So eine Fastenzeit, so ein Break mitten im geregelten Ablauf unseres Alltags, des Kirchjahres, lässt einen Innehalten. Man hat Zeit zum Sinnieren, Zwischenbilanzen fürs Leben zu ziehen. Bilder und Erinnerungen werden wach und ziehen vorbei

Wie bin ich zu dem Menschen geworden, der ich heute bin? Wie stehe ich und wo stehe ich in meinem Leben?

Und Sie liebe Schwester, lieber Bruder? Wie sind sie geworden, wer Sie sind?

Wenn Sie Ihr Fotoalbum durchblättern, können sie Ihre Spuren durch die Jahre verfolgen. Es gibt Fotos von Urlauben und Geburtstagen, von Hochzeiten und Taufen. Wir sehen uns als Kinder, als Jugendliche, als Menschen, die aus der Schule kommen und ins Leben starten. Als Paare, als Mütter und Väter, Großmütter und Großväter.

Jedes Jahr eine Aufnahme. Sind wir jedes mal dieselbe Person? Sind wir immer andere geworden?

Bei uns zuhause kam einmal im Jahr ein Fotograph. Das musste genügen.

Beim Durchblättern sehen wir uns dann später älter werden, dicker vielleicht oder faltiger, wir sehen, wie einer verschwindet aus dem Album: Gestorben? Gegangen?

Eine liebe Freundin hat mir kürzlich eine Weihnachtskarte geschickt, früher waren bei deren Weihnachtskarten sie ihr Mann und ihre zwei Kinder drauf. Dieses Jahr sind sie nur noch drei. Der Mann ist vermutlich jetzt auf einem anderen Bild mit einer anderen Frau.

Ja.

Zu jedem Foto fällt uns eine Geschichte ein mit der Überschrift: wie ich wurde, wer ich heute bin.

Familienfotos zu besonderen Anlässen, das, liebe Gemeinde, war gestern. Der Rest, das sind bei den Älteren rund um diese Bilder im Kopf, ganze Filme laufen da ab, wenn wir Alben ansehen

Heute sind wir geflutet von Bildern. Das Leben eines jungen Menschen wird lückenlos dokumentiert. Die Jugendlichen fotografieren sich sobald sie ein Handy haben, ständig. Gegenseitig. Oder sie machen Selfies. Klick. Klick. Klick. Tausendfach passiert das jeden Tag. Tausendfach wird das Leben dokumentiert und per Facebook oder Instagram hochgeladen.

Sie werden mit Whatsapp verschickt und alle Welt kann so ein Kind heranwachsen sehen.

Sie wachsen heute unter permanenter maximaler Beobachtung auf, unsere Kinder

Wie werden wir, was wir sind?

Wir werden, was wir sind, durch Anlagen, die uns unsere Eltern und Vorfahren mitgegeben haben: Aussehen und Prägung. Wir werden, was wir sind durch Einflüsse, denen wir ausgesetzt sind und durch Erfahrungen, die wir machen.

Wir werden, was wir sind durch die Rückmeldungen der Anderen, die uns beim Leben so zusehen, durch Kommentare, Lob und Tadel, Rat. Wir werden, was wir sind durch das permanente Gespräch, in dem wir uns mit uns selbst befinden.

Früher hatten die Eltern für die unbeobachteten Momente dann noch diesen Gott in Petto, der einen unablässig und ein bisschen bedrohlich im Auge behielt. Der Gott, der alles sieht, der Gott, der mit strengem Auge über Dein Leben Gericht wacht. „Der liebe Gott sieht alles“.

Heute kennen wir andere Instanzen, die alles sehen.

Ein 10jähriges Mädchen hat vor wenigen Wochen ein Handy geschenkt bekommen zu ihrer Einschulung aufs Gymnasium. Am morgen danach hatte sie 88 Nachrichten erhalten.

Seither betritt sie jeden Tag völlig neue Räume. Räume, in denen sie sich mit anderen vernetzt, in denen sie Antwort bekommt und Lebenszeichen und Fotos. Räume, in denen sie Spiele spielt.

Im Unterschied zu den engen Räumen, in denen frühere Generationen aufgewachsen sind – die meisten von uns hier - eröffnen sich allen, die heute mit digitalen Medien kommunizieren schier unendliche Möglichkeitsräume, in denen wir unsere Existenz je und je überschreiten und tausendfach Echo bekommen aus virtuellen Räumen.

