1. Korinther 1, 26-31

Wer nicht wirbt, stirbt, das gilt in der Welt der Wirtschaft heute – das galt wohl auch für die antike Stadt Korinth, an die Paulus diese Worte schrieb. Wer nicht wirbt, stirbt. Das ist das Gesetz des freien Marktes. Wer nicht auf sich aufmerksam macht, wird übersehnen, wer sich nicht ins rechte Licht rückt, der scheint blass und farblos. Was Wunder, dass offensichtlich auch manche in der noch jungen Christengemeinde von Korinth von diesen Gedanken angesteckt sind. Wer nicht wirbt stirbt, wer nichts hermacht, den kann man nicht ernst nehmen.

Zuerst gilt das für die Führungsebene: Wer in einer Großstadt eine Gemeinde leiten will, muss repräsentieren können; er muss etwas darstellen. Da schneidet der Apostel Paulus eher schlecht ab. Er ist vom Aussehen her wohl eher durchschnittlich, kein leuchtender Star am religiösen Himmel, dazu kommt, dass er nach eigenen Aussagen nicht bei bester Gesundheit ist. Es gibt einen Satansengel, der ihn mit Fäusten schlägt, so umschreibt er es selbst gelegentlich diese Krankheit. Was sich dahinter verbirgt wissen wir nicht. Jedenfalls ist er nicht topfit und sein Auftreten lässt – zumindest in den Augen seiner Kritiker- auch zu wünschen übrig. Schwachheit werfen sie ihm immer wieder vor: „In den Briefen schreibst du großartige Worte, Paulus, aber du kannst halt nicht auftreten und stellest nichts dar“. Keine gute Werbung für eine Gemeinde, die doch wachsen möchte. Wer nicht wirbt, stirbt. Das gilt auch und vor allem für die Leitung der Gemeinde. Hier möchte man doch die besten sehen. Hohe Standards, eine optimale Performance. Mit wird bei dieser Sprache übel, denn sie hat so gar nichts mit dem Bild vom Menschen zu tun, das im Evangelium und in den Worten Jesu begegnet.

Und Paulus? Was macht er: Er fordert die Korinthische Gemeinde auf, sich einmal in ihren Reihen umzuschauen, wer dazu gehört, wer dem Ruf zum Glauben gefolgt ist. Da finden sich nicht viele Weise, Gelehrte und Gebildete, nicht viele, die Einfluss und Macht besitzen, nicht viele, die aus vornehmen Kreisen stammen. Nicht viele, aber doch wohl ein paar. Zur Gemeinde gehören mehrheitlich Mitglieder aus den unteren Schichten, Hafenarbeiter, Sklaven, Frauen, Arme, Ungebildete – kurz: Habenichtse, Menschen, die nichts vorzuweisen hatten. Was will Paulus mit dieser Analyse sagen? Will er seinen Kritikern eine Spiegel vorhalten: Da, schaut doch, was ihr an mir auszusetzen habt, das gilt für euch noch in viel höherem Maß? Das wäre keine feine Art: ein DU –AUCH –ARGUMENT. Wir kennen das von Kindern, die trotzig ihren Eltern kontra geben: „Ihr seid ja auch nicht besser, sitzt auch stundenklang vor dem Fernseher, ihr nehmt selber die bösen Worte in den Mund, die ihr uns verbietet“. Das ist nicht kindlich, das ist kindisch. So ist Paulus nicht.

Für ihn ist die Zusammensetzung der Gemeinde ein Beweis für die Maßstäbe Gottes. Gesellschaftliche Maßstäbe und die öffentliche Meinung gelten vor Gott in keiner Weise. Das zeigt diese Gemeinde. Gott beurteilt die Menschen, die er ruft, nicht nach Macht, Ansehen und Einfluss. Gott schaut nicht auf das, worauf Menschen blicken, woraus sie ihren Status ableiten. Die Krippe von Bethlehem und der Stall, sie sind die Markenzeichen Gottes. Mit ihnen wirbt er um uns Menschen, um unser Herz. Er wirbt so, dass er sogar mit uns tauscht. „Er wechselt mit uns wunderlich Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns in seins Vaters Reicht die klare Gottheit dran.“

Wer nicht wirbt, stirbt. Gott wirbt anders, er wechselt hinein in unser Leben und unseren Tod. Jesus wirbt um uns, indem er stirbt für uns. Über der Krippe steht am Horizont schon das Kreuz.

