Predigt über Philipper 2, 1-4 (Reihe IV)

7. Sonntag nach Trinitatis, 15.07.2018, St. Laurentius

Pfarrer Peter Schwarz

Liebe Gemeinde,

es wird eine Gemeinde angeredet, in der offenbar alles zum Besten steht: Ermutigung im Glauben an Christus gibt es da, Trost in der Liebe, Gemeinschaft des Geistes, und nicht zuletzt herzliche Liebe und Barmherzigkeit.

Besser kann es eigentlich nicht sein. Menschen machen sich gegenseitig Mut, den Weg des Glaubens weiterzugehen, sie nehmen einander in den Arm, wenn sie spüren, dass der andere niedergeschlagen ist, sie wissen sich verbunden miteinander und mit dem auferstandenen Christus, weil sie die Kraft seines Geistes erfahren. Sie leben in herzlicher Liebe und Barmherzigkeit.

So wünschen wir es uns heute und denken mit einer gewissen Wehmut zurück an die Gemeinde in Philippi, wo am Strand des Mittelmeeres die Christusbotschaft den europäischen Kontinent zuerst erreicht hat und Paulus die erste Gemeinde auf europäischem Boden gründet.

Mag sei, dass diese Wehmut daher rührt, dass bei uns Erinnerungen aufsteigen an die Zeiten der ersten Begeisterung, in einer Jugendgruppe vielleicht oder in einer Gruppe, wo wir uns aufgehoben und getragen wussten und Geborgenheit und Sicherheit erfahren haben.

Doch das Feuer des Anfangs ist irgendwann herunter gebrannt, die Begeisterung hat nachgelassen und ist der Ernüchterung gewichen. So mag sich das Hochgefühl des Anfangs nicht mehr so recht einstellen, hier und jetzt. Woran liegt’s? Daran, dass andere nicht mehr da sind, die mit mir begeistert waren, die mir Mut gemacht und mich auch mal in den Arm genommen haben?

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Diese Worte von Hermann Hesse passen auch zu der Sehnsucht nach einer Gemeinde, die Geborgenheit schenkt und Sicherheit gibt. Der Zauber der ersten Liebe, die auf Christus gründet und durch ihn immer wieder erneuert wird. Er wird noch einmal beim Namen genannt und sozusagen wachgerufen: „Bei euch gibt es doch Ermahnung in Christus, Trost der Liebe, Gemeinschaft des Geistes, da sind doch herzliche Liebe und Barmherzigkeit.“

Aber so wird Gemeinde und Kirche offensichtlich eben nicht erlebt, zumindest nicht durchgängig und immer. Wo vom Zauber des Anfangs geträumt wird, da ist offensichtlich in der Gegenwart manches nicht im Lot. Wenn die heile Welt in der Vergangenheit liegt und die bergende und Sicherheit gebende Gemeinschaft bloße Sehnsucht bleiben muss, sind wir noch nicht am Ziel.

Das gilt für die christliche Kirche und ihre Gemeinden, aber auch jede andere Gemeinschaft unter Menschen: Nie ist sie fertig, nie ist sie am Ziel. Am Anfang ist Gemeinschaft von Menschen ein zauberhaftes Geschenk, auf dem weiteren Weg wird sie zur Aufgabe, immer aber ist sie ein Ziel, das vor uns liegt. Gemeinschaft, die Sicherheit und Geborgenheit schenkt, ist am Anfang Geschenk und Gabe Gottes und wird dann zur Aufgabe und zum Ziel.

Und dies gilt nicht nur am Ufer des Mittelmeeres, wo die Menschen ankommen mit ihren lebensgefährlichen Booten und ihrer übergroßen Hoffnung, sondern das gilt in ganz Europa.

Gemeinschaft ist die Aufgabe, das Ziel. Denn diese Gemeinschaft ist bedroht von vielen Seiten, das spüren wir manchmal in der Gemeinde und wir spüren es ganz sicher und ganz deutlich in Europa. Ich erspare uns, die Einzelheiten zu nennen und frage stattdessen: Gibt es ein Rezept, das uns heute hilft, Gemeinschaft zu erneuern, zu bewahren und zu schützen?

