Ein Mensch wird durch die Summe all seiner Erinnerungen und Erfahrungen geprägt. Seine Biografie macht ihn zu dem, was er ist, wie er fühlt, denkt und handelt. Gerade in der Pflege von Demenzkranken ist die Biografiearbeit unabdingbar. Sie trägt dazu bei, dass der Mensch mit Demenz sich länger darin erinnert, wer er ist und hilft den Pflegenden im Umgang mit ihm.

Der Vater erzählt seiner Tochter die gleiche Geschichte immer und immer wieder. Jeden Tag aufs Neue. Er erzählt davon, wie er damals ganz allein das Haus gebaut hat. Als er die Geschichte vom Hausbau im Laufe des Tages zum fünften Mal erzählen will, kann die Tochter es nicht mehr hören. „Das hast du mir heute schon hundert Mal erzählt!“, schimpft sie wütend. Der Vater wird still und blickt betreten zu Boden. Er versteht nicht, wieso seine Tochter so reagiert. Er kann sich nicht erinnern, die Geschichte schon erzählt zu haben, weil sein Kurzzeitgedächtnis aufgrund der Demenz nicht mehr richtig funktioniert. Am nächsten Tag wird es genauso wieder passieren.

„So wie die Tochter in der Geschichte gehandelt hat, ergeht es sicher vielen. Das ist menschlich“, sagt Christiane Schuh, Pflegefachkraft für Gerontopsychiatrie. Sie begleitet Menschen mit Demenz und berät Angehörige in der Fachstelle für pflegende Angehörige der Diakonie Neuendettelsau.

"Menschen mit Demenz können sich nicht an Ereignisse erinnern, die bei einem Gesunden im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert werden. Vorwürfe verletzen deshalb den Erkrankten nur."

Christiane Schuh, Fachstelle für pflegende Angehörige

Eine Konfrontation endet deswegen häufig in Konflikten, die nicht gelöst werden können. In ihren Demenz-Schulungen bringt sie Angehörigen das Konzept der „einfühlsamen Kommunikation“ bei. Dabei lernen sie, dass Pflegende verstehen müssen, warum der Vater die Geschichte immer wieder erzählt. Sie hat mit der Lebensgeschichte des Vaters zu tun. Mit seiner Biografie.

„Um die Biografie eines Demenzerkrankten kommen wir nicht herum“, betont Schuh und erklärt, dass sich diese in die weltliche, die regionale und die persönliche Biografie unterteilt. „Die weltliche Biografie betrifft Dinge, wie die regionale Politik oder die Ortsgeschichte der Heimatgemeinde“, erklärt sie.

"Die persönliche Biografie beinhaltet alle Erlebnisse und Erfahrungen der Person. Auch wenn es sich wie ein Schnitt in die Privatsphäre anhört, ist es für Pflegende wichtig, zu wissen, wer der Mensch ist, um den sie sich kümmern. Sie können dann seine Handlungen leichter verstehen und entsprechend reagieren."

Christiane Schuh

Erinnerungen aktivieren: Die 80-jährige Kunigunda Pichler lebt im Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz. Anhand eines Fotos aus ihrer Vergangenheit erzählt sie Sozialpädagogin Bernadette Philipp von ihrem Abschlussball beim Tanzen.

Bei Menschen mit Demenz baut sich das Gehirn Stück für Stück ab. Sie vergessen im Fortschreiten der Erkrankung ihr Leben, vergessen dass sie Kinder haben, ihre eigene Hochzeit, ihre Eltern. Sie reagieren instinktiv, wenn Erinnerungen an etwas aus ihrem Leben auftauchen. In klaren Phasen spüren sie, dass sie aufgrund der Demenz viele alltägliche Dinge – wie das Schmieren eines Butterbrotes – nicht mehr können und fühlen sich wertlos. „Wertschätzung ist wichtig. Der Vater erzählt von dem Hausbau, weil er darauf stolz ist und weiß, dass es andere auch waren“, sagt Schuh. Auch wenn es eine große Herausforderung für die Angehörigen darstellt, rät sie, sich einmal am Tag Zeit für die Geschichte zu nehmen.

Das Beispiel ist nur eines von vielen, das zeigt, wie wichtig Biografiearbeit im Umgang mit Menschen mit Demenz ist. Es gilt herauszufinden, wie der Mensch sein Leben selbst sieht und empfindet, was er erlebt hat und was ihn ausmacht.

