Von der Schulreife zur Schulfähigkeit

Am Ende der Kindergartenzeit bewegt alle Eltern die gleiche Frage: Ist mein Kind gut auf die Schule vorbereitet? Hat es bereits genügend Interesse daran, rechnen und lesen zu lernen? Ist es selbstständig genug, um allein mit den neuen Freunden zurecht zu kommen? Oder ist es letztlich besser, mit der Einschulung noch ein Jahr zu warten? Und wenn es sich dann im Kindergarten langweilt?

Sicherlich, die Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten kennen die Kinder gut und weisen mit ihrer Empfehlung in eine bestimmte Richtung. Entscheiden müssen die Eltern aber letztlich doch selbst. Vor allem im Vergleich mit älteren Kindern, werden Unterschiede deutlich. Im Spätsommer oder Herbst geborene Kinder brauchen häufig noch etwas Zeit für ihre kognitive Entwicklung, was jedoch nicht unbedingt bedeutet, dass sie ihrem neuen schulischen Umfeld nicht gewachsen sein könnten.

„Vor über 100 Jahren wurde die Schulreife noch mit dem ‚Gulden-Apfel-Test‘ überprüft“, so Prof. Helga Ulbricht von der staatlichen Schulberatung in Bayern. „Man bot dem Kind einen Apfel und einen Gulden an. Entschied es sich für den Apfel, stand noch die schnelle Bedürfnisbefriedigung im Vordergrund – und es war nicht schulreif. Nahm es aber den Gulden, hatte es bereits gelernt, Bedürfnisse aufzuschieben und hatte schon den übergeordneten Wert von Geld erfasst. Somit war es schulreif!“ Damals ging man bei der Beurteilung der Schulreife allein vom Entwicklungsstand, vom Reifegrad des Kindes aus. Wie ein Apfel im Herbst automatisch reif wird, so wurde auch das Kind reif für die Schule. Heute spricht man eher von Schulfähigkeit und bezieht das gesamte Umfeld mit in die Überlegungen ein. Ist das Kind diesen vielfältigen Anforderungen bereits gewachsen?

„Neben den eigenen Beobachtungen und Einschätzungen können Eltern sich in dieser Frage auch Unterstützung und Hilfe bei den Mitarbeitenden der Kindertagesstätte holen. Diese wissen gut einzuschätzen, welchen Entwicklungsstand das Kind im Hinblick auf die Einschulung hat und können das mit gezielten Erkenntnissen aus dem Alltag untermalen“, - so Petra Hinkl, Leiterin des Bereiches Dienste für Kinder der Diakonie Neuendettelsau. Zum Glück gibt es neben allen emotionalen Eindrücken und Wünschen auch klare Kriterien, an denen Eltern sich orientieren können, wenn sie sich überlegen, wie sie ihrem Kind einen optimalen Start ins Schulleben ermöglichen.

Um die Schulfähigkeit festzustellen, werden eine ganze Reihe an individuellen Voraussetzungen betrachtet. Diese lassen sich leicht in drei Hauptbereiche einteilen: in körperliche, kognitive und soziale Voraussetzungen.


Folgende Checkliste ermöglicht Eltern eine sichere Orientierung:

1. Körperliche Entwicklung und Voraussetzungen

Mit der U9-Untersuchung (letzte Früherkennungsuntersuchung vor Schulbeginn, Mindestalter 5 Jahre) wird von ärztlicher Seite auf mögliche Entwicklungsauffälligkeiten geachtet. Sollten sich hier Probleme zeigen, kann eine gezielte Unterstützung durch entsprechende Fachärzte oder Therapeuten erfolgen. Am wichtigsten ist jedoch die Unterstützung durch die Eltern selbst.

· Entsprechen Größe und Gewicht meines Kindes in etwa dem Alter?

· Kann mein Kind gut hören und sehen?

· Kann sich mein Kind selbständig an und ausziehen, die Schuhe binden oder die Knöpfe der Jacke schließen?

· Ist mein Kind in der Lage auf einem Bein zu balancieren, einen Ball zu werfen und zu fangen?

· Ist mein Kind ausdauernd genug, um die schwere Schultasche zu tragen und sich einen ganzen Vormittag lang zu konzentrieren?


Kinder turnen auf Pferd
Geschicklichkeit und Körperwahrnehmung können Eltern mit ihren Kinder trainieren. © Angelika Salomon



Ausdauer, Geschicklichkeit und Körperwahrnehmung können die Eltern im täglichen Umgang mit ihrem Kind trainieren. Dazu eignen sich Spiele im Freien mit viel Bewegung. Laufen Sie mit Ihrem Kind um die Wette, üben Sie balancieren, klettern, weit oder hoch springen. Üben Sie sich gemeinsam darin, Regen, Sonne, Schnee und Wind bewusst wahrnehmen.