Ich poste auf Facebook und erhalte Antworten, ich schreibe auf Whatsapp

Und ein anderer reagiert.

Es könnte sein, dass künftige Generationen, die mit den virtuellen Welten aufgewachsen sind und sich per mouse click dorthin hineinbeamen können, diese wunderbaren Erfahrungen der Überschreitung des eigenen „Ich“ in der digitalen Welt machen. Transzendenz erfahren Sie dort.

Transzendenz erfahren, das heißt ja, ich überschreite mich selbst und erweitere mein Ich in viele neue Räume.

So erfahren sich junge Menschen heute und nicht nur junge: Sie werden betrachtet und beobachtet von tausend Partnern, die sie liken und sie kommentieren, sie nehmen am Leben von anderen teil und werden per Netz Teil des Lebens der anderen.

Nicht der liebe Gott sieht mehr alles. Nicht Gott beobachtet mich mit den tausend Augen des Netzes. Nicht Gott mit einem liebevollen Blick, meine Geheimnisse wahrend, sondern viele andere Menschen. Manche kenne ich, manche werde ich nie kennenlernen. Nicht alle sind mir gewogen. Für die Internetfirmen werde ich als Kunde profiled. Die wollen wissen, wo ich mich gerade aufhalte. Wann ich krank bin. Ob ich schwanger bin. Sie kennen das erste Ultraschallbild. Sie wollen wissen, ob ich eine Reise antrete. Zu welchen Bedingungen ich versichert bin. Ob ich mich gesund ernähre oder mir demnächst ein Auto kaufen will.

Die Rechenmagier der großen Internetfirmen – man nennt sie Algorithmen – sie kennen uns in- und auswendig, sie wissen, was wir kaufen, was wir schreiben, wo wir sind. Sie berechnen inzwischen unser Verhalten minutiös

voraus. Sie wollen wissen, was wir uns in Zukunft wünschen, damit wir auch in Zukunft konsumieren.

Die Erfindung der Vernetzung der Menschen und ihrer Bilder - auch ihrer inneren Welten - rund um den Globus bedeutet also eine Gewöhnung auf den Zugriff auf transzendente Welten ohne Anstrengung, ohne Eigenleistung und scheinbar ganz umsonst. Scheinbar mühelos, scheinbar konsequenzlos....scheinbar.

Schon die Psalmen im Alten Testament rechnen mit einer Instanz die über uns wacht und uns im Blick hat:

Da heißt es im Psalm 139

HERR, du erforschest mich und kennest mich.

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;

du verstehst meine Gedanken von ferne.

Ich gehe oder liege, so bist du um mich

und siehst alle meine Wege.

Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,

das du, HERR, nicht schon wüsstest.

Von allen Seiten umgibst du mich

und hältst deine Hand über mir.

........

Deine Augen sahen mich,

als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.


Man kann nicht sagen, dass die Erfinder von Facebook und der anderen Netzbeobachter und der damit eingehenden neuen intelligenten Technologien sich der beinahe religiösen Bedeutung dieser Erfindung nicht bewusst gewesen wären. Der Appleerfinder Steve Jobs sprach von einer „Delle im Universum“, die diese Technologie machen würde.

Dem entsprechen die Ansprüche, die heutige Datenkonzerne wie Google Facebook und Apple aus dieser Erkenntnis ableiten.

Der ehemalige Geschäftsführer von Google Eric Schmidt prophezeit, dass die digitale Technologie, erst einmal den Kinderschuhen entwachsen – und das ist das, was wir erleben–, unsichtbar dauerhaft um uns sein werde und uns von allen Seiten umgeben werde. Der Datenhändler von Google macht uns das ganz plastisch:

Wir sind die erste Generation von Menschen mit einer unauslöschbaren Akte. [.]

In Zukunft wird das nicht nur auf jedes geschriebene und gesprochene Wort zutreffen, sondern auch auf jede Internetseite, die Sie besuchen, auf jeden „Freund“ in Ihrem Netzwerk, auf jedes „Like“ und auf alles was Ihre Freunde tun, sagen und veröffentlichen. Wir wissen, was Sie tun. Wir wissen, was Sie denken.

