Wie ein Tagebuch Menschen mit Behinderung zum Lächeln bringt

Der Nachmittag des ersten Freitags im Monat gehört der Schreibwerkstatt "Glücksfinder". Um 13 Uhr treffen sie sich im Chilis, dem Unterhaltungs- und Partyraum im Bereich Wohnen der Diakonie Neuendettelsau. Die Wände sind mit bunten Graffitis geschmückt, große Fenster geben den Blick frei auf die Terrasse und die angrenzende Wiese. Vor jedem Glücksfinder liegt ein Tagebuch. Das Besondere: Niemand muss Lesen oder Schreiben können. Das Angebot der Offenen Hilfen Neuendettelsau gibt jedem die Möglichkeit, zu erzählen und sich so einzubringen, wie es möglich ist.

von Amanda Müller

Als ich zum ersten Mal von der Schreibwerkstatt der Glücksfinder höre, kann ich mir gleichzeitig alles und nichts darunter vorstellen. Dass es wahrscheinlich darum gehen wird, rund ums Thema Glück zu schreiben, erscheint mir einleuchtend. Was genau dabei rauskommt, kann ich nur erahnen.

In der Schreibwerkstatt begeben sich die Glücksfinder auf die Suche nach Momenten, die sie glücklich gemacht haben.

Claudia Klement ist Koordinatorin bei den Offenen Hilfen in Neuendettelsau und in diesem Rahmen auch für verschiedene Aktionen und Projekte im Bereich der Erwachsenenbildung zuständig. Seit 2014 organisiert sie die Treffen der Glücksfinder. Im Januar 2019 kam auch Elisabeth Schick mit ins Boot.

Die beiden laden mich ein, bei einem Treffen der Glücksfinder in der Schreibwerkstatt dabei zu sein.

Malen oder Schreiben: Hauptsache kunterbunt

Die Glücksfinder treffen sich immer am ersten Freitag im Monat um 13 Uhr im Freizeittreff „Chili“. Der bunte Raum ist ein beliebter Treffpunkt für Menschen mit Behinderung. Hier finden ganz unterschiedliche Veranstaltungen statt. Es gibt Computer, eine Bar, gemütliche Sitzgelegenheiten und sogar ein Kicker.

Heute sind die Tische vor den bodenhohen Fenstern zu einer langen Tafel zusammengeschoben worden. Neben Wasserflaschen und Multivitaminsaft liegen Scheren, Kleber und bunte Stifte bereit.

Sieben Glücksfinder sitzen um den Tisch, vor ihnen liegen schwarze Ringbücher mit ganz individuell gestalteten Covern.  

Die Glücksfinder treffen sich einmal im Monat.

„Wir haben heute einen Gast“, sagt Claudia Klement und bittet mich darum, mich vorzustellen und zu verraten, warum ich heute dabei sein möchte.

Als ich damit fertig bin, stellen sich alle der Reihe nach bei mir vor. Neben Claudia Klement sitzt Stefan Masic. Er ist seit Anfang an bei den Glücksfindern. Auch Roswitha Gastl, Stefanie Scherer, Hanna Chorbacher und Stefan Korczyinsky kommen schon lange zu den regelmäßigen Treffen in die Schreibwerkstatt. Neben Stefan Masic sitzt Jutta Turainsky. Die schlanke Frau mit den kurzen grauen Haaren ist seit einem halben Jahr dabei und war jahrelang für die Erwachsenenbildung zuständig.

Ganz neu ist Johanna Täufer. Sie ist heute zum zweiten Mal bei den Glücksfindern.

Johanna Täufer (rechts) ist noch nicht lang im Team. Hanna Chorbacher (links) ist schon lange dabei.

Einige der Glücksfinder kenne ich schon. Stefanie Scherer ist nicht nur die jüngste Glücksfinderin, sondern auch Athletensprecherin für Special Olympics Bayern. Roswitha Gastl ist die Vorsitzende des Werkstattrats der Neuendettelsauer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Sie alle wohnen in Neuendettelsau. Einige leben in einer Wohngruppe im Bereich Wohnen, andere werden in ihrer eigenen Wohnung von Mitarbeitenden der Offenen Hilfen unterstützt. In der Schreibwerkstatt kommen sie alle zusammen.

Claudia Klement: Jeder ist so, wie er ist und macht das, was er kann.

„Der Name unserer Schreibwerkstatt ist mit unserem ersten Thema entstanden“, sagt Claudia Klement und erzählt, dass damals alle zusammen darüber gesprochen hatten, was Glück für sie bedeutet und was sie brauchen, um glücklich zu sein.

