Predigt über 1. Mose 4, 1-16
13. Sonntag nach Trinitatis, 26.08.2018, St. Laurentius
Herr Jakobsche

Liebe Gemeinde,

In den Tagen meines Urlaubs bin ich in einer Stadt in Sachsen Anhalt nahe Wittenberg auf eine ziemlich schwere Lektüre gestoßen. Ich habe ein Buch gefunden, in dem die Schicksale jugendlicher Zwangsarbeiter in den Jahren bis 1945 im örtlichen Chemiewerk aufgearbeitet wurden.

Diese Kinder und Jugendlichen wurden offensichtlich wahllos in der Ukraine und in Teilen Russlands eingefangen, nach Anhalt verschleppt und dort als Zwangsarbeiter missbraucht. Viele von ihnen starben zum Teil in Konzentrationslagern. Sogar der Freitod eines 16-jährigen Mädchens in der Elbe ist aktenkundig.

In den 80er Jahren wurden Dokumente gesucht, Überlebende in Russland und der Ukraine ausfindig gemacht und ihre Geschichten festgehalten.

In den Aufzeichnungen der Kinder findet sich neben vielen kindlichen Gedichten und Phantasien ein Satz, den ich für mich mit dem heutigen Predigttext in Verbindung bringe, weil er viel aussagt über das Menschliche, über die tiefsten Bedürfnisse des Menschseins und über die Notwendigkeit eines barmherzigen Gottes.

Doch hören wir zunächst das Wort aus dem Buch Genesis:

1 Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn.

2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes.

4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer,

5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

7 Ist's nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

9 Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?

10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.

12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

13 Kain aber sprach zu dem Herrn: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.

15 Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Liebe Gemeinde

es sind Bibelstellen, wie die heutige Erzählung vom Brudermord, die kritische Menschen gerne anführen, um zu beweisen, wie rückständig und unmenschlich Religionen überhaupt und die christliche Religion speziell ist.

Einen solch ungerechten Gott, der so etwas zulässt, brauche die Menschheit nicht, ja es ginge ihr deutlich besser, wenn sie endlich von diesem blutrünstigen und überaus ungerechten Tyrannen befreit wäre.

Auf der anderen Seite gibt es Strömungen im Christentum, die beweisen wollen, dass alles, was in den biblischen Texten überliefert wird, genau so wörtlich wahr ist. Da kann man dann Diskussionen führen, bei denen man sich immer in der Verteidigungsposition wiederfindet, in die man eigentlich überhaupt nicht hinein wollte.

Hinter diesen Strömungen stehen Menschen, die bei jeder kritischen Frage gleich und absolut die Gottheit Gottes in Frage gestellt sehen und diese - mit welchen Mitteln auch immer - verteidigen müssen.

Ich denke, beide Wege des Umgangs mit diesen Texten sind schwierig und nicht sehr zielführend. Schwierig, weil sie nicht dazu dienen, die Weisheit und die Glaubensschätze, die in ihnen stecken, zu erschließen.

Die mythischen Erzählungen des Buches Genesis sind keine historische Wahrheit im Sinne eines heutigen, faktenbasierenden Berichtes!

Die mythischen Erzählungen des Buches Genesis sind auch nicht willkürlich erfundene Geschichten, die für uns heute keine Relevanz hätten.

Die mythischen Erzählungen des Buches Genesis sind Erklärungsversuche von Menschen, die vor ungefähr drei- bis viertausend Jahren getätigt wurden mit dem Ziel, die Existenz des Menschen grundsätzlich zu erklären.

Im heutigen Abschnitt geht es um Schuld und Vergebung am Beispiel des Brudermordes.

Schließlich geht es in den Erzählungen der Genesis natürlich immer auch darum, diese Erfahrungen des Menschlichen im Horizont des Glaubens an Gott zu deuten.

Das Verhältnis zwischen Gott und Mensch und das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch stehen im Mittelpunkt dieser Texte.

Bleiben wir zunächst beim Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, auch wenn sich das nie wirklich trennen lässt.

Kain ist ein Mensch, der durch die Bevorzugung des Bruders Neid und Hass entwickelt. Dieser Hass steigert sich, als Gott sein Opfer nicht ansieht, aber das des Bruders, und endet mit der Tötung Abels.

Kain und Abel sind für mich so etwas wie Rollen oder Schicksale, in die mich das Leben treiben kann, mal in diese und mal in jene, und wenn es glücklicherweise zumeist auch nicht so dramatisch endet, so zeigt es doch, dass ich Täter und Opfer sein kann, manchmal beides, und manchmal sogar beides zugleich.

