Ein Kommentar zu den drei Fastenpredigten 2019: "Demokratische Streitkultur: Ehrlichkeit vs. Populismus – Was ist Wahrheit?"

Von Pfarrer Dr. Peter Munzert


Seit vielen Jahren leistet die Diakonie Neuendettelsau mit ihren Fastenpredigten in St. Laurentius einen engagierten Beitrag zur gesellschaftlichen Meinungsbildung. Sie greift dabei aktuelle und brisante gesellschaftliche Themen, wie „Diakonie in multireligiöser Gesellschaft – Herausforderungen und Chance“ (2017) oder „Zeit des Umbruchs - Zeit des Aufbruchs. Woran orientieren wir uns heute?“ (2018), auf.

Die Fastenprediger sind namhafte Personen aus Politik, Kirche und Medien, meist aus der Metropolregion Nürnberg. Eine offene und klare, herausfordernde und profilierte Predigt ist ausdrücklich erwünscht.

Die Fastenpredigten 2019 standen unter dem Motto „Demokratische Streitkultur: Ehrlichkeit vs. Populismus – Was ist Wahrheit?“.

Es predigten (geordnet in zeitlicher Reihenfolge):

  • Alexander Jungkunz, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten. Sein Fazit zum Thema in Kurzform:
    "Es braucht den Willen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Wahrheitssuche muss den Zweifel in sich tragen und ist so eine ernsthafte und sorgfältige Annäherung an die Wahrheit."

  • Pfarrerin Christa Schrauf, Geschäftsführerin des Kaiserswerther Verbandes und Generalsekretärin der Kaiserswerther Generalkonferenz. Sie sagt:
    "Die christliche Botschaft fordert eine klare Verantwortung für eine sozial gerechte Gesellschaft. Diese Botschaft im Diskurs mit einer multikulturellen Gesellschaft umzusetzen, ist bleibende Herausforderung für Kirche und Diakonie."

  • Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser, Präsident der Wilhelm-Löhe-Hochschule in Fürth und Leiter der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in München. Sein Fazit:
    "Christlich geprägte Politik lebt von Menschen, die sich mit den Werten der christlich-jüdischen Tradition auseinandersetzen und sie in den politischen Alltag und gesellschaftlichen Diskurs einfließen lassen."


Predigt als politische Kanzelrede

Eine Predigt soll auch einmal eine politische Kanzelrede sein. Das trägt zur Meinungsbildung bei. Die große Zahl der Gottesdienst-Besucher in der St. Laurentiuskirche an den Fastensonntagen zeugt Jahr für Jahr vom Interesse an dieser Art der Fastenpredigten. Daneben werden die Gottesdienste mit Bild und Ton in viele Einrichtungen der Diakonie Neuendettelsau übertragen. Ein anschließendes Predigt-Nachgespräch im Mutterhaus lädt zur Diskussion und zum Austausch ein.


Das Thema dieses Jahres - „Demokratische Streitkultur: Ehrlichkeit vs. Populismus – Was ist Wahrheit?“ - erwuchs nicht zuletzt aus dem Phänomen der „Fake News“ oder „Alternativen Fakten“. Der Begriff der Wahrheit wird in Frage gestellt, und zwar ganz bewusst. Wahrheit wird zu etwas Subjektivem und Persönlichem. Die objektive Wahrheit wird geleugnet. Wahrheit gibt es nur im Plural. Jeder und Jedem seine persönliche Wahrheit? Wahrheit gar als Ansichtssache? Jeder nach seiner Façon? Und dann?


Die Fastenprediger hatten die reizvolle Aufgabe, das Thema aus drei Perspektiven zu beleuchten. Ihnen wurde jeweils ein Bibelwort aus dem Neuen Testament als Inspiration mit auf den Weg gegeben.


Auftakt: Alexander Jungkunz, Nürnberger Nachrichten

Den Auftakt bildete Alexander Jungkunz, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten. Er reagiert mit dem Thema „Kirche und Medien: Vom Ringen um die Wahrheit“ auf das Bibelwort: „Lasst das Wort Christi reichlich unter uns wohnen: Lehrt und ermahnt einander in Wahrheit bzw. Weisheit.“ (Kolosserbrief 3,16).


