Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit euch allen. Amen

Liebe Gemeinde,

in der Predigtreihe, die uns in diesem Kirchenjahr beschäftigt, finden wir vor allem Abschnitte aus Briefen mit vielen abstrakten Gedankengängen, die unserem Verständnis einiges abverlangen. Das ist heute ganz anders! Heute befinden wir uns inmitten einer äußerst spannenden Geschichte. Sie beginnt mit einem schlimmen Streit zwischen Paulus und seinem Mitarbeiter Barnabas, der damit endet, dass beide einander die Zusammenarbeit aufkündigen und sich jeweils einen anderen Reisepartner suchen. Von nun an reist Paulus zusammen mit Silas weiter. Der Streit mit Barnabas hat wohl seine Spuren hinterlassen, denn ganz gegen seine sonstigen Gepflogenheiten nimmt Paulus mehr Rücksicht als sonst auf die Empfindlichkeiten seiner jüdischen Geschwister. Die ehemalige Heidin und erste europäische Christin, Lydia, muss deshalb auch einiges an Überzeugungsarbeit leisten, damit Paulus in ihrem Haus eingekehrt. In den folgenden Tagen, wenn Paulus und Silas zum Gebetsplatz am Fluss gehen, um dort zu beten, folgt ihnen eine Frau, die jedes Mal schreit: „Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen!“

Alles, was wir von dieser Frau erfahren, ist, dass sie als spiritistisches Medium für einen Geschäftsmann arbeitet, der durch sie eine Menge Geld verdient. Von Paulus heißt es: „Zum Schluss war Paulus so aufgebracht, dass er sich umdrehte und im Namen Jesu dafür sorgte, dass die spiritistischen Fähigkeiten der Frau versiegten. Dies wiederum verbitterte ihren Arbeitgeber, dem nun eine Menge Geld entging, weshalb er Paulus anzeigte: wegen anti-römischer Umtriebe.

So wurden Paulus und Silas ohne Verhör entkleidet, schwer geschlagen und anschließend in den Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses geworfen. Der Kerkermeister hatte mit seinem Leben dafür zu bürgen, dass die zwei nicht entkommen.

Da, an dieser Stelle setzt unser heutiger Predigtabschnitt ein. Ich lese aus der Apostelgeschichte im 16. Kapitel:

23 Nachdem man Paulus und Silas viele Schläge verabreicht hatte, wurden beide ins Gefängnis geworfen. Dem Gefängniswärter wurde eingeschärft, sie besonders gut zu bewachen. 24 Befehlsmäßig brachte er sie in die hinterste Zelle und schloss ihre Füße in den Holzblock. 25 Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder. Die anderen Gefangenen hörten ihnen zu.

26 Plötzlich gab es ein starkes Erdbeben, das die Fundamente des Gefängnisses erschütterte. Da sprangen alle Türen auf, und die Ketten fielen von den Gefangenen ab. 27 Der Gefängniswärter wurde aus dem Schlaf gerissen. Als er sah, dass die Gefängnistüren offen standen, zog er sein Schwert und wollte sich töten. Denn er dachte: Die Gefangenen sind entflohen. 28 Aber Paulus schrie laut: „Tu dir nichts an! Wir sind alle noch hier.“ 29 Der Wärter rief nach Licht. Er stürzte in die Zelle und warf sich zitternd vor Paulus und Silas nieder.

30 Dann führte er sie hinaus und fragte: „Ihr Herren, was muss ich tun, damit ich gerettet werde?“ 31 Sie antworteten: „Glaube an den Herrn Jesus, dann wirst du gerettet und mit dir alle in deinem Haus.“ 32 Und sie verkündeten ihm und allen anderen in seinem Haus das Wort des Herrn. 33 Noch in derselben Nachtstunde nahm der Wärter Paulus und Silas zu sich. Er wusch ihnen die Wunden aus. Dann ließ er sich umgehend taufen, und mit ihm alle, die in seinem Hause lebten. 34 Anschließend führte er beide in sein Haus hinauf und lud sie zum Essen ein. Die ganze Hausgemeinschaft freute sich, dass sie zum Glauben an Gott gefunden hatte.

