was uns zurzeit so sichtbar bedrängt, nicht ablenken, sondern wir richten unseren Blick auf das, was jetzt noch unsichtbar ist. Denn das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt ewig.

Herr, segne dein Wort an uns allen. Amen.


Liebe Gemeinde,

wir werden nicht müde… schreibt Paulus.

Wenn ich das höre, dann denke ich: Das ist wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde. Man pfeift im Dunkeln im Wald, um sich selber Mut zu machen, um zu zeigen, dass man allein keine Angst hat. Aber Angst hat man doch.

Wir werden nicht müde, schreibt Paulus.

Aber ich denke, dass Paulus eben doch müde war.

Im 2. Brief an die Korinther schreibt er mehrfach davon, wie hart er arbeitet, was er alles von den Leuten auszuhalten hat und wie sehr ihn seine eigenen körperlichen Grenzen belasten. Auch direkt vor unserem Predigttext spricht er davon, dass er von allen Seiten bedrängt wird. Dass ihm angst und bange ist. Dass er verfolgt und unterdrückt wird. Ja, dass der Tod sein ständiger Begleiter ist. Sein äußerer Mensch verfällt. Seine körperlichen Kräfte werden aufgezehrt und aufgerieben.

Wie sollte ein Mensch da nicht müde sein?

Liebe Jubilarinnen und Jubilare,

Ihre Konfirmation ist 25 Jahre, 50 Jahre, 60 Jahre, ja sogar 65 und 70 Jahre her. Sie alle haben einige Lebensjahre auf dem Buckel.

Sie haben im Laufe Ihres bisherigen Lebens viele schöne Erfahrungen gemacht. Sie haben gelacht und sich gefreut. Sie wurden gelobt und unterstützt. Sie haben gearbeitet und ihre Hobbies gepflegt. Sie haben viel Schönes erlebt.

Doch bestimmt haben Sie auch die andere Seite des Lebens kennen gelernt.

Es gab mit Sicherheit auch Zeiten, wo Sie richtig müde waren.

Es gibt ganz verschiedene Müdigkeiten,

ganz verschiedene Arten, wie man müde sein kann.

Müde bin ich, wenn ich in der Nacht zuvor schlecht geschlafen habe. Das geht schnell vorbei, wenn ich in der folgenden Nacht wieder gut schlafen kann.

Müde bin ich, wenn ich an einem Tag ganz viel gearbeitet und geschafft habe. Oder wenn ich ganz viel Sport gemacht habe. Diese Müdigkeit fühlt sich richtig gut an. Sie macht mich zufrieden. Und auch diese Müdigkeit ist schnell vorüber, wenn ich mich ausruhe und in der Nacht gut schlafe.

Ganz anders fühlt sich Müdigkeit an, wenn ich traurig bin, wenn ich zum Beispiel einen lieben Menschen verloren habe.

Ganz anders müde bin ich, wenn ich merke, dass mich mein Körper immer mehr begrenzt und manchmal auch im Stich lässt … wenn ich nicht mehr so kann wie früher.

Ganz anders müde bin ich, wenn ich in meiner Familie oder in meiner Wohngruppe mit Menschen zusammenleben muss, die mir das Leben schwer machen und über die ich mich jeden Tag ärgere.

Ganz anders müde bin ich, wenn ich im Leben nicht das erreiche, was ich mir vorgestellt und gewünscht habe,

Ganz anders müde bin ich, wenn ich auf der Arbeit oder in der Gruppe nicht das machen darf, was ich selber will und auch gut kann, sondern wenn ich immer zu Aufgaben gezwungen werde, die ich nicht mag. Wenn meine Stimme nicht gehört wird. Aber wenn meine Kollegin oder mein Zimmernachbar das Gleiche vorschlägt, dann wird er gelobt und es wird genauso gemacht.

So was macht müde.

Diese Art der Müdigkeit verschwindet nicht über Nacht.

Diese Müdigkeit steckt uns tief in den Knochen.

Sie nagt an unserem Selbstwertgefühl.

Sie lässt uns an der Gerechtigkeit und an der Güte Gottes zweifeln.

Was können wir tun, wenn wir müde sind? Was tun Sie, wenn Sie müde sind?

Was sind Ihre Rezepte gegen Müdigkeit?

 ausruhen, schlafen, Kaffee trinken, Urlaub machen, ins Grüne gehen, …

…das hilft manchmal. Aber nicht immer.

Es gibt eine Müdigkeit,

die sich durch Kaffee oder Schlafen oder Urlaub nicht vertreiben lässt.

Es gibt eine Müdigkeit, die etwas ganz anderes braucht:

nämlich einen neuen Blick auf das, was wirklich wichtig ist.

Einen neuen Blick auf das, was am Ende wirklich bleibt und zählt.

