Predigt über Römer 12, 9-16, 2. Sonntag nach Trinitatis, 20.01.2019, 9.30 Uhr, St. Laurentius, Neuendettelsau, Pfr. Dr. Peter Munzert

Römer 12, 9-16

9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.

10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.

14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht.

15 Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.

16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Liebe Gemeinde!

Haben Sie mitgezählt? Das ist eine ganze Menge, was Paulus da von den Römer verlangt. 21 Aufforderungen sind es, die der heutige Predigttext enthält.

Wenn der Ton auch freundlich ist, sind es doch 21 kleine Imperative, die uns vorgeben, wie wir unser Leben gestalten sollen.

Als Sie den Worten des Paulus zugehört haben, was ist Ihnen Sie da durch den Kopf gegangen? Vielleicht haben Sie sich gedacht: „Das ist zu viel. Das erschöpft mich. Wer kann schon 21 Gebote halten? 21 Gebote, die es ja auch noch in sich haben.“ Schließlich geht es hier ja um mehr als: „Geh nicht bei Rot über die Ampel!“, sondern Paulus stellt hier grundlegende Anforderungen an seine GlaubensgenossInnen in Rom. Nicht nur kleine Ratschläge, an die man sich halten kann, aber nicht muss.

Sie haben vielleicht gedacht: „Muss das sein? - Mein Alltag unter der Woche ist doch sowieso schon so anstrengend. Die Vorgaben, an denen ich mich messen muss, sind hart genug. Und jetzt dasselbe auch noch am Sonntag im Gottesdienst?“

Aber das ist noch nicht alles. Der Brief des Paulus enthält neben den vielen Aufforderungen auch noch einen gewissen moralischen Zug: So schreibt er nur ein paar Sätze weiter vorne in seinem Brief an die Römer: „Seid besser als die Welt! Stellt Euch nicht dieser Welt gleich!“ Deshalb fragt sich vielleicht der eine oder die andere „Wo bleibt hier das Evangelium? Geht es nicht darum, dass wir uns im Gottesdienst immer wieder daran erinnern und uns vergewissern, dass Gott uns liebt - und zwar bedingungslos?“

„Ja“, würde uns Paulus ziemlich sicher antworten. „So gut müsstet ihr mich doch kennen.“ - Dass Gott uns liebt, das ist das Grundfundament. Das ist unantastbar und gleichzeitig völlig unverdient. Das hat Gott allein beschlossen, dass das so ist, dass uns sein Herz gehört.

Aber wenn ihr das verstanden habt, dann muss das doch etwas mit euch machen. Das muss doch euer Leben ändern!

Paulus stellt Anforderungen an seine MitchristInnen. Er stellt Regeln auf. Er sagt ihnen, dass man an ihrem Verhalten erkennen soll, dass sie zu Christus gehören und dass sie ihm nachfolgen.

Auch dieser Anspruch an unser Leben hat sein Recht. Die guten Werke gehören zum evangelischen Glauben. Mit ihnen soll die Welt verändert und der Wille Gottes in der Welt ausgesät werden

Wir neigen dazu, vor allem die Ausrufezeichen des Paulus zu hören: „Tu das! Verhalte dich so!“ Wir nehmen in erster Linie den Befehlsgehalt, der in den Aussagen steckt, wahr. Aber eigentlich will er uns Ratschläge geben, indem er uns sagt: „Schau mal: So kannst du Gottes Liebe in der Welt sichtbar machen!“

Wenn einem dies klar wird, werden aus den Ausrufezeichen Schätze. Schätze, die es lohnen, sie in die Hand zu nehmen, sie Stück um Stück für einen Augenblick zu betrachten, um zu sehen, was sie freigeben.

Ich habe den Schatzkorb des Paulus mitgebracht, damit wir gemeinsam entdecken können, wozu uns Paulus ermutigen möchte:

Es geht nicht darum, von „oben herab“ den moralischen Zeigefinger zu erheben und das „richtige Verhalten“ zu predigen. Stattdessen soll uns gemeinsam klar werden, wie ein Leben aus Gottes Liebe aussieht. Denn unser Leben mit Gott hat seine besonderen Regeln:

· Die Liebe sei ohne Falsch

Liebe ist etwas Wunderbares, Schönes. Sie ist eine starke Flamme des Herzens. Sie ist voller Energie. Versucht sie nicht zu halten und festzuhalten, sondern vertraut darauf, dass die Liebe euch hält.

Kraft und Grund für unsere Liebe ist die Liebe Gottes. Leider ist der Begriff der Liebe ziemlich abgegriffen und wird gerne auch ausgenutzt. Damit unsere Liebe wirklich aus dem Herzen kommen und damit „ohne Falsch“ sein kann, muss sie echt und ehrlich sein. Dinge, die nicht aus dem Herzen kommen, sind schal und leer, wie die Maske eines Schauspielers.

So wollen wir Gott darum bitten, dass er seine Liebe in unser Herz legt, damit wir erfahren, dass die Liebe uns trägt. Wenn die Liebe in eurem Herzen wohnt, wird die Welt es merken auch ohne viele Worte.

· Hängt dem Guten an. 

Psalm 63, der gerne als Taufspruch verwendet wird, sagt: „Meine Seele hängt an dir, Gott“. Was bedeutet das eigentlich, „an etwas hängen“? - Wenn man „an etwas hängt“, ist man wach für etwas. So ist man beispielsweise wach für das Schöne, für die Musik, für die Natur, für Mitmenschen, die uns besonders am Herzen liegen, vor allem für die Kinder.

„An etwas hängen“ meint also auch, aufmerksam zu sein für das Heilige, für die Dinge, die für uns einen besonderen Wert haben. Wachsam sind wir für das Lebendige, und wir sollten auch auf die Weite des Himmels achten.

