22. Sonntag nach Trinitatis - 28.10.2018 - St. Laurentius - Pfarrerin Karin Lefèvre

Der Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom ist ein besonderer Brief. Damit meine ich jetzt nicht, dass es schwer ist, ihn zu verstehen,was aber auch stimmt, sondern dieser Brief ist besonders, weil die Gründe, aus denen Paulus ihn geschrieben hat, anders sind als sonst.

Normalerweise schreibt Paulus an Menschen in Gemeinden, die er selbst gegründet hat. Doch die christliche Gemeinde in Rom entstand nicht aufgrund seiner Missionstätigkeit. Da hatten andere gewirkt. Doch er braucht diese Gemeinde als Sprungbrett, weil er von hier aus seine Missionstätigkeit in Spanien vorbereiten will. Ehe es soweit ist, hat Paulus ein großes Problem zu bewältigen: Er muss zuvor die bei Heidenchristen eingesammelte Kollekte nach Jerusalem bringen, also in eine Gemeinde, die aus christusgläubigen Juden besteht. Da befürchtet Paulus, dass seine Kollekte abgewiesen werden könnte. Denn anders als bei uns hatte man damals viel mehr Skrupel in Bezug auf die Herkunft von Geld als bei der Weitergabe. Deshalb bittet Paulus die Gemeinde in Rom, dieses Problem zu ihrem Gebetsanliegen zu machen. Außerdem hofft er, dass es nach erfolgreichem Abschluss in Jerusalem zwischen ihm und der römischen Gemeinde zu gegenseitigem geistlichen Austausch und Unterstützung kommt.

Und hier unser heutiger Ausschnitt aus diesem Brief. Röm. 7,14 - 8,1

14 Wir wissen ja, das Gesetz ist vom Geist Gottes bestimmt. Ich dagegen bin als Mensch ganz von meiner irdischen Gesinnung bestimmt. Ich bin mit Haut und Haaren an die Sünde verkauft. 15 Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will, sondern ich tue das, was ich verabscheue. 16 Wenn ich aber das tue, was ich eigentlich nicht will, dann beweist das: Ich stimme dem Gesetz innerlich zu und erkenne an, dass es Recht hat. 17 Aber dann bin nicht mehr ich es, der so handelt. Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt. 18 Ich weiß, in mir – das heißt in meinem irdischen Leib – wohnt nichts Gutes. Der Wille zum Guten ist zwar in mir durchaus vorhanden, aber nicht die Fähigkeit dazu. 19 Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute. Sondern das Böse, das ich nicht tun will, das tue ich. 20 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich der Handelnde. Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt. 21 Ich entdecke also in mir folgende Gesetzmäßigkeit: Obwohl ich das Gute will, bringe ich nur Böses zustande. 22 Meiner innersten Überzeugung nach stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freuden zu. 23 Aber in meinen Gliedern nehme ich ein anderes Gesetz wahr. Es liegt im Streit mit dem Gesetz, dem ich in meinem Verstand zustimme. Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt. 24 Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Wer wird mich davor bewahren? 25 Dank sei Gott! Er hat es getan durch Jesus Christus, unseren Herrn! 81 Es gibt also kein Strafgericht mehr für die, die zu Jesus Christus gehören.

Liebe Gemeinde, was ist hängen geblieben von den dichten Gedankengängen des Paulus?

Wahrscheinlich die Aussage, mit der ich in den Gottesdienst eingeführt habe: An guten Gedanken und Vorsätzen fehlt es mir nicht, bloß mit der Umsetzung hapert es. Das Gute, das ich tun will, tue ich nicht, aber vieles, was ich eigentlich nicht tun will, weil ich weiß, dass es falsch ist, das tue ich.

Zu welcher Erkenntnis und zu welcher Lösung findet Paulus?

Es ist erstaunlich, dass Paulus mit keinem einzigen Wort behauptet, dass wir nur die richtige Strategie finden müssen; kein Wort darüber, dass wir uns mehr anstrengen sollten; und keine Drohung nach dem Motto: Also, wenn das nicht bald besser wird, dann wird Gott ganz schön böse werden und sich eine entsprechende Strafe überlegen, die euch auf die richtige Spur bringt.

Weder redet Paulus uns ernsthaft ins Gewissen, noch macht er uns Schuldgefühle. Dass wir die oft genug haben, ohne dass dies irgendetwas bewirkt, das weiß er sowieso.

NEIN, Paulus tut etwas gänzlich Unerwartetes: Er gibt unserer Seele einen weiten Horizont und stellt sie in den frischen Wind des Geistes.

Und das, obwohl er erschrocken darüber ist, dass manche Gemeindeglieder seine Worte schlimm missverstanden und umgedeutet hatten nach dem Motto: Wenn Gott aus all dem Falschen am Ende noch Gutes macht, wenn Gott auf unseren krummen Zeilen gerade schreibt, dann lasst uns fröhlich richtig krumme Sachen anstellen. Je größer der Mist, desto größer auch Gottes gutes Wirken.

Dem hat Paulus heftig widersprochen und dann klar gemacht, dass wir unterscheiden müssen zwischen den großen übergeordneten Themen des Glaubens und dem, was dies in unserem kleinen menschlichen Alltag bedeutet.