Und genau das schlägt Paulus vor: Er sagt:

16 wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert.

17 Was wir jetzt leiden müssen, dauert nicht lange. Es ist leicht zu ertragen und bringt uns eine unendliche, unvorstellbare Herrlichkeit.

18 Deshalb lassen wir uns von dem, was uns zurzeit so sichtbar bedrängt, nicht ablenken, sondern wir richten unseren Blick auf das, was jetzt noch unsichtbar ist. Denn das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt ewig.

Viele, die diese Sätze auslegen und darüber predigen, verstehen Paulus so: Paulus vertröstet uns auf eine bessere Zukunft. Irgendwann einmal, da wird alles besser sein. Haltet das Schlimme hier aus und wartet ab, denn später einmal wird alles anders.

In der Tat. Diese Sätze kann man als Vertröstung verstehen.

Aber ich glaube nicht, dass Paulus das wirklich so gemeint hat.

Ich lese das anders. Ich verstehe das so: Paulus sagt: Pass auf: Vieles von dem, woran du jetzt dein Herz hängst, vieles von dem, was dir jetzt wahnsinnig wichtig erscheint, wofür du dich verkämpfst und was du willst, das ist es im Grunde gar nicht wert.

Das hat keinen Bestand. Das sind Dinge und Wünsche, die nur jetzt im Moment, in dieser Lebenssituation, in dieser Welt hier wichtig erscheinen.

Schau dir das einmal aus einer anderen Perspektive an. Stell dir vor, du schaust auf dein Leben aus der Ewigkeit, aus dem Reich Gottes, von der unsichtbaren Welt jenseits des Sichtbaren.

Von da aus betrachtet: Ist das, was dich hier umtreibt, es wirklich wert?

Ist das, worüber du dich jetzt aufregst, dann noch wichtig? Hängen dein Lebensglück und dein Heil da dran? Hängt davon dein Wert als Person, hängt davon der Sinn deines Lebens ab?

Wenn ich von dieser anderen – unsichtbaren - Perspektive aus auf mein Leben schaue, dann relativiert sich ganz vieles.

Liebe Jubilarinnen und Jubilare,

Ihre Konfirmation ist 25 Jahre, 50 Jahre, 60 Jahre, ja sogar 65 (und 70) Jahre her. Sie alle haben einige Lebensjahre auf dem Buckel.

Sie haben viel Schönes erlebt.

Aber ganz bestimmt auch einige kleinere und größere Krisen.

Vielleicht haben Sie sogar einen oder mehrere Brüche in ihrem Leben erlebt:

Situationen, die ihr Leben komplett verändert haben.

Paulus spricht, wie ich finde, etwas leichtfertig vom Leiden. Davon, dass das, was wir erdulden müssen, nicht lang dauert und leicht zu ertragen ist. Bei den schlimmen Dingen, die manchen Menschen geschehen, kann man an dieser Einschätzung zweifeln. So manches Leiden dauert sehr lange und ist alles andere als leicht zu ertragen.

Dennoch ist wahr, dass gerade das Schlimme in unserem Leben uns manchmal weiterbringt. Lebenskrisen schenken uns manchmal einen ganz neuen Blick. Wenn sich mein Leben von jetzt auf gleich völlig wandelt, dann ist das erst einmal eine furchtbare Katastrophe. Ein Ereignis, das alles auf den Kopf stellt und das alles anders macht.

So manches Mal stellt sich aber im Nachhinein raus: Diese Katastrophe, diese totale Lebensumstellung, die hatte auch etwas Gutes. Die hat nicht nur all das entwertet, was mir bislang so wichtig erschien. Die hat mich auch ganz neu auf das aufmerksam gemacht, was im Leben wirklich zählt.

Darum machen Menschen immer wieder die Erfahrung, dass eine große Lebenskrise nicht nur eine Katastrophe ist, sondern auch eine Chance.

Das ist aus meiner Sicht auch die Verheißung beim Älterwerden. Dass unser äußerer Mensch ein Ablaufdatum hat und mit der Zeit verfällt, ist sicher nicht schön.

Aber zugleich spüren wir, dass wir innerlich wachsen. Dass wir nach und nach verstehen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Dass wir eine Ahnung bekommen, dass es für alles auch einen ganz anderen Blickwinkel gibt: den Blick vom Ewigen und Unsichtbaren.

Das ist der tiefere Grund, warum wir uns innerlich im Herzen viel jünger fühlen als wir an Lebensjahren sind. Unser innerer Mensch lebt vom Ewigen und Unsichtbaren. Unser innerer Mensch wird von Tag zu Tag erneuert. Das ist eine Verheißung, die Sie bis zum nächsten Konfirmationsjubiläum weitertragen wird.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Pfarrerin Karin Götz, St. Laurentius, Neuendettelsau

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