Liebe Gemeinde, eigentlich ist das eine ziemlich verrückte Geschichte. Da wird Paulus, der ein römischer Bürger ist, seiner verbrieften Rechte beraubt und stattdessen zusammen mit seinem Gefährten blutig geschlagen und anschließend ohne medizinisch behandelt zu werden im Hochsicherheitstrakt in Eisen gelegt. Den beiden muss der gesamte Körper “höllisch" weh getan habe. Es wird extra betont, dass es viele Schläge waren, die alle zu Platzwunden geführt haben.

War das Gottes Antwort auf ihren aufopferungsvollen Dienst?

Ganz ehrlich: Ich hatte schon etliche schmerzhafte Verletzungen und Wunden – aber da habe ich nie, kein einziges Mal, Loblieder auf Gott gesungen. Da wollte ich nur eines: meine Ruhe! Ich habe bisher auch noch keinen Menschen getroffen, der trotz großer körperlicher Schmerzen Gott Loblieder gesungen hat.

Da kommt heute also Ungewöhnliches zusammen: Ein Sonntag namens Kantate, an dem wir dazu aufgefordert werden unser Gotteslob zu singen; ein Bibeltext, der uns Menschen vor Augen führt, die trotz ungerechter Misshandlungen infolge eines "Justizirrtums" unter großen Schmerzen Gott Loblieder singen. Und das sollen wir mit unserem Leben verbinden, in dem schon viel geringere Probleme ausreichen, um unser Lob und erst recht unseren Lobgesang im Keim zu ersticken.

Was hatten Paulus und Silas, das uns fehlt?

Zum Glück erzählt Paulus in seinen Briefen manchmal etwas von sich, so dass wir einiges von ihm wissen. Dieses "Wissen" brauchen wir heute, um verstehen zu können, weshalb er in solch einer schmerzhaften Lage Gottes Lob singen kann.

Erstens:

Er ist weit über das “verkürzte“ Evangelium hinausgekommen, das uns oft gepredigt wird und das – leider – in manchen Kirchen als Kern der biblischen Botschaft verkündigt wird. Aber irgendwie glauben doch die meisten von uns, dass wir als Glaubende von Gott durch besonderen Schutz "belohnt" werden sollten: vor Krankheit, vor Schmerzen, vor Unrecht, vor Willkür, vor der Bosheit anderer usw.

Was soll ein Glaube, der mich nicht besser dastehen lässt als Nichtgläubige? Vor allem, wenn ich an einen „allmächtigen und liebenden Gott“ glaube! Der müsste doch wohl in der Lage sein, mich zu beschützen!

Paulus ist da viel weiter. Er lebt in einer Welt, in der Leid und Schmerz, Unrecht und Gewalt überall präsent sind. Für ihn geht es nicht darum, jemanden zu finden, der ihn auf wundersame Weise davon befreit. Es geht ihm darum, dass er darin nicht allein ist; dass Gott ihm nahe ist, ihm Kraft gibt, ihn trägt und hält in allem, was sein Leben oft so beschwerlich, ja qualvoll macht.

Ihm geht es darum, ganz innig zutiefst mit diesem liebenden Gott verbunden zu sein. Darum antwortete er auf die Frage des Gefängniswärters, was er tun müsse, um aus all dem menschlichen Elend gerettet zu werden: Glaube an Jesus Christus als der allerwichtigsten Macht. Denn Jesus selbst steht für die Nähe und Liebe Gottes, für seine Barmherzigkeit und für die Annahme von allem, was verloren ist.

In seinem bekanntesten Loblied - wir haben es als Lesung gehört - besingt Paulus seine tiefste innerste Überzeugung, dass nichts auf dieser Welt und von jenseits dieser Welt uns von Gottes Liebe trennen kann.

