Sind alle Türken Muslime, alle Franzosen Genießer und Deutsche immer pünktlich? Solche Vorurteile will keiner haben. Dennoch spielen sie im täglichen Leben oft eine Rolle. Gerade Mitarbeitende in der professionellen Pflege müssen besonders achtsam damit umgehen. Immerhin treten sie in die intimsten Lebensbereiche von Menschen ein. Das macht ein sensibles Handeln unter Berücksichtigung der unterschiedlichsten kulturellen Hintergründe noch wichtiger als in anderen Kontexten.
Sabine Holfelder hat sich über dieses Thema mit Tobias Filmer unterhalten. Er ist Dozent für den Fachbereich Pflege an der DiaLog Akademie in Neuendettelsau und bietet zum Thema „Kultursensibilität“ Kurse für Mitarbeitende in der Pflege an.

Wenn wir einem Menschen zum ersten Mal begegnen, ordnen wir ihn meist ganz automatisch einem gewissen Stereotyp zu und das innerhalb eines Bruchteils von Sekunden. Wir stellen bestimmte Merkmale fest, wie zum Beispiel Kleidung, Hautfarbe oder Alter. Anhand dieser Merkmale schließen wir auf bestimmte Eigenschaften, wie zum Beispiel den Charakter oder die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen oder religiösen Gruppe und bewerten die Person dann als sympathisch oder unsympathisch, gefährlich oder ungefährlich, interessant oder uninteressant. Das ist nicht per se schlecht. Denn gewisse Vorannahmen helfen uns dabei, unsere Welt verständlicher und einfacher zu machen. „Vorurteile“ – solange sie revidierbare Vor-Urteile bleiben – geben uns Sicherheit. Sie machen unsere Realität zumindest ein Stück weit berechenbar und wir wissen, wie wir uns verhalten können. Problematisch werden Vorurteile erst dann, wenn wir eine feindselige, negative Grundeinstellung gegenüber Personen einer Gruppe entwickeln – nur aufgrund der bloßen Mitgliedschaft in dieser Gruppe. Wenn wir blind werden für individuelle Unterschiede, werden Vorurteile schnell zur Diskriminierung und verfestigte Stereotype zum Zerrbild unserer Wahrnehmung.

Basis für einen kultursensiblen Umgang miteinander ist die Offenheit für andere Blickwinkel, Perspektiven oder Erfahrungshintergründe.

In der Pflegebranche wird kultursensibles Handeln immer mehr zum Thema. Nicht zuletzt durch das Pflegestärkungsgesetz, das laut Bundesgesundheitsministerium Schritt für Schritt die Pflege besser machen soll. Eine Forderung darin ist, Pflege noch stärker auf die individuellen Bedürfnisse und Bedarfe der Menschen auszurichten, um so die Lebensqualität aller zu Pflegenden zu steigern. Dabei spielen beim Kulturbegriff Nationalität und etwaiger Migrationshintergrund nicht unbedingt die Hauptrolle, so Tobias Filmer. Der Pflegeexperte hat einige Fragen rund um „kultursensible Pflege“ beantwortet. Er bietet zu diesem Thema für interessierte Pflegefachkräfte im Herbst und Winter 2019 auch Kurse an.

Interview mit dem Pflegeexperten Tobias Filmer:

Frage: Herr Filmer, wie definieren Sie den Begriff Kultur?

Tobias Filmer:

Häufig schließen wir auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur aufgrund äußerer Faktoren, wie geografische Herkunft oder Religion. Dabei wirken vielfältigere Faktoren kulturprägend, wie zum Beispiel sozialer Status, früherer ausgeübter Beruf, Bildungsstand. In der Regel fühlen sich Menschen aber vor allem durch ähnliche Wertehaltungen, Weltanschauungen und Normen verbunden.

Frage: Der Kulturbegriff ist also vielschichtig und sehr individuell. Gibt es dennoch Leitlinien für Pflegekräfte? Von welchen Kulturkategorien geht man in der Pflege aus?

Tobias Filmer:

Wichtig ist es in der Pflege, immer die individuelle Person zu sehen. Kategorisierungen können lediglich eine gewisse Hilfestellung dabei geben. Zum Beispiel gibt es Kulturen, die eher „linear-aktiv“ strukturiert sind. Das sind Menschen, die planen, organisieren, besonders aufmerksam Daten und Fakten aufnehmen. Im Pflegealltag ist es daher hilfreich, klare und deutliche Anweisungen zu geben, also sehr sachlich und prägnant zu kommunizieren.

Dann gibt es Kulturen, die wir als „multiaktiv“ bezeichnen. Das sind besonders lebendige, redselige Menschen, die eine persönliche Beziehung und die Chance zum Mitreden brauchen. Hier kommt es oft zu Nachfragen und Diskussionen mit den Pflegekräften, die diesen sozialen Austausch fördern sollten.

„Reaktive“ Kulturen priorisieren Höflichkeit und Respekt, Harmonie ist ihr höchstes Gebot. Oft bekommt die Pflegekraft keine Rückmeldung, ob sie verstanden wurde. Hier ist besonders hohe Sensibilität gefordert, um die Bedürfnisse und Erwartungen der Personen herauszufinden, da sie diese selten offen äußern.

