Das Förderzentrum St. Laurentius feiert 50. Jubiläum

Vor 50 Jahren, am 9. September 1968 um 8 Uhr begann ein ganz besonderer Gottesdienst: der erste Schulanfangsgottesdienst für Schüler des St. Laurentius Förderzentrums. Seit 50 Jahren fördert die Schule Kinder, die ihr eigenes Potential im Regelschulsystem nicht entfalten können. Dabei hat sich die Arbeit im Laufe der Jahrzehnte immer wieder verändert. Uli Harms, Leiter des sonderpädagogischen Förderzentrums, und Margarete Haag, stellvertretende Leitung, werfen im Interview einen Blick auf das Gestern und Heute des Förderzentrums.


Die Vorgeschichte:

Im Jahr 1964 gingen lern- und geistig behinderte Kinder auf sogenannte Hilfsschulen. Sie waren in Mischklassen zusammengewürfelt, staatliche Richtlinien gab es keine. 

In Neuendettelsau war eine solche Schule im „Heilerziehungsheim“ untergebracht. Mit sieben Klassen, die je von bis zu 29 Schülern besucht wurden, platzte die Schule aus allen Nähten. Aus diesem Grund wurde Regierungsbaumeister Hans Albert Wilhelm aus Roßtal mit den Planungsarbeiten für eine neue Schule beauftragt. 1966 erfolgte die Grundsteinlegung. Zur dieser Zeit wurden auch staatliche Richtlinien zu Klassengrößen erlassen, es herrschte aber weiterhin Raumnot. Denn aus der „Heimschule“ wurde eine öffentliche Schule, die jetzt Schüler aus dem kompletten Raum Ansbach besuchten. Bis 1981 werden drei Bauabschnitte mit weiteren Räumen fertiggestellt.

1968 aber öffnen sich die Türen für die ersten Schüler. 

Uli Harms, Leiter des sonderpädagogischen Förderzentrums, mit seiner Stellvertreterin Margarete Haag.


Kindern einen besseren Förderort bieten

Frage: Herr Harms, erklären Sie bitte kurz, was genau macht ein Förderzentrum?

Uli Harms: Ein sonderpädagogisches Förderzentrum, wie unseres, möchte Kindern, die im Regelschulsystem ihr eigenes Potential nicht entfalten können, überfordert sind oder aufgrund der Klassengröße nicht zurechtkommen, einen besseren Förderort bieten.


Frage: Ist das zeitgemäß im Sinne der Inklusion?

Wir stellen fest, dass sich Eltern durch die Debatte um das Thema Inklusion deutlich bewusster für das Angebot einer Förderschule entscheiden. Dazu tragen auch flexiblere Entscheidungsmöglichkeiten bei. So ist mittlerweile der Wechsel auf Regelschulen zum individuell passenden Moment möglich und nicht an bestimmte Klassen gebunden. 


Frage: In seiner 50jährigen Geschichte hat das Laurentius Förderzentrum sich häufig als modern und innovativ erwiesen. 1981 startete hier zum Beispiel als Modellversuch eine heilpädagogische Gruppeneinrichtung für Kinder ab drei Jahren, praktisch parallel zur Kita.

Margarete Haag: Das war ein ganz großer Wurf. Die Gruppeneinrichtung diente als gute Vorbereitung auf schulisches Lernen, sehr innovativ und modern für die damalige Zeit. Das ganze Gebäude überhaupt war modern – mit Schwimmbad und Aufzug. Es war klar, dass für Kinder mit körperlicher Behinderung eine weitläufige Raumsituation mit Bewegungsfreiheit notwendig war. Hier bauten wir sehr weitsichtig.

Das Innovationspotential im Bereich Bildung für Benachteiligte ist lange Tradition in der Diakonie Neuendettelsau. Das geht direkt auf Wilhelm Löhe zurück, dem Bildung von Menschen mit Behinderung ein ganz großes Anliegen war. Auf diesem Gebiet war er Pionier.

Uli Harms: Das markante an dieser Situation war, dass Sonderschulen damals vor allem dazu dienten, die „Problematischen“ aus den Regelschulen „auszusortieren“, damit es sozusagen keine bremsenden Rädchen im System gibt. Es war in der Schullandschaft der damaligen Zeit weniger die Förderung der lern- oder geistig behinderten Kinder im Fokus.

Mit der neuen Schule in Neuendettelsau wurde vor 50 Jahren schon begonnen, eine andere Haltung in der Arbeit mit diesen Kindern zu praktizieren: Wir kümmern uns nicht, weil sie woanders stören, sondern weil wir ihre individuell besonderen Bedürfnisse sehen und an ihren Stärken anknüpfen um möglichst passgenaue Förderung für jedes Kind anzubieten.

Margarete Haag: Wir passen uns den individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen der Kinder immer neu an und arbeiten viel im Pionierbereich. So war zum Beispiel ein weiterer Schulversuch die sonderpädagogische Diagnose- und Förderklasse 1984. Seitdem haben Eltern, aber auch Schulen, die Möglichkeit zu sagen, wir möchten das Kind beim Schuleintritt unterstützen, auch wenn noch nicht ganz klar ist, wo das eigentliche Problem liegt. Vorher gab es nur die Möglichkeit zurückzustellen, einzuschulen oder die entsprechende Klasse zu wiederholen. In den Förderklassen gibt es die Möglichkeit den Stoff der ersten beiden Grundschulklassen innerhalb von drei Jahren in kleineren Klassen zu erlernen. Dieses Modell schafft Zeit für die individuelle Unterstützung der Kinder. Die Schullaufbahnentscheidung bleibt dabei bis hin zu Realschule und Gymnasium offen. Auch das Modell der Förderklassen war ein Sprung ins kalte Wasser, der sich sehr bewährt hat. 


