Biografiearbeit leistet in der Arbeit mit Menschen mit einer geistigen Behinderung Großes. Durch die Lebensgeschichte können Menschen mit geistiger Behinderung in ihrer Einmaligkeit als Person wahrgenommen werden. Ziel ist es dabei, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu gewährleisten.

Je nach Art und Schwere der Behinderung fehlen Menschen mit Behinderung die Erinnerungen an ihr früheres Leben. An ihre Familie. An besondere Ereignisse. So war es auch bei Stefan Masic. Der 34-Jährige lebt seit 15 Jahren im Christophorusheim, eine Einrichtung der Eingliederungshilfe der Diakonie Neuendettelsau. Ihm gefällt es hier. Er hat Freunde gefunden, geht gern zur Arbeit und spielt in seiner Freizeit oft Fußball. Ob das schon immer so war, kann er aktuell nicht mehr genau sagen. Er weiß beispielsweise, dass seine Oma sehr wichtig für ihn ist und fängt an zu lächeln, wenn er an sie denkt. Aber warum positive Gefühle seinen Körper durchströmen, weiß er nicht.

Hier kommt die Biografiearbeit ins Spiel: „In der Arbeit mit Menschen mit einer geistigen Behinderung ist es ganz wichtig, zu wissen, wer der Mensch ist“, erklärt Wohnbereichsleiterin Claudia Klement.

"Um zu verstehen, warum jemand bei einer bestimmten Aussage oder Handlung eine positive oder negative Reaktion zeigt, muss man den Menschen als Individuum wahrnehmen. Man muss seine Vergangenheit kennen, seine Vorlieben und Abneigungen, seine Interessen und wichtige Erlebnisse."

Claudia Klement, Wohnbereichsleiterin

Und das funktioniert nur, wenn Betreuer die Lebensgeschichte – die Biografie - der Bewohner kennen.

Claudia Klement (links) und Markus Hirsch (rechts) durchstöbern gemeinsam mit Stefan Masic das Fotobuch.

Markus Hirsch hat vor ein paar Monaten seine Ausbildung in der Heilerziehungspflege beendet. Durch die Schule kam er in Kontakt mit Stefan Masic. „Ich sollte mit ihm zusammen das Projekt Biografiearbeit angehen“, erzählt der junge Heilerziehungspfleger. Durch Gespräche mit Stefan hat er herausgefunden, dass seine Oma eine sehr wichtige Bezugsperson für ihn ist. „Da sie in Rothenburg wohnt, sehen sich die beiden nur noch zweimal im Jahr. Ich habe dann beschlossen mit ihm gemeinsam zu seiner Oma zu fahren und sie zu besuchen“, erzählt Markus Hirsch. Wenige Tage später haben die beiden das Vorhaben umgesetzt. Stefans Oma hat Kaffee gekocht, Kuchen gebacken und ihnen alte Bilder aus Stefans Kindheit gezeigt. „Das war ganz toll“, freut sich Stefan, der seinen Heilerziehungspfleger gleich ins Herz geschlossen hat. Die beiden spielen oft zusammen Fußball oder unterhalten sich über die Champions League. „Dass er jetzt auch meine Oma kennengelernt hat, fand ich echt schön“, erzählt der 34-Jährige. Auch für Markus war der Besuch ein großer Fortschritt.

"Stefans Oma hat mir Dinge erzählt, an die er sich selbst nicht mehr erinnern konnte. Ich habe viel über ihn gelernt und kann jetzt viel besser mit ihm umgehen."

Markus Hirsch, Heilerziehungspfleger

Erwin Böhm, der Erfinder des psychobiographischen Pflegemodells, erwähnte einmal dass man zuerst die Seele bewegen müsse, bevor sich der Körper bewegt. Die Biografiearbeit ermutigt Menschen, über das eigene Leben nachzudenken, sich zu erinnern und darüber zu sprechen. „Durch das Wissen um die Biografie fühlen sich die Menschen mit Behinderung verstanden und akzeptiert. Sie werden wertgeschätzt und können dadurch ihr Selbstvertrauen stärken. Sie entdecken eigene Verhaltensweisen und Interessen und steigern damit ihr psychisches Wohlbefinden“, erläutert Klement. Das ist besonders wichtig, wenn Veränderungen anstehen. „Unsere Bewohner mussten teilweise schon in jungen Jahren von zuhause ausziehen und haben ihre wichtigsten Bezugspersonen verloren. Der Umzug in eine Einrichtung ist eine große Umstellung.“

Eine Biografie umfasst die Gesamtheit aller persönlichen Erfahrungen und Gewohnheiten, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Interessen, die der Mensch im Laufe seines Lebens erwirbt. Biografie ist die Suche nach der Identität. Dazu braucht es die Bereitschaft der Bewohner. Sie können offen über sich erzählen, soweit es aufgrund der Behinderung möglich ist. „Bei mehrfachen und schweren Behinderungen, wenn Bewohner beispielsweise nicht sprechen können, bitten wir oft Eltern oder andere Verwandte um Unterstützung“, erklärt Klement, wie Biografiearbeit bei der Diakonie Neuendettelsau funktioniert.

Piktogramme sind gerade in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung sehr wichtig, wenn die Bewohner aufgrund ihrer Behinderung nicht lesen können.

"Wir haben uns in unserer Arbeit auf verbindliche Grundsätze festgelegt und orientieren uns an der unantastbaren Würde des Menschen. Jeder hat bei uns das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und die ist untrennbar mit der Biografie verbunden."

Claudia Klement

Für Mitarbeitende ist es häufig ein Zugang zu einem besseren, tieferen Verstehen der Bewohner und ihrer Verhaltensweisen in der professionellen Begleitung. Dazu finden regelmäßig Schulungen statt, zudem erhält jede Wohngruppe eine eigene Biografie-Mappe, die mit den Bewohnern lebendig gestaltet wird. Biografiearbeit ist deswegen für Bewohner wie für Mitarbeitende gleichermaßen von Bedeutung. Sie unterstützt die Förderung der Individualität und sorgt für Kontinuität in der Begleitung. Das zeigt sich besonders dann, wenn Veränderungen antreten, beispielsweise durch einen Wohnort- oder Mitarbeiterwechsel. Methoden, die Biografien herauszuarbeiten gibt es viele. Im Gespräch über das vergangene Leben zu reflektieren, bestenfalls mit Fotos ist die häufigste davon. Dazu können auch Ausflüge an wichtige Orte oder zu Personen gemacht werden. Mittels eines Erinnerungsalbums kann danach jederzeit auf die Biografie zugegriffen werden.

So wie es auch Markus und Stefan gemacht haben. Damit Stefan etwas für die Zukunft hat, haben sie hinterher die Köpfe zusammengesteckt und ein Fotobuch mit Bildern aus Stefans Kindheit und des Besuchs bei seiner Oma gestaltet. Auf dieses Buch ist Stefan sehr stolz. „Die Fotos sind mir sehr wichtig. Wenn ich traurig bin, kucke ich sie mir immer an und bin wieder fröhlich“, sagt Stefan.

Die Biografiearbeit hat einen hohen Stellenwert. Die Grafik zeigt, auf was es dabei ankommt:

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