Alexander Jungkunz


Sein Fazit als Journalist ist schlicht: „Unser Job ist es, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, zu informieren, Fakten zu liefern, Aussagen und Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen und sie einzuordnen. Unaufgeregt, nüchtern, klar.“

Jungkunz spricht dabei auch von der Wissenswahrheit, von den Fakten, die ein Journalist suchen und ergründen müsse. Das verlange handwerklich „(…) ein immer neues Ringen um sie, ein Informieren, Diskutieren, Streiten, Abwägen, Denken - und: ‚Denken heißt Vergleichen‘, sagte Walter Rathenau. Es geht um eine Annäherung an Wahrheit, ums Verstehen, Erkennen, um Zusammenhänge.“ Wahrheit als Annäherung heiße, so Jungkunz, auch der Versuchung zu widerstehen, die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen. Denn zur ordentlichen Pressearbeit gehöre auch der vernünftige Zweifel.


Jungkunz erhebt den Zweifel de facto zu einem Kriterium für die Suche nach der Wahrheit, da seiner Ansicht nach Zweifel zum Nachfragen, zum Hinterfragen, zum Durchdringen führen und so die Suche nach der Wahrheit intensivieren. Der Zweifel als Tugend bewahre uns zudem vor Fundamentalismus, vor falschen Schlagzeilen oder vor einer missionarischen Besserwisserei.


Im folgenden Predigtnachgespräch konnte man einen Alexander Jungkunz erleben, der diesen Kriterien treu blieb. Selbst auf emotional vorgetragene Fragen reagierte er ruhig und sachlich, fragte nach und näherte sich so dem Kern der Dinge an. Ihm war die Wahrhaftigkeit abzuspüren, die er sich im Diskurs um die Wahrheit wünschte.


Pfarrerin Christa Schrauf, Kaiserswerther Verband

Pfarrerin Christa Schrauf, Geschäftsführerin des Kaiserswerther Verbandes und Generalsekretärin der Kaiserswerther Generalkonferenz, predigte zu dem Thema: „Kirche zwischen Wahrheit und Inszenierung.“ Ihrer Predigt lag das Bibelwort „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten (…)“ aus Matthäus 5, Vers 16, zugrunde.


Pfarrerin Christa Schrauf


Im Gegensatz zu Journalistinnen und Journalisten sollten Pfarrerinnen und Pfarrer auch einmal klare Kante auf der Kanzel zeigen – so der überwiegende Tenor der Zuhörerinnen und Zuhörer im Predigtnachgespräch. Nicht wenige forderten eine klare und öffentliche Positionierung der Kirche gerade auch in gesellschaftspolitischen Fragen. Wer das Licht leuchten lassen will, müsse auch dafür sorgen, dass es weithin sichtbar sei. Die Zeit der Leisetreterei sei vorbei. Die gegenwärtige gesellschaftliche Situation erfordere geradezu ein engagiertes Auftreten von Kirche und Diakonie.


Schrauf selbst spricht aus der Tradition der Mutterhausdiakonie: „Die Wahrheit dieser Botschaft ist zwar himmlisch, aber sie drängt in die Welt, weil es dieser unter den aktuellen Gegebenheiten um das Heilwerden von Beziehungen, um die Lösung von Konflikten, um Barmherzigkeit, Versöhnung, Vergebung und Liebe geht.“


Schrauf vertritt öffentliche Theologie, eine Theologie, die sich an der christlichen Botschaft und an den gesellschaftlichen Lebensbedingungen orientiert. Sie wurde vom ethischen Ansatz des Landesbischofs und Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm inspiriert, als dieser noch Professor in Bamberg war. Die biblische Botschaft ist Quelle und Inspiration für soziale und diakonische Arbeit. Sie ist Impulsgeber und Rückgrat für engagierte Menschen. Die gespürte Menschenfreundlichkeit Gottes ist der Gradmesser für alles Engagement.