Frage: Seit wann heißt die Schule sonderpädagogisches Förderzentrum? Und warum?

Margarte Haag: In den 50 Jahren hat die Schule drei Namensänderungen erfahren. Seit 1989 heißt sie Sonderpädagogisches Förderzentrum St. Laurentius. Am Namen lässt sich auch die fachliche Diskussion rund um das Thema „Sonderschule“ nachvollziehen. Vor der letzten Namensänderung hat sich das Bewusstsein dafür geschärft, dass Etiketten wie die Trennung von Sprach- und Lernbehinderung in der Praxis nicht haltbar sind. Beide Themen hängen ganz eng zusammen. Häufig ist auch die emotional soziale Entwicklung stark von den Lernerfahrungen geprägt, die ein Kind mitbringt.


Frage: Wie erleben Sie persönlich Ihren Beruf, was macht Spaß, was ist herausfordernd? 

Margarete Haag: Sich immer wieder auf Neues einzulassen. Sich zu fragen, was brauchen die Kinder, welche Unterstützung benötigen die Familien. Das macht es sehr abwechslungsreich, sehr herausfordernd und damit sehr erfüllend. Langeweile ist hier das Letzte was uns passiert. Das ist manchmal auch die Last, wenn man merkt die Probleme und Baustellen werden zu viele und zu groß – nicht immer können wir eine befriedigende Lösung bieten.

Aber dann macht es wieder Freude zu sehen, wie die Kinder aufblühen. Wenn sich Kinder nach 14 Tagen Schnupperunterricht wohlfühlen und die Eltern sagen, wir haben ein anderes Kind, der Stress ist weg, es kommt gelöst nach Hause. Es macht glücklich, den Kindern einen guten Platz zu schaffen, sodass auch Familien entlastet sind.

Uli Harms: Ich könnte mir keinen spannenderen Job vorstellen. Hier im Haus herrscht durch die Menschen und ihre Einstellung zu unserer Arbeit eine Atmosphäre, die letztendlich die Grundsäulen der Sonderpädagogik verkörpert: Wertschätzung der Menschen und fachliche Professionalität. Das ist es gerade, warum hier das Arbeiten Spaß macht. Und wenn mir im Büro alles bis zum Kopf steht, brauche ich nur einmal durchs Gebäude und wieder zurück zu gehen. Dabei sehe ich dann so viel Positives und bekomme mit, dass wir den Kindern wirklich nachhaltig helfen können… dann geht der Tag gut weiter.


Frage: Das Förderzentrum ist Teil der Diakonie Neuendettelsau, wie macht sich der christliche Glaube bemerkbar?

Uli Harms:Durch den wertschätzenden Umgang des Kollegiums und insbesondere der Schüler untereinander, die Hilfsbereitschaft, unabhängig von Religionszugehörigkeit, Alter und Geschlecht. Auf welche Art und Weise Fremde durch die Kinder begrüßt werden, wie neue Schüler von anderen, wildfremden Kindern zu ihren Klassen gebracht werden, ohne dass irgendein Erwachsener beteiligt ist. Das sind so kleine Momentaufnahmen aus dem Alltag.

Ein neuer Schüler in der Oberstufe meinte einmal nach 3 Wochen der Lehrkraft gegenüber, dass er es hier gar nicht aushielte. Er „packt nicht“, wie freundlich mit ihm auch innerhalb der Klasse gesprochen wird. Das war für ihn die größte Herausforderung, zu erkennen und zu akzeptieren, dass man wirklich höflich und wertschätzend miteinander umgeht und es keine aufgesetzte Freundlichkeit ist. 


Margarete Haag: Zur Einweihung des Verwaltungstraktes haben wir folgenden Spruch aus dem 127. Psalm gewählt: 

Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.

Daran hängt viel mehr als nur Vermittlung von Unterrichtsstoff. Schüler sind nicht nur Schüler, sondern Persönlichkeiten, die ein ganzes Leben mitbringen. Neben Rechnen und Schreiben gehört bei uns eine ganze Menge Erlebnispädagogik zu unserem Förderzentrum, weil das den Kindern einfach gut tut.


Frage: Wie feiern Sie das Jubiläum?

Uli Harms: Wir haben schon im Juni, am Ende des letzten Schuljahres gefeiert: In zwei Teilen, einmal für offiziell geladene Gäste, also ehemalige Mitarbeiter, Kooperationspartner, wichtige Partner aus Politik und Bildungslandschaft. Das zweite Mal mit der Schulfamilie am Samstag zum großen Sommerfest, dem Tag für die Kinder und ihre Familien. Jetzt konzentrieren wir uns ganz auf den Start des 51. Schuljahres und die Erstklässler sowie allen anderen, die uns neu anvertraut wurden bzw. zum neuen Schuljahr zurückkommen.

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