Ja, es ist ein enorm wichtiger Gedanke, dass Gott auf unseren krummen Zeilen gerade schreiben kann. Und es ist eine wunderbare Erkenntnis, dass Gottes unerschöpfliche Gnade immer größer ist als unsere Sünde. Aber wehe euch, schreibt Paulus, wenn ihr dieses Denkmuster so auf euer kleines persönliches Leben bezieht, um einen Freibrief für euren Egoismus und unersättliche Gier zu bekommen.

Paulus geht es im Römerbrief um die geheimnisvollen Wege, auf denen Gott im Kosmos und in der Geschichte wirkt. Deshalb hat er auch in den ersten Kapiteln die Unordnung und das Chaos beschrieben, in dem sich die Welt befindet. Und wir können diese Liste ohne Probleme ergänzen mit dem, was wir da aktuell erleben müssen.

Doch dann erinnert Paulus die Gemeinde in Rom – und auch uns – daran, dass Gott in dieses zum Himmel schreiende Chaos, in all die Gewalt und Ungerechtigkeit hinein, gekommen ist; dass Gott und seine göttliche Gerechtigkeit die Gewaltigen vom Thron stürzen und die Niedrigen aufrichten wird. Paulus schreibt, dass diese Gerechtigkeit schon gekommen ist:

1. durch den Glauben an Jesus.

2. durch den Glauben, den Jesus vorgelebt hat.

3. durch den Glauben, der irgendwie Jesus selbst ist.

Und dieser Glaube ist allen Menschen, ohne Unterschied zugänglich. Alle leben wir in einer gefallenen Welt voller Chaos, Ungerechtigkeit, Tränen und Leid. Und keiner von uns vermag etwas daran zu ändern. Kriege, Bürgerkriege, Ausbeutung, Misshandlungen, Missbrauch und Gewalt sind in den "christlichen" Ländern nicht weniger als anderswo. Ja, das finden wir sogar in unseren Gemeinden. Sollten wir da nicht etwas anderes, Besseres erwarten? Das wünschen wir uns, das hätten wir gerne.

Paulus sagt auch in diese unsere Gedanken hinein: Ich handle nicht so, wie ich es eigentlich möchte. Die schlechten Dinge, die ich nicht tun will, tue ich, und die guten Dinge, die ich tun möchte, tue ich nicht. Elender Mensch, der ich bin, wer wird mich befreien?

Diese Worte können viele Menschen zitieren. Doch wir bedenken zu wenig, was Paulus daraus macht. Da sehen wir nicht wirklich genau hin! Denn er stellt zunächst etwas fest, was wir gerne überlesen, nämlich, dass wir wissen, was zu tun ist. Weiter schreibt er: Ich stimme dem zu, ja, ich habe sogar meine Freude daran. Ich mit meinem wahren Ich, ich mit meinem innersten Wesenskern, der mit Gott verbunden ist, diene all den guten, lebensfördernden Anweisungen Gottes!

Dann erst geht er einen Schritt weiter und schreibt: Wenn ich die Dinge tue, die ich nicht tun will, dann bin nicht ich es, der sie tut.

Der tiefere Grund dafür ist eine große Tragödie, nämlich, dass die dreckige Sünde sich in das System eingeschlichen hat.

Merken wir etwas? Paulus argumentiert eben gerade nicht, wie wir meist gerade auch aus besonders christlichen Kreisen hören, mit Schuld und Schuldgefühlen. Sondern er schreibt:

Lasst uns diese dreckige, tragische Realität beschuldigen – die Sünde!

Doch wenn Paulus von Sünde redet, dann spricht er von etwas ganz anderem als wir es in unserem Sprachgebrauch tun. Sünde ist für Paulus nicht einfach nur die Summe aller kleinen und großen Verfehlungen. Sünde ist für Paulus eine kosmische Macht. Doch eine kosmische Macht kann ich als Mensch mit meiner kleinen menschlichen Macht nicht überwinden. Das kann nur Gott selbst. Und das hat er getan, indem er in Jesus selbst Mensch geworden und dafür sogar gestorben und auferstanden ist. So hat Gott diese kosmische Macht überwunden und mein Dasein in einen neuen Machtbereich gestellt, nämlich den Machtbereich des Lebens und der Liebe. Diesen Gedanken wird Paulus dann im ganzen folgenden Kapitel 8 entfalten!

Doch was zunächst für uns zählen soll, ist ein großes Aufatmen. Denn wir werden nicht in noch größere Anstrengungen hinein getrieben, sondern wir werden entlastet! Paulus versichert uns, dass diese kosmische Macht, die hinter allem menschlichen Versagen steht und die so viel Leid im Kleinen und im Großen verursacht, von Gott selbst besiegt wurde und uns nichts mehr antun kann. Wir sind befreite Kinder Gottes. Wir können den Kopf heben und kühn und fröhlich in die Zukunft gehen.

Wir werden noch manches gut und richtig machen; wir werden uns weiter für unsere Welt und alles Leben darauf einsetzen. Und wir werden dennoch viel Falsches tun, das uns, anderen und der Welt schadet. Das Erstere soll uns nicht überheblich machen und das Letztere nicht in Verzweiflung stürzen. Auf die Frage "Wer wird mich bewahren? " können wir mit Paulus antworten: "Dank sei Gott! ER hat es getan durch Jesus Christus, unseren Herrn!"

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist, als alles, was unsere Vernunft denken und sagen kann, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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