Jeder Glücksfinder hat ein eigenes Tagebuch vor sich liegen. Wie es gestaltet werden soll, bleibt jedem selbst überlassen. Lesen oder schreiben können muss niemand. Es dürfen auch Bilder, Eintrittskarten oder Fotos eingeklebt werden.

Die bunten Stifte sind beliebt.

Nach den Treffen nimmt jeder sein Tagebuch mit nach Hause. In jedem findet sich etwas anderes. Stefan Masic zeigt mir den Eintrag von einem Musical-Besuch, Stefanie Scherer zeigt mir Bilder auf denen sie als Prinzessin verkleidet in die Kamera strahlt. Ein gemeinsames Tagebuch gibt es auch. Um das kümmert sich Claudia Klement mit Hilfe aller Glücksfinder.

Das heutige Thema lautet „Selfies“. Ich erfahre, dass beim Treffen zuvor jeder ein Selfie von sich geknipst hat, das die Wohnbereichsleiterin dann ausgedruckt und heute mitgebracht hat. Zudem hat sie die Glücksfinder darum gebeten, heute ein Baby- oder Kinderfoto mitzubringen. Claudia Klement verteilt die Fotos. 

„Schau mal, ich seh‘ aus wie Schokolade“, ruft Roswitha Gastl und hebt ihr etwas zu dunkel geratenes Babyfoto in die Luft. Die anderen Glücksfinder amüsieren sich köstlich. 

Stefan Masic will sein aktuelles Selfie gar nicht mehr anschauen. „Hab‘ ein ganz rotes Gesicht“, findet er und legt es verkehrt herum auf den Tisch. Auch das Foto von Elisabeth Schick erreicht die Aufmerksamkeit aller. „Du hast gemogelt!“, erklingt es von allen Seiten und Elisabeth lacht. Sie hat sich von hinten fotografiert – denn Vorgaben oder Regeln gibt es keine. „Jeder kann hier machen, was er möchte. Wir malen, basteln oder schreiben. Jeder ist so wie er ist und macht das, was er kann“, sagt Claudia Klement.

Um das Thema „Selfie“ fertigzustellen, dürfen sich die Glücksfinder heute eines ihrer beiden Bilder aussuchen und ihre eigene Version davon in ihr Tagebuch malen. Claudia Klement macht den Anfang. Sie schnappt sich ein paar Farben und blättert zu einer freien Seite des gemeinsamen Tagebuchs.

„Was meint ihr, welche Farbe steht mir?“, fragt sie und Roswitha ruft: „Grau! Du hast eh graue Haare!“

Wieder lachen alle und Claudia Klement schüttelt gespielt entrüstet den Kopf.

Das gemalte Selfie von Claudia Klement.

Mir fällt auf, dass einige Glücksfinder eifrig dabei sind, das Thema umzusetzen, während andere jede Gelegenheit nutzen, sich in die Tischgespräche einzubringen. Ein großes Thema ist heute die Fusion der Diakonie Neuendettelsau mit dem Diak Schwäbisch Hall und Diakoneo, dem neuen Unternehmensnamen, der erst vor kurzem bekannt wurde. Dabei ist vor allem das Diakoneo-Lied von Jo Jasper interessant. Als alle es hören wollen, steht Claudia Klement auf und läuft zum Computer. Noch bevor der Rechner hochgefahren ist, erklingt das Lied allerdings schon am Tisch. Stefanie Scherer hat kurzerhand ihr Smartphone aus der Tasche gezogen.

Gut zu erkennen: Stefanie Scherer hat das Foto aus ihrer Kindheit gemalt.

Jutta Turainsky beim Malen.

Das heutige Thema lautet „Selfie“.

Von der ausgelassenen Stimmung scheint Stefan Masic nichts mehr mitzubekommen. Er hat einen schwarzen Stift fest umklammert und kritzelt eifrig in sein Tagebuch. Als er gefragt wird, was er da schreibt, hebt er kurz den Kopf und sagt, dass er momentan nicht besonders glücklich ist. Er vertraut seinem Tagebuch seine Probleme an und zeigt es Claudia. Die nimmt sich kurz Zeit und streicht ihm dann über den Rücken. „Es kommen auch wieder bessere Zeiten“, muntert sie ihn auf.

Stefan Masic erinnert sich gern an den Musicalbesuch.

„Wir haben keinen Plan oder irgendwelche Vorgaben, sondern nehmen und arbeiten mit dem, was kommt. Alle sind so, wie sie sind, das ist uns wichtig“, betont Claudia Klement.

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