Gerade eine Diakonie, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hat, will und muss sich offen und modern zeigen. Sie wird von einer zunehmend säkularen und auch kirchenkritischer werdenden Gesellschaft herausgefordert, ihre Verantwortung und Bedeutung gerade für diese Gesellschaft aufleuchten zu lassen.


Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser, Wilhelm-Löhe-Hochschule

Die Rolle des politisch engagierten Christen übernahm Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser, Präsident der Wilhelm-Löhe-Hochschule in Fürth und Leiter der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in München.


Sein selbstgewähltes Thema lautete: „Kann es eine christlich geprägte Politik geben?“ Er bezog sich dabei auf das 8. Gebot aus 5. Mose 5,20: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!“


Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser, Wilhelm-Löhe-Hochschule



Meier-Walsers Antwort auf die eingangs gestellte Frage nötigt Respekt ab. Respekt vor einer selbstbewussten politischen Haltung, die sich an ihren christlichen Grundlagen orientiert:


„Das bedeutet also, eine „christlich geprägte“ Politik orientiert sich in erster Linie am christlichen Menschenbild. Eine christlich geprägte Politik orientiert sich an den Begriffen Würde, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Subsidiarität. Mit diesem Leitbild sind Normen und Werte verbunden, die es zu beachten gilt, ohne dass gleichzeitig die Politik als Moral setzende Instanz selbst überfordert würde.“


Es ist tatsächlich unbestritten, dass die christlich-jüdische Tradition unsere politische Kultur in den vergangenen Jahren entscheidend mitgeprägt hat. Strittig ist aber, wie weit Religion dies heute noch tun kann und soll. Haben die Kirchen heute noch die prägende Kraft in Gesellschaft und Politik, die sie noch in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschlands hatten? Neben den christlichen Kirchen gibt es mittlerweile viele religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften, die unsere Gesellschaft mitprägen. Als größte Gruppe ist wohl der Islam zu nennen. Wie die christlichen Kirchen sind auch die islamischen Gruppierungen keine einheitliche Größe, sondern vertreten unterschiedliche politische Ansichten.


Nach Meier-Walser stehen viele christlich engagierte Menschen in Parteien und Politik für das christliche Menschenbild ein. Ihre politisch verantwortete Ethik fußt auf diesem Erbe, das das Grundgesetz und die deutsche Politik mitgeprägt hat und noch prägt. Sie bringen im gesellschaftlichen Diskurs ihre Werte und Überzeugungen ein.


Doch was heißt dies in der politischen Praxis? Im Predigtnachgespräch wurden Detailfragen zur Umsetzung dieses christlichen Anspruches gestellt. Zum Beispiel zeigt sich angesichts der Agitation rechtspopulistischer Parteien, wie schwer eine am christlichen Menschenbild orientierte Flüchtlingspolitik umgesetzt werden kann. Die christlich-ethische Gesinnung weicht der leichter umsetzbaren Realpolitik. Es zeigt sich in der Praxis, je klarer sich Populisten medial durchsetzen, umso schwieriger wird es, eine ethisch verantwortete Politik zu gestalten. Max Weber hatte diesen Konflikt 1919, also vor genau 100 Jahren, in seinem Vortrag „Politik als Beruf“ analytisch klar beschrieben.



Diesen Artikel teilen

Die Fastenpredigten 2019
17. März 2019

Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten Alexander Jungkunz
St. Laurentius, Neuendettelsau
Kolosser 3,16
1. Fastenpredigt

24. März 2019

Pfarrerin Christa Schrauf
St. Laurentius, Neuendettelsau
Matthäus 5,16
2. Fastenpredigt

02. April 2019

Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser
St. Laurentius, Neuendettelsau
5. Mose 5, 20
3. Fastenpredigt

Haben Sie Fragen? Wir helfen Ihnen gerne.

Wenn Sie sich näher über unser Angebot informieren möchten, können Sie gerne Ihre
bevorzugte Kontaktmöglichkeit hinterlassen.

Oder rufen Sie uns an unter unserer Service-Nummer:

+49 (0) 180 28 23 456 (6 Cent pro Gespräch)