Orientierung bieten auch Modelle der Pflegewissenschaft, wie zum Beispiel das Sunrise Modell nach Leininger, das Campinha-Bacote Modell oder die sog. ABEDLs nach Krohwinkel. Das sind Fragen zu Aktivitäten, sozialen Beziehungen und existenziellen Erfahrungen des Lebens, mit denen wir als Pflegekraft die Bedürfnisse der Personen feststellen können.

Letztendlich ist kultursensible Pflege auch immer biographieorientierte Pflege.

Tobias Filmer

Frage: Das Thema kultursensible Pflege liegt Ihnen offenbar besonders am Herzen. Welche Erwartungen haben Pflegefachkräfte, wenn sie Ihre Seminare besuchen?

Tobias Filmer:

Ich merke, dass die Teilnehmenden oft sehr positive Einstellungen haben und neugierig sind, andere Kulturen kennenzulernen. Oft möchten sie mehr Hintergrundinformationen zur Kultur ihrer Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner oder Klientinnen und Klienten haben. Hierzu werde ich nach Anleitungen in der Art einer Checkliste gefragt. Eine solche Checkliste gibt es leider nicht und wenn, dann könnte diese nur als reine Hintergrundinformation, niemals als Anleitung dienen. Denn jeder Mensch ist unterschiedlich und hat seine eigene „Kultur“, die von unterschiedlichen Kulturkreisen geprägt sein kann. Im Prinzip ist hier weniger entscheidend, ob ich einen Muslim oder einen Christ pflege. Es ist wichtiger, sich bewusst zu machen, dass es sich immer um einen anderen Menschen mit einer eigenen Biografie handelt, auf den ich mich einstellen muss. Letztendlich ist kultursensible Pflege auch immer biographieorientierte Pflege.

Kultursensible Pflege ist auch immer biographieorientierte Pflege. Das Kunstwerk mit dem Titel "Der rote Faden zieht sich durch ein Leben" hilft zum Beispiel im Seniorenhof Bechhofen dabei, der eigenen Biographie "auf die Spur" zu kommen. Foto: Salomon

Frage: Was brauchen Pflegekräfte, um kultursensibel zu pflegen? Welche Fähigkeiten vermitteln Sie in Ihren Kursen?

Tobias Filmer:

Sinnvoller als Vorgaben abzuarbeiten ist es, kulturübergreifende Kompetenzen zu trainieren, um sich auf die unterschiedlichsten Menschen und Situationen individuell und flexibel einstellen zu können. Basis dafür sind zum Beispiel Grundlagen der verbalen und nonverbalen Kommunikation und die Fähigkeit zur Empathie. Meine Seminare sind daher von Methoden des erfahrungsbasierten Lernens geprägt. Ein zentrales Anliegen ist es mir, zu einem Perspektivwechsel anzuregen. Also dazu, sich in ihre Patienten hineinzuversetzen, um ihre Bedürfnisse zu verstehen und dabei neugierig und offen zu bleiben. Wenn ich ganz unvoreingenommen auf mein Gegenüber zugehe und mich traue, offen zu fragen was ich noch nicht verstehe, hat das meist positive Auswirkungen auf die Kommunikation.

Frage: Woran machen Sie einen kultursensiblen Umgang fest? Also, woran merken Pflegekräfte, dass es gut läuft?

Tobias Filmer:

Ich würde einen kultursensiblen Umgang an der Offenheit für andere Blickwinkel, Perspektiven oder Erfahrungshintergründe festmachen. Und wenn man als Pflegekraft sagen kann „Ja, ich pflege gerne“, dann ist das auf jeden Fall eine gute Basis.

Seminar zur interkulturellen Kompetenz

Im Herbst und Winter 2019 bietet Tobias Filmer zwei Seminare zur interkulturellen Kompetenz im ambulanten und stationären Bereich an:
Mehr Informationen


Kontakt

DiaLog Akademie
Wilhelm-Löhe-Straße 23
91564 Neuendettelsau

Tel.: +49 (0) 98 74 / 8 26 72 oder / 8 36 54
Fax: +49 (0) 98 74 / 8 26 74

E-Mail schreiben

Zur Seite der DiaLog Akademie



Diesen Artikel teilen

Mehr lesen zum Thema "Fortbildung in der Pflege" und zum Kreativwettbewerb
01. April 2019

Was sind die aktuellen Highlights im Programm der Internationalen Akademie DiaLog? Außerdem lesen Sie Informationen zur Erhöhung des Fortbildungskontingentes.

09. Januar 2019

Wie begleite ich einen schwerkranken sterbenden Menschen? Vor dieser Frage stehen Angehörige ebenso wie Pflege- und Fachkräfte. Antworten hat das Martin Alsheimer in der Weiterbildung Palliativ Care.

13. März 2019

Am 2. April 2019 startet erstmals der deutsch-polnische Kreativwettbewerb #ichpflegegerne! der Diakonie Neuendettelsau. Eingeladen sind Fachkräfte und Auszubildende aus der Altenpflege und Altenpflegehilfe aus ganz Deutschland und Polen. Bis zum 31. Juli 2019 können Beiträge eingesandt werden.

Haben Sie Fragen? Wir helfen Ihnen gerne.

Wenn Sie sich näher über unser Angebot informieren möchten, können Sie gerne Ihre
bevorzugte Kontaktmöglichkeit hinterlassen.

Oder rufen Sie uns an unter unserer Service-Nummer:

+49 (0) 180 28 23 456 (6 Cent pro Gespräch)