„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ (Matthäus 5, Vers 6)
A. Die Frage nach der Gerechtigkeit
1. Der Oberlausitzer Richter
Am Abend berichtet der Oberlausitzer Dorfrichter vom Tag und dem ortsbekannten Streit am Gartenzaun: Ein Ast wächst über den Zaun. Geerntet hat der, welcher den Ast erreicht. Geklagt der, auf dessen Grund der Baum seht. Die Frau des Richters fragt. „Was hast du dem gesagt, der gepflückt hat?“ – „Du hast recht.“ - „Ja, und was hast du dem gesagt, dem der Baum gehört?“ - „Du hast recht.“ – „Aber“, so die Entrüstete. „Du kannst doch nicht beiden sagen, du hast recht.“ – „Ja“, sagt der Richter. „Frau, du hast auch recht.“
2.
In der Anekdote vom Oberlausitzer Richter begegnen – wie das oft genug so ist- die Grundfragen der Gerechtigkeit im überschaubaren Nahbereich des Gartenzauns. Er will allen zu ihrem Recht verhelfen und wird dabei am Ende niemanden mehr gerecht. Freilich ist es auch zu kurz geschlossen, ihm schlichte Entscheidungsschwäche vorzuwerfen. Oder gar zu sagen, er wolle wohl nur seine Ruhe haben. Er hat die oftmals undankbare Aufgabe zu entscheiden: Wer hat recht? Wie ist ein Ausgleich zu schaffen? Und wie ist der richtige Weg zwischen Güte und Gerechtigkeit zu finden? Gerade wenn der Hunger und Durst nach Gerechtigkeit groß ist, wie ich das derzeit allenthalben um mich herum beobachte in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft. Über Jahr und Tag wurde die alte lateinische Übersetzung der Gerechtigkeit ins Lateinische allgemein akzeptiert. Gerecht ist Justitia. Mit verbunden Augen sucht sie den Ausgleich, sucht, alles in der Waage zu halten. Gesellschaftlicher Konsens ist das in meinem Umfeld nicht mehr.
3. Wo also Lösungen finden inmitten von Hunger und Durst nach Gerechtigkeit?
Meine Antwort habe ich aus einer Nebenbemerkung von Prof. Ulrich Körtner aus Wien anlässlich der Konferenz der theologischen Vorstände im Kaiserswerther Verband in Guben genommen. Es ging ihm um soziales Unternehmertum. Und als Richtschnur wählt er die Güte als Frucht des Geistes oder des Lichtes, wie es im Epheserbrief heiße.
Die Güte – das Gut – Richtschnur ethischen Handelns, so der Ausgangspunkt. Doch da ist noch mehr. Da sind Gerechtigkeit und Wahrheit. Und da ist die Frucht des Lichts
B. Epheser 5, Vers 9
„Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“
1. Güte – Gerechtigkeit und Wahrheit
2. Die Güte: Das Gute zu suchen und zu mehren. Das ist das Anliegen unseres Handelns in der Diakonie. Vorsichtig will ich es in die Alltagssprache hinein zu dolmetschen. „Liebevoll. In unserem Leitbild in Dresden sagen wir: „Zuwendung leben“. Wie gelingt das? Der Epheserbrief gibt als Richtschnur an: Wenn Gerechtigkeit und Wahrheit dabei sind. Neben der Aufrichtigkeit ist die Güte nur gütig, wenn sie hungrig und durstig nach der Gerechtigkeit ist. Die evangelische Ethik entdeckt das nach langem Suchen der völligen Chancen- und Teilhabegerechtigkeit und der Enttäuschung über die Größe dieser Aufgabe wieder. Heinrich Bedford-Strohm, ihr Landesbischof und Ratsvorsitzender der EKD hat es so verdeutlicht: Es gibt die Begrenzung des Guten durch das Recht.
3. Wahrheit:
Sie zu beschrieben ist der Epheserbrief eine machtvolle Hilfe: Wahrhaftig zu sein, bedarf der Güte. Ohne Güte ist die Wahrheit herzlos, die Gerechtigkeit nicht weniger. Sie ist gesetzlich, aber gerecht ist sie nicht Die Wahrheit hat ihr zu Hause in der Gerechtigkeit.