In diesen Versen aus dem 2. Kapitel des Philipperbriefes finde ich drei hilfreiche Gedanken. Die neue Luther-Übersetzung gibt sie mit altertümlichen Begriffen wieder:

Einträchtigkeit – Einmütigkeit - Demut.

Einträchtigkeit und Einmütigkeit und Demut. Schade, dass so lebenswichtige Dinge in einer so verstaubten Sprache versteckt sind. In der neuen reformierten Übersetzung der Heiligen Schrift lesen wir:

„Lasst nicht zu, dass euch etwas gegeneinander aufbringt, begegnet allen mit der gleichen Liebe und richtet euch ganz auf das gemeinsame Ziel aus. (...) zuletzt sollt ihr demütig genug sein, von euren Geschwistern höher zu denken als von euch selbst.“ (Neue Genfer Übersetzung)

Die drei Worte „Einträchtigkeit“ und „Einmütigkeit“ und „Demut“ werden mit einem Mal verständlicher: „Richtet euch ganz auf das gemeinsame Ziel aus“. Das genau ist Einträchtigkeit. Wir trachten danach, das Ziel zu erreichen. Menschen wagen Vertrauen, verzichten darauf, neue Grenzen hochzuziehen. Sie suchen Gemeinschaft, indem sie Gemeinschaft schenken und auf Grenzen verzichten. Dazu gehört Mut, ganz gleich ob es sich um innerkirchliche und innergemeindliche Grenzen handelt, um Ausschluss vom gemeinsamen Abendmahl, um Diskriminierung oder um Grenzen aus Stacheldraht. Dazu gehört Mut. Es ist der Mut von Christus, der Mut, der ihn, der Gottes Gestalt war, zu unserem Bruder werden ließ.

Sodann Einmütigkeit: „Lasst nicht zu, dass euch etwas gegeneinander aufbringt.“ Es geht um nichts Geringeres als um den Widerstand gegen alles, was Menschen gegeneinander aufbringt oder gegeneinander ausspielt. Das können Vorurteile sein oder auch nur gedankenlose Äußerungen über „die Polen“, „die Flüchtlinge“, „die da oben“. Lasst nicht zu, dass euch etwas gegeneinander aufbringt. Heute würde der Apostel wohl schreiben: Lasst euch nicht verführen von Parolen, die bloß Stimmung machen und hinter denen keine Wahrheit steckt. Einmütigkeit – keine Frage: auch dazu gehört Mut. Es ist der Mut, den wir an Jesus Christus sehen, wenn er zu seinem Mahl die Frommen und Zweifler lädt, die Gerechten und die Sünder.

Und schließlich die Demut: „Zuletzt sollt ihr demütig genug sein, von euren Geschwistern höher zu denken als von euch selbst“. Hier wird’s vielleicht besonders schwierig: Es könnte ja darauf hinauslaufen, dass der Demütige immer das Nachsehen und den Nachteil hat. Im Wort „Demut“ steckt „Mut“. In der Tat gehört großer Mut dazu, aufs Rechthaben zu verzichten. Es ist der Mut, der Christus ans Kreuz gebracht hat – aber in der Auferstehung siegt dieser Mut.

Ein Leben in Demut, Einträchtigkeit und Einmütigkeit ist ein Wagnis. Und Gemeinschaft ist ein Wagnis. Wir Christen, das sagt Paulus uns und den Philippern, wir sind dieses Wagnis schon eingegangen, weil uns Christus einlädt. Er lädt uns ein an seinen Tisch, er kommt, holt uns ab, hier und heute, mit unserer Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit, und er führt uns weiter auf dem Weg zum Ziel, zur endgültigen und unzerstörbaren Gemeinschaft mit Gott und miteinander.

Solche Gemeinschaft ist möglich– weil Christus sie möglich macht.

Amen.

Pfr. Peter Schwarz, St. Laurentius, Neuendettelsau

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