Da ist der Nachbar, dem es besser geht als mir, dem alles zuzufliegen scheint. Da ist der Mitmensch, der gesünder ist als ich, obwohl ich vielleicht gesünder lebe.

Und so oder anders ich werde schuldig, weil ich über das Ziel hinausschieße, weil ich meiner Wut freien Lauf lasse und endlich meinen aufgestauten Hass herausschreie. Auf eine seltsame Weise wird dieser öffentlich gezeigte Hass gerade modern.

Auf der anderen Seite bin ich wie Abel, dort wo ich schlecht behandelt werde, weil ich bin wie ich bin, dort wo ich schlecht behandelt werde, weil ich etwas kann, was andere vielleicht nicht können.

Ich denke, die Figuren Kain und Abel stehen für die Rollen oder eben Schicksale, in die ich gedrängt werden kann und die ich annehmen oder mich dagegen wehren kann. Ich bin ihnen keineswegs nur ohnmächtig ausgeliefert, Sowohl Kain als auch Abel hätten zumindest versuchen können, etwas zu ändern.

An dieser Stelle möchte ich endlich zurückkommen zu den Berichten der zwangsarbeitenden Kinder. Auf der Rückseite einer Portraitfotografie konnte man lesen, wie ein junger Mann schreibt: „Liebe mich so wie mein Schicksal auch sei!“

Ein Jugendlicher, der die Heimat verloren hat und zur Zwangsarbeit gezwungen wird, formuliert: „Liebe mich so wie mein Schicksal auch sei“. Ich weiß nicht, an wen dieser Satz gerichtet ist, ich weiß nicht ob er an Gott oder an einen konkreten Menschen oder eben an beide gerichtet ist. Er ist einfach und beeindruckend, er ist stark, er ist voller Hoffnung mitten in der Hoffnungslosigkeit, er ist voller Hoffnung mitten im Hass. „Liebe mich so wie mein Schicksal auch sei, denn ein anders habe ich nicht.“

Wenn ich mir vor Augen halte, wie Gott mit Kain, der nach dem Mord Angst um seine Existenz hat, umgeht, dann kommt mir dieser Satz ebenso in den Sinn, wie wenn ich mir Abel vorstelle, der seinem Mörder nicht mehr ausweichen kann.

„Liebe mich so wie mein Schicksal auch sei, denn ein anderes habe ich nicht“: Der osteuropäische Junge bringt die Bedürftigkeit meines Mensch-Seins besser auf den Punkt als ich das je könnte.

Es führt zu nichts, die Frage nach der moralischen Verantwortung und der Schuld hier in den Mittelpunkt zu stellen, auch wenn diese sicher gestellt werden muss.

Nicht umsonst steht diesem Predigttext die Rede von der existentiell nicht hoch genug einzuschätzenden Liebe im Johannesbrief und der barmherzige Samariter des Lukasevangeliums gegenüber.

Barmherzigkeit und liebende Annahme wären erlösende Grundtugenden des Menschlichen, die unsere Welt verbessern könnten. Grundtugenden, hinter denen ich persönlich leider allzu oft zurückbleibe.

An dieser Stelle fällt mir die Taufliturgie ein, bei der der zukünftige Christ gefragt wird: „Widersagst du dem Satan und all seinen Verlockungen?“ Ein Pfarrer hat kürzlich bei einer Taufe in der Elbe, die ich miterlebt habe, für ein sehr entkirchlichtes Besucherklientel diesen Satz etwa so übersetzt: „Willst du dich zur Wehr setzen gegen zerstörerische Neigungen und Hass?“

„Willst du dich zur Wehr setzen gegen zerstörerische Neigungen und Hass?“

Vielleicht ist die Haltung, die sich aus der Tauffrage ergibt, das mindeste, was wir mitnehmen können aus der Geschichte des Brudermordes, weil es neben der liebenden Vergebung das vielleicht einzige ist, was ich in meinem Leben umsetzen kann, in der Begegnung mit den Menschen, die mir das Leben schwer machen und die ich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ertrage. Und dass ich, wenn ich sie schon nicht zu lieben vermag, zumindest einen gewissen Respekt vor ihrem Schicksal entwickle, denn auch sie haben kein anderes Schicksal, genausowenig wie ich.

Amen

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