(Schmidt, Eric/Cohen, Jared: Die Vernetzung der Welt. Ein Blick in unsere Zukunft. Rowohlt 2013.)

Von allen Seiten umgibst Du mich? Wie fühlt sich das heute an?

Früher haben wir das von Gott gesagt, dass er uns umgibt, unsere Tage in ein Buch geschrieben hat, dass er uns erlöst. Merkwürdig, wenn so ein Internetgigant beinahe dieselben Wort gebraucht wie die Bibel. Facebook – das Buch der Gesichter – dokumentiert alle Deine Tage...

Einem solch totalen Anspruch mit einer totalitären Rückseite entspricht die schier totale Veränderung unserer gesamten Kommunikation, die in den vergangenen Jahren mit dieser sanften Technologie schleichend Einzug in unseren Alltag gehalten hat.

Kaum bewusst wahrnehmbar formatieren wir unser Verhältnis von Raum und Zeit neu. Wir kommunizieren in Sekundenschnelle über die ganze Welt, wir organisieren unser Wissen nach den Vorgaben von Algorithmen, wir haben völlig neue Formen von Bildung hinzugewonnen, beim Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen nimmt der Computer und die spielerischen Formen sich in neuen Universen zu bewegen einen immer größeren Raum ein, unsere Beziehungen sind vielfältiger, vervielfältigen sich schier unübersehbar, gestalten sich weltweit und anlassbezogen. Begriffe wie „Freundschaft“ werden von sozialen Netzwerken besetzt. Es gibt neue Rituale, wie virtuelle Geburtstagsfeier oder Beerdigungsfeier, Grabstätten, ob ich dazugehöre oder nicht hängt von der Teilnahme in bestimmten sozialen Netzwerken ab. Und auch die Begriffe von Geheimnis und Verrat werden neu definiert: es wird zum Frevel ein Geheimnis zu haben und es gilt als Hochverrat, den Bürgern mitzuteilen, was Netzbetreiber und Geheimdienste tatsächlich über sie wissen, wie wir in der Affäre rund um Edward Snowden hautnah erleben konnten.

Es ist wohl nicht übertrieben zu markieren, dass sich mein Selbstgefühl, mein Selbstwertgefühl, mein Verhältnis zu Zeit und Raum und zur Geschwindigkeit, ja mein ganzes Verhältnis zur Welt sich mit dieser Technologie grundlegend verändert.

Die Folgen spüren wir in all ihrer Ambivalenz in den Kirchen ebenso, wie in der Politik, der Schule, im Krieg, in den modernen Fluchtbewegungen und in schier allen Bereichen unseres Lebens.

Wir bezahlen für diese neue Form der exponentiell wachsenden Ich-Erweiterung unseren Preis in unserem alltäglichen Miteinander. Die Formen unserer Aufmerksamkeit werden neu ausgerichtet, die Art unserer Konzentration formt sich um und verändert ja verflacht möglicherweise die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Die Netzgeneration, das sind die »Däumlinge«, die mit blitzschnellen Druck- und Wischbewegungen eine Generation verkörpern, die in nie da gewesener Weise in vernetzter Kommunikation kreativ wird. Es gibt Netzphilosophen, die in ihnen den neuen Menschen sehen und den Beginn einer besseren Menschheit. Zugleich aber sind sie unbestritten eine Generation, die – wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte – kontrolliert heranwächst, beobachtet und kommentiert und damit auch in hohem Maße gleichgeschaltet...welche Frisuren „in“ oder „out“ sind welche Kleidung, welche Serien...es findet in dieser Generation eine starke Normierung statt, wobei wir Nutzer zugleich alle völlig überzeugt sind, wir sind ganz frei.

Aber es wird alles festgehalten. Unsere Bilder, unsere Worte, unsere Freunde und unsere Niederlagen.

Eine Art Jüngstes Gericht ist da gespeichert, mit allem, was einer einmal selbst ins Netz gestellt hat oder über ihn ins Netz gestellt wurde. Spätere Arbeitgeber, Partner, Liebhaberinnen, Gesundheitsbehörden, Schulen und Universitäten, Versicherungen und Polizei werden die Heldentaten und Jugendsünden der heutigen jungen Generation mit einem Klick einsehen können. Es wird keine undokumentierten Jahre mehr geben, keine vergessenen Dummheiten. Die heute Heranwachsenden werden von ihren eigenen Bildern und Texten umstellt sein, sie werden im Netz lebenslang gespiegelt sein.