Biografiearbeit aktiviert Erinnerungen

Das bestätigt auch Ines Müller. Sie leitet das Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz in Nürnberg. Bei der Aufnahme neuer Bewohnerinnen und Bewohner füllen alle Angehörigen einen 15-seitigen Biografiebogen aus. Er fragt nach den Familienmitgliedern und Freunden, ihrem Verhältnis zueinander, nach Erlebnissen aus der Schulzeit, Spitznamen, Musikgeschmack, Lieblingsthemen, Träumen und Ängsten.

"Biografiearbeit ist die Grundlage unserer Arbeit."

Ines Müller, Leiterin Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz Nürnberg

Durch die Biografiearbeit kann das Fortschreiten der Krankheit auch verzögert werden. Sozialpädagogin Bernadette Philipp führt deswegen täglich Aktivierungstherapien mit den Bewohnerinnen und Bewohnern durch.

Kunigunda Pichler ist 80 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren im Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz. Ursprünglich kommt sie aus Fürth, wo sie leidenschaftlich in der Tanzschule Streng getanzt hat. Vor ihr liegt ein Buchband über die Stadt. Bernadette Philipp gibt ihr schwarz-weiß Fotos auf denen Kunigunda Pichler beim Abschlussball zu sehen ist.

„18 Jahre alt war ich da! Und mein Kleid kam aus Amerika. Von meinem Bruder, der hat in der amerikanischen Highschool in Fürth gearbeitet“, weiß sie sofort und ihre Augen strahlen dabei. Sozialpädagogin Philipp stellt nur wenige Fragen, die 80-Jährige erzählt ganz von allein. Sie erzählt von ihren Eltern und ihrem Mann und weiß sogar noch, welche Farbe ihr Ballkleid hatte. Was sie nicht mehr weiß, ist ihr Alter. Und ob sie sich ein paar Stunden nach der Sitzung noch an das Gespräch erinnern kann, glaubt Philipp nicht.

"Biografiearbeit fließt in den Alltag mit ein. Demenzkranke können keine neuen Dinge mehr aufnehmen, deswegen muss ihr Gehirn durch Erinnerungen aktiviert werden."

Bernadette Philipp, Sozialpädagogin im Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz Nürnberg

Im Alltag gibt es viele Dinge, über die an die Vergangenheit angeknüpft werden kann. Lieder, Jahreszeiten oder bestimmte Lebensmittel. Umgekehrt können durch die Biografiearbeit aber auch Dinge vermieden werden, die der Erkrankte nicht mag oder die ihm Angst machen. „Eine unserer Bewohnerinnen hat jede Nacht geschrien und wir wussten lange Zeit nicht was wir dagegen tun können“, erklärt Barbara Heitmann, Pflegedienstleitung im Kompetenzzentrum. Erst nach ihrem Tod erfuhren sie, dass die Seniorin während der Kriegszeit verschüttet wurde. „Hätten wir das eher gewusst, hätten wir damit arbeiten können“, sagt Heitmann.

Barbara Heitmann ist die Pflegedienstleitung im Nürnberger Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz der Diakonie Neuendettelsau.

Die Arbeit mit Biografiebögen kann auch eine Herausforderung werden. Vor allem dann, wenn Angehörige sich nicht sicher sind, welche Bedeutung bestimmte Ereignisse für den Demenzkranken haben, weil in der Familie nicht darüber gesprochen wurde. Deswegen ist es wichtig, dass Pflegende trotzdem eine gute Auffassungs- und Beobachtungsgabe haben, um Reaktionen einschätzen zu können.

-> Zur Fachstelle für pflegende Angehörige

-> Zum Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz in Nürnberg

Mehr lesen aus dem Magazin zum Thema Senioren

24. September 2017

Wie Sie mit einer Tageszeitung täglich Alltagsvergesslichkeit und Demenz vorbeugen können. Zwei Übungen zum Gedächtnistraining – vom Profi empfohlen

27. August 2017

Geistig fit bis ins hohe Alter: 8 Tipps wie Sie Altersvergesslichkeit und Demenz vorbeugen

12. Juli 2017

Altenpfleger Karsten Hildebrandt erzählt, warum er sich für die Arbeit mit alten Menschen entschieden hat.

24. November 2017

Tiergestützte Therapie für Menschen mit Demenz: Hündin Figlia besucht einmal in der Woche das Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz

Haben Sie Fragen? Wir helfen Ihnen gerne.

Wenn Sie sich näher über unser Angebot informieren möchten, können Sie gerne Ihre
bevorzugte Kontaktmöglichkeit hinterlassen.

Oder rufen Sie uns an unter unserer Service-Nummer:

+49 (0) 180 28 23 456 (6 Cent pro Gespräch)