Predigt zum Reformationstag 2018

Galater 5, 1-6 (Reihe IV)

Am Anfang die Freiheit und am Ende die Liebe. Diesen großen Bogen spannen die Verse aus dem 5. Kapitel des Galaterbriefes: Am Anfang steht die Freiheit und am Ende die Liebe. Unter diesem Bogen dürfen wir unser Leben sehen. Unter diesem Bogen lassen sich auch Antworten finden auf die Fragen, die wir an uns und andere haben. Was heißt Freiheit? Was ist es um die Freiheit, zu der wir durch Christus befreit sind? Ist sie ein Freibrief für alles und jedes, eine Einladung zur Beliebigkeit: Du kannst so leben oder auch ganz anders, du kannst gewissenhaft deine Pflicht tun oder auch fünf gerade sein lassen – alles ist möglich, weil du ja frei bist? Du kannst sorgfältig darauf achten, was du kaufst, was du isst, wie du Strom sparst und Müll vermeidest. Aber du kannst aber auch in den Tag hineinleben, ohne die Sorge um die Zukunft, weil ja doch jeder Tag seine eigene Last hat.

Für den Apostel Paulus war beängstigend, was er über die Christen in Galatien hörte, die er einmal auf den Weg der christlichen Freiheit geführt hatte. Einige konnten offenbar mit der Freiheit, die er verkündete, nicht umgehen. Sie sind sozusagen rückfällig geworden, suchen ihr Heil wieder unter dem Dach der alten religiösen Tradition. Erneut seid ihr in die Knechtschaft geraten, so klagt der Apostel in seinem Brief, und: „Ich fürchte für euch, dass ich vielleicht vergeblich an euch gearbeitet habe …“ (Galater 4, 11).

Was steht hinter dieser Klage? Es geht um den Streit zwischen verschiedenen Gruppierungen in den christlichen Gemeinden Galatiens: Die einen, die ihre Wurzeln im Judentum haben, wissen sich in der Tradition des alten Bundes. Die Männer unter ihnen sind beschnitten zum Zeichen der Zugehörigkeit zum Volk Israel. Die Beschneidung ist ihnen darum ein unverzichtbares Zeichen des Bundes und verbindlich für alle Männer, die zur Christengemeinde gehören wollen. Doch nicht wenige Christen sehen das anders, und ihre Zahl wächst. Sie, die nicht in dieser Tradition aufgewachsen sind, bleiben unbeschnitten und sagen selbstbewusst: Das ist gut so. Eine verbindliche Form des Glaubens ist es für die einen und Provokation für die anderen, und doch versammeln sich alle in derselben Gemeinde, alle wissen sich im Glauben an den Herrn Christus, der sie doch zur Freiheit befreit hat. Dennoch steht gegen die Überzeugung: Für meinen Glauben reicht die Taufe und mein Vertrauen zu Christus! die Meinung der anderen: Zuerst einmal musst du dich beschneiden lassen! Was aber ist richtig? Der Weg über die Tradition der Beschneidung - ein notwendiger Weg oder doch eher ein Umweg und Hindernis?

Hier wird es aktuell, denn gerade die Frage nach der Beschneidung wird in unserem Land immer wieder zu einem Aufhänger, an dem antijüdische und manchmal auch antisemitische Vorurteile festgemacht werden. Ist die Beschneidung, wie sie bei Juden und Muslimen bis heute geübt wird, ist sie nicht Körperverletzung, noch dazu an Kindern? Müsste sie nicht verboten werden? Ein religiöser Akt wird plötzlich zum Politikum und droht die Gesellschaft erneut zu polarisieren. Genau um diesen politischen Aspekt geht es dem Apostel Paulus überhaupt nicht. Ihm geht es weder um ethische noch um medizinische Gesichtspunkte der Beschneidung. Was ihn umtreibt, ist die Sorge um das seelische Wohl der ihm Anvertrauten. Sie machen sich und ihren Glauben abhängig von Äußerlichkeiten, wenn sie die Beschneidung als Voraussetzung für die Gemeinschaft mit Christus einführen wollen. Paulus sieht es so: Wer vorher Jude war, für den ist die Beschneidung ein Teil seiner Lebens- und Glaubensgeschichte, wer aber auf anderem Weg zu Christus gefunden hat, für den ist sie schlicht belanglos. Modern gesprochen fürchtet er, dass die seelische Abhängigkeit von einem solchen Ritual in die Unfreiheit führt. Das gilt damals wie heute, und damit sind wir wieder bei uns.

Wir stehen unter dem Bogen, an dessen Anfang die Freiheit und an dessen Ende die Liebe steht. Unter diesen Bogen hat Christus uns gestellt, als wir getauft wurden. Es ist ein Bogen der Freiheit, denn er schirmt uns ab vor Ansprüchen, die andere auf uns erheben. Wir sind frei und nicht verpflichtet, das zu tun, was gerade in Mode kommt oder was die Mehrheit momentan für richtig hält.

Mehr noch: Den Kompass, der uns zeigt, wohin es für uns gehen soll, tragen wir in uns; es ist der Geist Gottes, der uns immer wieder auf Christus schauen lässt und zu ihm führt. Also nicht das äußere Zeichen, sondern der innere Kompass, der Geist des auferstandenen Christus zählt. Wir leben aus der Kraft des Heiligen Geistes und setzen alles auf das Vertrauen und den Glauben. So erwarten wir, was wir hoffen dürfen: dass wir vor Gott als gerecht bestehen und das Heil erlangen werden. Hier wird der große Bogen sichtbar, unter dem wir stehen: Befreit von der Sorge um unser Heil können wir leben, ohne uns immer wieder ängstlich umblicken zu müssen: Erfülle ich auch alle äußeren Voraussetzungen, halte ich alte Rituale genau ein? Vor Gott haben wir einen festen und sicheren Stand, denn Christus steht an unserer Seite. Bei Gott sind wir angekommen, seit er gekommen ist in unser Leben und in unser Herz.

Aber damit ist der Bogen noch nicht zu Ende. Denn die Freiheit steht am Anfang, am Ende aber steht die Liebe. Und genau sie, die Liebe, verhindert, dass alles in eine Beliebigkeit und Gleichgültigkeit abrutscht. Die Liebe sucht, was dem Nächsten gut tut und dient - und mir genauso. Deswegen ist es am Ende nicht einerlei, was wir essen, wo wir kaufen, ob wir Strom sparen und Müll vermeiden. Die Liebe sucht nicht das ihre, nicht die religiöse Selbstbestätigung, deshalb kann sie unterschiedliche Ausdrucksformen des Glaubens nicht nur aushalten, sondern mit ihren leben. Es kann unter dem Bogen, unter dem wir stehen, nur einen wirklich entscheidenden Maßstab geben, nämlich die Liebe. Genauer gesagt: Die Liebe, durch die Glaube sichtbar und erfahrbar wird. Dass unsere evangelische Kirche in besonderem Maß „Kirche der Freiheit“ ist, kann füglich bezweifelt werden. Aber wir dürfen uns in ihr an der Vielfalt der Ausdrucksformen des Glaubens freuen. Die äußeren, sichtbaren Zeichen unserer Kirche und aller Kirchen auf der Erde sind die Taufe und die Eucharistie, Taufe und Heiliges Abendmahl sind Zeichen des neuen Bundes und Siegel der Liebe Christi. Wenn wir es jetzt feiern, treten wir einmal mehr bewusst unter den Bogen, an dessen Anfang die Freiheit und an dessen Ende die Liebe steht.

Pfr. Peter Schwarz

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