Dass das Leben eines Menschen in allen seinen Varianten, mit seinen geheimen Ecken und Winkeln bei Gott aufgehoben ist, das glauben wir Christen. Dass sich im Gespräch mit Gott unsere brüchige Identität sich immer wieder neu zu einer geheilten Biografie zusammenfügen kann, davon sind wir überzeugt. Das ist ein ganz anderer Traum von der Geborgenheit meines Lebens in Zeit und Raum. Es ist der Traum, dass ein liebender Gott alles von mir weiß und meine Biografie in allen ihren Wendungen in gorßer Liebe anblickt. Es ist die Vorstellung, dass mein Leben bei ihm aufgehoben ist und dass Gott, wenn ich das Raum-Zeit-Netz eines Tages verlasse, sein Wissen und seine Wertung über mein Leben in einer Art Bilanz mit einem einzigen Wesen teilt – nämlich mit mir.

Das macht einen entscheidenden Unterschied zwischen der christlichen Vorstellung einer liebenden Allgegenwart Gottes und der Allgegenwart der Beobachtung durch das Netz, wir wir sie heute erfahren oder ahnen. Ich werde erkennen, wie ich erkannt bin, verspricht Paulus in seinem berühmten Text von der Liebe, die die größte Weltmacht ist. Im Netz werde ich durchschaut und ausgerechnet. Bei Gott werde ich erkannt und geliebt.

Und so stellen sich in dieser Fastenzeit viele Fragen an uns selbst: Wie verändern sich unsere menschlichen Beziehungen, wenn ich dem anderen nicht mehr in die Augen schaue? Wenn alles, was ein personales Gegenüber fordert, einen Bogen der Aufmerksamkeit, Blickkontakt, die körperliche Nähe des anderen über einen bestimmten Zeitraum, wenn all dies der Bequemlichkeit der Selbstdarstellung und der flüchtigen virtuellen Begegnung weicht? Wenn Partnerbörsen Menschen austauschbar machen. Es gibt schon Untersuchen darüber, wie diese Form der Kommunikation in unser intimstes Leben eindringt und uns vorspiegelt, wir hätten die milliardenfache Auswahl.

Wie erreicht ein junger Mensch und nicht nur ein junger eine ungestörte Stunde? Wie finden wir erst einmal das Bewusstsein wieder, dass es gut, hilfreich und effektiv ist, einmal eine Stunde überhaupt ungestört zu sein? Wie komme wir wieder zu der Einsicht, dass Schnelligkeit nicht alles ist? Sondern, dass manche Dinge Zeit brauchen: Gedanken, vor allem Orientierung und die Bildung eines Gewissens, die Bildung einer Identität im Dialog, die Bildung eines von innen heraus motivierten, selbstbewussten, selbstgesteuerten und gelassenen Ich, das seine Grenzen kennt und sich deshalb selbst Grenzen setzt?

„Die spirituelle Weide schrumpft“, sagt ein dreißigjähriger Nerd, der heute zum Netzkritiker geworden ist. „Die spirituelle Weide schrumpft“.

Religion, dieser so oft malträtierte, missbrauchte und ideologisierte Begriff, beschreibt das, was einem Menschen Halt gibt, was ihn existenziell angeht und was ihn über sich hinausführt und ihn zugleich demütig werden läßt. Unser Glaube schenkt uns Geschichten und die Phantasie für eine bessere Welt. Er bringt eine eigene Sprache hervor, die so sperrige Worte wie »Gnade« oder »Vergebung« in den Mund nimmt. Mein Glaube beeinflusst mein Empfinden,

führt mich in eine eigene denkerische Grammatik, eine ganz eigene Vernunft der Nächstenliebe. Mein Glaube gibt meinem Leben Gewicht und Sinn, gibt meinen Handlungen eine Bedeutung über das Ende des Lebens hinaus. Wenn nun eine Technologie, die mich umfassend im Blick hat »höher als alle menschliche Vernunft« sein will, wenn sie mir vorgibt, worauf wir aufmerksam sein sollen, wenn sie meine Denkwege abkürzt, meine Entscheidungen beeinflusst, dann, liebe Gemeinde, kommt mir der Satz: der liebe Gott sieht alles wie eine Befreiung vor. Gott sei Dank sieht mein Gott alles. Gott sei Dank gibt es Dinge, die ein Geheimnis sind zwischen mir und meinem Schöpfer ganz allein.