Die Fähigkeit eine Sache bis zum Ende durchzuhalten, ist entscheidend für schulischen Erfolg. Kinder müssen lernen, ein Bild fertig zu malen, eine Bastelarbeit zu beenden, ein Spiel zu Ende zu spielen und letztlich die genutzten Dinge wieder aufzuräumen. Durchhalten zu können ist eine Voraussetzung zur Hausaufgaben-Erledigung.

Die Geschicklichkeit unserer Hände ist die körperliche Grundlage dafür, dass wir schreiben lernen. Sie können Ihr Kind unterstützen mit Tätigkeiten wie Basteln oder mit Legosteinen spielen. Teilen Sie Ihre eigenen Tätigkeiten mit Ihrem Kind, lassen Sie es im Garten, in der Werkstatt oder in der Küche an Ihrem Leben teilhaben: Schneiden, hämmern, bohren, schrauben, sägen, umgraben, Teig kneten, Besteck sortieren, Zutaten abwiegen


2. Kognitive Entwicklung und Voraussetzungen

Hier geht es um Fähigkeiten wie merken und aufpassen können, verstehen und sprechen können, erkennen, zuordnen, unterscheiden, vergleichen und natürlich auch zuhören können. Dies bildet die Grundlage, um am Unterricht erfolgreich teilnehmen zu können.

· Kann sich mein Kind ca. 30 Minuten lang auf eine Aufgabe konzentrieren?

· Ist es in der Lage, eine kurze Geschichte mit den eigenen Worten wiederzugeben?

· Kann sich mein Kind kürzere Texte oder Gedichte merken?

· Kann sich mein Kind eigene Spielideen ausdenken?

· Ist mein Kind in der Lage, eine Aufgabe ganz allein zu Ende zu führen?


Kinder zeigen Gebasteltes
Ein gut sortierter Basteltisch im Kindergarten regt die Kreativität an. © Uwe Niklas

All diese grundlegenden, entscheidenden geistigen Aufgaben werden im Kindergarten täglich spielerisch eingeübt. In vielfältigen Situationen werden für die Kinder altersgemäße Aufgaben und Angebote entwickelt, die zum Merken, Sprechen, Zuhören, usw. anregen. Auch motivierende Lernlandschaften, wie z. B. ein Experimentiertisch mit Wasser oder ein gut vorbereiteter Basteltisch regen zum Spielen und Tun an. Es gibt in jedem Kindergarten spezielle Angebote für Vorschulkinder. Sie kennen sicher Sprachkurse, Matheland und Schlaumeier-Clubs. Kinder lernen beim Spiel, daher sollte diesem Spiel immer der größte Platz eingeräumt werden. Montessori bezeichnete das Spiel als die „Arbeit des Kindes“. 

Eltern können die Impulse aus dem Kindergarten aufgreifen und vieles einfach zu Hause fortsetzen und auf diese Weise die geistige Entwicklung ihres Kindes nachhaltig fördern und beeinflussen. Nutzen Sie die Alltagsdinge, die Ihnen ohnehin begegnen: Sie können mit Ihrem Kind Treppen zählen, Bücher gemeinsam anschauen, sich kleine Erlebnisse erzählen lassen, im Haushalt helfen lassen, gemeinsam spielen und Quatsch machen, beim Einkauf Dinge suchen lassen oder auch bezahlen lassen.


3. Soziale Entwicklung und Voraussetzungen

Jedes Kind freut sich auf die Schule. Vorfreude, Optimismus und Selbstvertrauen sind wichtige Voraussetzungen, die Schule mit Spaß, Stolz auf Erreichtes, Wegstecken von Misserfolgen und Akzeptieren von Teilerfolgen zu erleben. Fragen können hier sein:

· Ist mein Kind fähig, eigene Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen?

· Ist es in der Lage, Konflikte mit Gleichaltrigen selbstständig zu lösen?

· Spürt mein Kind seine eigenen Bedürfnisse und kann es dies äußern?

· Hat mein Kind gelernt, auf andere Rücksicht zu nehmen?

· Ist mein Kind neugierig und kann es sich auch auf bisher unbekannte Situationen einstellen?

Mit Begeisterung und Anerkennung, aber auch Trösten und Zuspruch können Eltern ihrem Kind erleichtern, den Schulalltag mit allen Begebenheiten zu meistern. Mut haben, sich trauen, warten können, gemeinsam mit anderen arbeiten, verlieren können und weiter machen, Regeln einhalten, selbständig sein, Geduld haben, all das sind wichtige Dinge, die ihr Kind für einen positiven Schulalltag benötigt.



Als Erwachsener können Sie dabei ein Vorbild sein. Beobachten Sie sich selbst. Lassen Sie Ihr Kind ausreden? Haben Sie Geduld z. B. beim Anziehen Ihres Kindes? Lassen Sie Ihr Kind selbst tun oder nehmen Sie ihm alles ab? Erkennen Sie auch kleinere Erfolge an? Loben Sie Ihr Kind? Sind Sie konsequent? Freuen Sie sich mit Ihrem Kind auf die Schule?

Grundsätzlich gilt: Jedes Kind ist irgendwann in seiner Entwicklung schulfähig. Vertrauen Sie Ihrem Kind!

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