Leider neigen wir aber leicht dazu, nicht das Positive in unsrem Leben in den Mittelpunkt zu stellen, sondern uns an das Schlechte „zu hängen“: So geben wir der Belastung durch Krankheiten, Sorgen, Mühen und Enttäuschungen zu viel Raum und hängen uns daran, als ob wir uns von Stein und Kies ernähren wollten. Das tut uns nicht gut und bringt uns auch nicht weiter.

Darum sollen wir uns bewusst darum bemühen, dem Guten anzuhängen. Der Satz „Hängt dem Guten an“ will uns dazu ermutigen, die Kräfte unseres Geistes mit Gutem zu nähren. Denn dies gibt Kraft und Freude – gerade in dürren Tagen.

· Hasst das Böse.

„Anwälte des Lebens sollen wir sein, Fürsprecher der Hoffnung, Liebhaber des Lebens“. Das heißt für ein christliches Leben, dass wir Gutes tun sollen gegen das Böse. Wir sollen nicht gleichgültig sein. Wir sollen eintreten wollen für das Leben – die Falschheit kritisieren, die Feinde des Lebens anzeigen und gegen sie aufbegehren – wir sollen uns nicht alles gefallen lassen, was das Leben bedroht und schändet.

„Ihr aber sollt leben!“ – das ist Gottes Verheißung für uns! Auch wenn wir selbst um unsere Schwachheit und Unentschiedenheit wissen, wollen wir nicht ablassen, gegen das Böse unsere Stimme zu erheben.

Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. - Der antike Philosoph Epiktet lehrte, Freud und Leid unerschütterlich hinzunehmen, da gegen Dinge, die außerhalb der eigenen Macht stehen, sowieso nichts getan werden kann. So soll ein Christ bzw. eine Christin Mitgefühl mit anderen haben und für Freude und Nöte der Mitmenschen offen sein. Dies könnte man am passendsten mit dem Satz umschreiben „Einer trage des anderen Last“, teile aber auch seine Freude. Dabei kann uns Gottes Liebe als Vorbild dienen: Gott ist nicht gleichgültig gegenüber uns Menschen, sondern bringt uns Empathie entgegen!

· Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.

Das heißt, wir sollen „Feuer und Flamme sein“ für das, was wir tun, aber darauf achten, dass unsere Begeisterung kein Strohfeuer ist, sondern dauerhaft wirkt.

Dazu gehört auch, sich für andere einzusetzen, was ja auch das Wesen der Diakonie ist. Wir sollen mit Taten für andere da sein, aber auch im Gebet an sie denken und für sie bitten. Brennend im Geist sein, heißt auch, Feuer und Flamme für die Sache Jesu sein. Wen der Geist Gottes treibt, der wird auch mit der Energie und der Kraft Gottes angetrieben und von ihr getragen.

Dies wird auch im Alltag und im Umgang mit anderen Menschen spürbar sein. Von Gottes Kraft und Energie angetrieben zu sein, ist eine Energie, die hilft, sich auch in zähen und schweren Phasen durchzubeißen. Diese Energie hilft einem, durchzuhalten und ans Ziel zu gelangen. 

· Seid eines Sinnes untereinander.

Unsere Einsichten und unsere Gedanken verbinden uns nicht so automatisch miteinander, wie wir das vielleicht gerne hätten. Wer wären wir, wenn wir nicht gerne einmal miteinander streiten würden? - Andererseits sind es die Vielfalt und die Verschiedenheit, die uns reich machen. Dabei sind wir als Gemeinde Christi längst miteinander verbunden. Wir sind eine große, bunte und vielfältige Gemeinschaft, die immer wieder an verschiedenen Orten zusammen kommt, um miteinander Gottesdienst und Gemeinschaft zu feiern.

Ich bin überzeugt, dass wir nur im Miteinander, in der produktiven und kreativen Auseinandersetzung Lösungen für die Zukunft dieser Erde finden können. Alleine geht das nicht.

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet

Hoffnung haben, geduldig sein und sich Zeit fürs Gebet nehmen. Es hat alles seine Zeit, und es braucht auch alles seine Zeit. Wir sind Christinnen und Christen im Werden und nicht schon fertig. Wir entwickeln uns, wie sich auch die Welt um uns herum weiterentwickelt und verändert.

Wir müssen Geduld haben und sie uns auch nehmen für das, was Gott für uns noch bereithält. Wir dürfen Hoffnung haben, dass Gott uns in unserem Leben begleitet, in all unserem Mühen, den richtigen Weg zu gehen und das Richtige zu tun.

Es ist gar nicht so einfach, immer den richtigen Ton zu treffen und die richtige Sprache zu sprechen. Schnell ist jemand verletzt und schnell haben wir jemanden verprellt. Aber genauso wenig müssen wir uns einschüchtern lassen – denn wir sind als Menschen schlicht und einfach menschlich.

Mit Jesus Christus kam ein neues Licht in die Welt, neues Leben und neue Hoffnung. Dieses Licht strahlt in die Welt hinein und zeugt von der Liebe Gottes, die uns allen Kraft zum Leben gibt. Mit etwas Geduld, etwas Beharrlichkeit und großer Hoffnung können wir Gottes Weg folgen.

Die 21 Aufforderungen aber bleiben. Wir sind aufgefordert, diese Welt als Christinnen und Christen zu gestalten und darin nicht nachzulassen. Wir legen unsere Hände nicht in den Schoß.

Wir sollen seine Botschafter und Botschafterinnen sein. Wir sollen ihn als standfeste Christinnen und Christen bezeugen. Wir sollen aus diesem Geist leben und in seinem Geist die Welt gestalten. Aber wir werden darin gleichzeitig von Gottes Liebe getragen. Und das hilft.

Amen

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