Der Mann, der dies bekennt, hat Folter, Steinigung, Schiffbruch und vieles andere erdulden müssen. Ihm waren andere Gläubige in den Rücken gefallen, hatten versucht, seinen Ruf zu zerstören und die von ihm gegründeten Gemeinden auf ihre Seite zu ziehen.

Die meisten Menschen, die ich kenne, wäre darüber zu verbitterten Zweiflern geworden. Ich weiß nicht, ob ich nicht auch dazu gehören würde. Lobgesänge in der Nacht, obwohl ich misshandelt im Gefängnis liege, traue ich mir selbst nicht unbedingt zu. Paulus aber singt mitten in der Nacht, also ausgerechnet in den Stunden, in denen wir am wehrlostesten und empfindsamsten sind.

Zweitens:

Sein Glaube spielt sich nicht im Äußerlichen und damit im Kopf ab sondern durchdringt sein ganzes Wesen. Er bekennt nicht einfach einen Gott, der (auch) Liebe ist, sondern er lebt als würde diese Liebe und Geborgenheit ihn wie eine schützende Hülle umfangen und dabei auch sein Innerstes durchdringen und verwandeln.

Was nehmen schwer erkrankte Menschen nicht alles an schmerzhaften Behandlungen in Kauf, um wieder gesund zu werden! Was aber, wenn wir mit viel mehr verbunden sein können! Nämlich mit der Hoffnung, die uns durch und durch erfüllen und zur inneren Gewissheit werden kann: dass Gott in unendlicher Liebe mit uns verbunden ist. Ich habe vor kurzem das Buch eines Neurologen gelesen

Der Mann hat aufgrund einer Meningitis eine Woche lang im Koma gelegen. Nach ärztlichem Ermessen konnte er, wenn überhaupt, nur noch als Schwerstbehinderten aufwachen. Doch er erwachte und gesundete schnell vollkommen. Er erzählt, dass er in den Tagen im Koma eine Gottesbegegnung gehabt habe. Er schreibt: „Eine Sache habe ich begriffen, die einzige Sache, auf die es in letzter Konsequenz wirklich ankommt: Du wirst geliebt und geschätzt. Du hast nichts zu befürchten. Du kannst nichts falsch machen.“

Drittens:

im Gesangbuch finden wir unter dem Lied 290 einen Text von Andrea Schwarz: „Vögel singen in einer Welt, die krank, lieblos, ungerecht ist. Vielleicht haben sie recht?“

Paulus drückt das in seinem Lob auf Gottes unendliche Liebe so aus: „In alldem überwinden wir weit durch den, der uns liebt.“ (Rm.8,37) Diese Überzeugung ist keine, die von selbst kommt, sich sozusagen als Automatismus bei jedem Gläubigen einfach so einstellt. Obwohl Gott sie uns schenken will, müssen wir uns diese doch auch aneignen. Paulus spricht davon, dass wir ALLES überwinden können. Von Überwindung sprechen wir jedoch nur, wenn etwas mit viel Kraft und Energie verbunden ist. In einer Welt und einem Leben, in dem alles gut und rund läuft, an Gott zu glauben, vor allem an einen liebenden Gott zu glauben, das ist nichts Besonderes. Aber wenn uns fast alles, oder sogar alles genommen wird, woran wir hängen und was wir lieben, dann ist dies ungleich schwerer. Gerade dann brauchen wir doch den Zugang zu der Quelle, die uns tröstet und neue Kraft und frischen Halt gibt. Diesen Zugang erhalten wir, wenn wir uns täglich tief und innig mit Gott verbinden.

Vögel singen in einer Welt, die krank, lieblos und ungerecht ist. Und ja, Sie haben recht! Indem sie tief und innig mit Gott verbundenen sind, haben sie recht! Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alles, was unsere Vernunft denken und sagen kann, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Pfarrerin Karin Lefèvre, St. Laurentius Neuendettelsau

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