Und das hat Folgen auch für die Gemeinde. Paulus sagt es sehr scharf: „Gott macht aus dem, das nichts ist, was in den Augen vieler nichts gilt und nichts bedeutet, er macht etwas daraus, kraft seiner Schöpfermacht. Die Maßstäbe der Welt, an denen sich die Korinther messen, nach denen sie streben und an denen sie auch von der Umwelt gemessen werden, hat Gott also verworfen. Sie spielen einfach keine Rolle für die Berufung und für den Stand, den Menschen vor Gott haben. Warum? „Damit sich kein Mensch vor Gott rühmen kann“. Ein Lieblingswort des Apostels: Sich rühmen. Es meint: Mit etwas angeben. „Da, schau her, was ich tolles habe und erkenne daraus wie toll ich bin“. Das ist Rühmen, wie wir es kennen.

Im Blick auf Jesus und sein Leben, Sterben und Auferstehen muss es anders heißen: „Wir rühmen uns allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus“, das ist es. Wir rühmen uns allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch ihn sind wir erlöst und frei.“ Wir loben nicht uns selbst und unser Spiegelbild, wir loben den Gekreuzigten und Auferstandenen.

Nicht sich selbst und ihre Leistungen soll die Kirche loben, sondern Gott. Gott soll sie loben, von dem unser Heil kommt; ihm gebühren Lob und Ehre. Wenn Menschen aus der Gemeinde sich rühmen, dann sollen sie das nicht um ihrer eigenen Taten willen tun, sondern wegen der Taten Gottes. Denn das, was ER für uns tut, gibt unserem Leben und unserem Tun einen Wert, der alle menschlichen Maßstäbe übersteigt, unabhängig davon, wer oder was wir sind und haben.

Wer nicht wirbt, stirbt. Und Gott wirbt um uns, unsere Liebe. Er wirbt auch darum, dass wir barmherzig werden, im Urteil übereinander und über uns selbst.

Ein letztes noch: Ein Mangel an Weisheit, an Einfluss, die Schwachheit und Niedrigkeit, sind keine Zulassungsbedingungen für das Reich Gottes. Armut oder eine gesellschaftlich niedrige Stellung ist keine Freikarte, und kein Beweis für eine Berufung von Gott. Paulus schreibt hier nicht, um irgendjemanden auszuschließen für das Reich Gottes. Er zeigt uns ganz einfach, wie unbegreiflich Gott handelt.

Seht auf eure Berufung. Das steht über all dem. Ja, auch wir haben eine Berufung, obwohl wir weder arm noch niedrig sind. Wir haben eine Berufung, etwa wenn wir die Möglichkeit, haben Menschen auszubilden, damit sie eine Zukunftschance haben. Und wir würden Gottes Gabe verleugnen und Vertun, wenn wir hier nicht handeln. Kirche und Diakonie hat eine Berufung in unserer Gesellschaft, solange sie Einfluss hat, und soll ihn ausnützen und für die Schwachen und Ausgegrenzten die Stimme erheben.

Wir, die wir beileibe keine arme Gemeinde oder arme Kirche sind, haben die Berufung, eine Gemeinschaft zu sein, in der Arme, Erniedrigte, Leidende und Suchende einen Platz haben. Wo sie sind da ist Gott, da ist Jesus Christus. Lernen wir, uns selbst zu sehen mit den Augen Gottes und mit dem Blick auf das, was einem jeden geschenkt ist. Das ist Werbung genug, das ist Gottes Lob und unser Ruhm.

Amen

Pfarrer Peter Schwarz, 07.01.2018, St. Laurentius Neuendettelsau

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