Wie dieser liebevolle Blick Gottes auf mein Leben erfahren werden kann, das hat auf eindrückliche Weise die amerikanische Ärztin und Schriftstellerin jüdischer Herkunft, Rachel Naomi Remen, in ihrem Bestseller »Der Segen des Großvaters« beschrieben. Sie beschreibt sehr genau, wie sich der gütige Blick von dem beobachtenden Blick unterscheidet.

Ein Ausschnitt:

Wenn ich an den Freitagnachmittagen nach der Schule zu meinem Großvater zu Besuch kam, dann war in der Küche seines Hauses bereits der Tisch zum Teetrinken gedeckt. Mein Großvater hatte seine eigene Art, Tee zu servieren. Er füllte Teegläser aus einem silbernen Samowar. Er nahm immer ein Stück Zucker zwischen die Zähne und trank dann den ungesüßten heißen Tee aus dem Glas.

Und ich machte es wie er... Wenn wir unseren Tee ausgetrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an. Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Manchmal sprach er diese Worte laut aus, aber meist schloss er einfach die Augen und schwieg. Dann wusste ich, dass er in seinem Herzen mit Gott sprach. Ich saß da und wartete geduldig, denn ich wusste, jetzt würde gleich der beste Teil der Woche kommen.

Wenn Großvater damit fertig war, mit Gott zu sprechen, dann wandte er sich mir zu und sagte: »Komm her, Neshumele.« Ich baute mich dann vor ihm auf, und er legte mir sanft die Hände auf den Scheitel. Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass Er ihn zum Großvater gemacht hatte. Er sprach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte, und erzählte Gott etwas Echtes über mich. Jede Woche wartete ich bereits darauf zu erfahren, was es diesmal sein würde. Wenn ich während der Woche irgendetwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit, darüber die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung darüber zum Ausdruck, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich auch nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen. Und dann gab er mir seinen Segen und bat die Frauen aus ferner Vergangenheit, die ich aus seinen Geschichten kannte – Sara, Rahel, Rebekka und Lea -, auf mich aufzupassen.

Diese kurzen Momente waren in meiner Woche die einzige Zeit, in der ich mich völlig sicher und in Frieden fühlte. In meiner Familie von Ärzten und Krankenschwestern rang man unablässig darum, noch mehr zu lernen und noch mehr zu sein. Da gab es offenbar noch immer etwas mehr, das man wissen musste. Es war nie genug. Wenn ich nach einer Klassenarbeit mit einem Ergebnis von 98 von 100 nach Hause kam, dann fragte mein Vater: »Und was ist mit den restlichen zwei Punkten?« Während meiner gesamten Kindheit rannte ich unablässig diesen zwei Punkten hinterher. Aber mein Großvater scherte sich nicht um solche Dinge. Für ihn war mein Dasein allein schon genug. Und wenn ich bei ihm war, dann wusste ich irgendwie mit absoluter Sicherheit, dass er Recht hatte.

Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Ich hatte bis dahin nie in einer Welt gelebt, in der es ihn nicht gab, und es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Er hatte mich auf eine Weise angesehen, wie es sonst niemand tat, und er hatte mich bei einem ganz besonderen Namen genannt, »Neshumele«, was »geliebte kleine Seele« bedeutet. Jetzt war niemand mehr da, der mich so nannte. Zuerst hatte ich Angst, dass ich, wenn er mich nicht mehr sehen und Gott erzählen würde, wer ich war, einfach verschwinden würde. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen. Und dass einmal gesegnet worden zu sein heißt, für immer gesegnet zu sein heißt.[1]

Wenn Sie diese Arte des Segens auch erfahren haben oder erfahren, dann sagen Sie Amen.


Prof. Johanna Haberer, 18.02.2018, St. Laurentius Neuendettelsau


[1] Rachel Naomi Remen, Aus Liebe zum Leben, 2002, S. 30–31


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