4. Zuletzt die Gerechtigkeit:
Nun ist es am Licht: Sie bedarf der Güte, aber begrenzt durch das Recht. Um wahrhaftig zu bleiben; der Realität aufrichtig ins Auge sehen; um Enttäuschungen und Niederlagen wissen, auch um Konflikte, ihnen aber auch ins Auge sehen. Gestatten Sie mir, das Leitbild des Dresdner Diakonissenhauses zu Rate zu ziehen: Zuwendung leben. Das bedarf immer wieder neuer Ausrichtung aufeinander. Wie kann das geraten? Darauf nun ein letzter Blick:
C. Handeln – Leben als Kinder des
Lichts
1.
In
der Betrachtung von Epheser 9 fehlt noch Wesentliches: Die Aufforderung lautet: Lebt als Kinder des Lichts. Der Wortschatz der Bibel will neuerlich übersetzt werden. Es geht darum, sich auszurichten am Licht, dem Licht der Welt. Jesus Christus ist im Spiel.
Jesu Hinweis in der Bergpredigt ist wohl keiner, der uns zur Ruhe kommen lassen will, sondern zu immer neuem Tun und Prüfen unseres Tuns auffordert.
Der folgende Vers im Epheserbrief spricht Bände: „Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist,“
Wir tun das in unseren Unternehmungen übrigens mit großer Selbstverständlichkeit. Wir können das getrost tun und uns immer wieder neu ausrichten. Freilich anders als das in der Geschichte auch schon einmal im Schwange war: Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein. So eben nicht. Wir rechnen mit Gott. Das gibt unserem Handeln eine Richtung. Und zu dem „Wohin“ tritt das entscheidende „Woher“.
2. Das Woher
Denn „alle Diakonie geht vom Altar aus“ (Wilhelm Löhe).
Bleibt hungrig und durstig nach der Gerechtigkeit. Empfangt, was ihr dazu braucht, vom Altar her. Ebenso pathetisch wie Löhes Satz ist unsere alte Rede davon, dass wir das Abendmahl „begehren“. Es gibt uns zweierlei. Es stillt die Enttäuschung, den Graben zwischen Wollen und Vollbringen, den wir Sünde nennen. Und wenn wir gestärkt gehen, da ist der Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit neu geweckt in uns. Sie dürfen es auch „Sehnsucht“ nennen, gerne auch „Hoffnung“.
Uns vom Altar her erneuern – Mit ihrer Predigtreihe sind sie dabei zu prüfen (V. 10) vom Altar her. Das tun wir, um handeln zu können. „Pecca fortiter“ hat Martin Luther Philipp Melanchthon geraten. Und er hat angefügt: „Sed fortius fide“ – Glaube noch tapferer.
Das nennen wir „Diakonie“. Manchmal sind wir dabei voller Zweifel und wissen nicht, ob wir so vollmundig sein dürfen. Doch mit der Aufforderung Jesu, hungrig und durstig nach der Gerechtigkeit zu bleiben, ist unsere Aufgabe beschrieben, die so lange währt, wie es die Kirche gibt. Gemeinsam sollen wir sie wahrnehmen. Das ist der letzte Rat, den der Epheserbrief dazu gibt, „seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung“
Dann wird unser Tun Früchte des Lichts tragen. Früchte sind nicht einfach Werke. Es will gesät werden, gehegt, gepflegt. Auch gejätet. Es kann sein, dass das Ackerfeld gewechselt werden muss oder das Saatgut. Der Ausgangspunkt und das Ziel des Handelns dürfen uns gewiss machen, dass wir an der Gerechtigkeit ausgerichtet sind, wenn Ausgangspunkt und Ziel Jesus Christus bleibt. Das Bedarf des Prüfens und der Erneuerung. Die Passionszeit war vor Zeiten die Zeit des Katechumenats, der Taufvorbereitung - Vorbereitung auf das Leben als Kinder des Lichts. Hungrig und durstig werden nach der Gerechtigkeit. Und wenn wir am Ostermorgen im Garten mit Maria aus Magdala im Garten nach der Hoffnung suchen, ob die Saat wohl Früchte tragen wird und dort nur mit dem Gärtner rechnen, dann wird er sich uns zuwenden, und wir werden mitten auf unserem Weg Christus begegnet, und er wird sich uns zuwenden in unserer Hoffnung nach größerer Gerechtigkeit. Und er sagt sie zu, und Güte und Wahrheit noch mit dazu. Und seine Zusage lautet: Lebt, handelt und bleibt hungrig und durstig - bleibt diakonisch. Diese Erneuerung braucht es freilich immer wieder.

Rektor Dr. Thilo Daniel, St. Laurentius Neuendettelsau

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