Wie sieht es aus, wenn Kinder mit und ohne Behinderung zusammen in die Kita gehen?

Leonie und Mia haben viel gemeinsam: Beide sind fast zwei, lachen gern und viel und nehmen Menschen im Handumdrehen für sich ein. Die beiden Blondschöpfe, die Trisomie 21, das Down-Syndrom haben, stehen gerade vor einem wichtigen Entwicklungsschritt in ihrem Leben: dem Besuch einer integrativen Kinderkrippe.
Der Artikel beschreibt die Erlebnisse und Beweggründe der Eltern bei der Entscheidung für eine inklusive Kita und beleuchtet aus Expertensicht die Vorteile des konsequent inklusiven Konzeptes für Kinder mit und ohne Behinderung:


Die Eltern beider Mädchen haben sich für eine der rund 20 integrativen Einrichtungen für Kinder der Diakonie 
Neuendettelsau entschieden. Leonie besucht seit Februar eine Krippe in Nürnberg, Mia geht bald in eine Krippe in Neuendettelsau (Landkreis Ansbach).


Vater spielt mit einem Kind in einer integrativen
Leonie hat den Start in "ihrer" integrativen Kita gut hinter sich gebracht. © Mohr


Leonie hat das große Abenteuer schon gut gemeistert: Seit Februar besucht die fast Zweijährige die integrative Kita „Stadtspatzen“ in Nürnberg. Bei den „Stadtspatzen“ werden unter einem Dach in Krippe und Kindergarten Kinder ab dem achten Lebensmonat bis zur Einschulung betreut.

Leonie verbringt seit Februar sechs Stunden täglich in der Krippe. Die Eingewöhnungszeit hat der unkomplizierte 

Sonnenschein problemlos hinter sich gebracht und macht seither auch große Fortschritte in ihrer Entwicklung: „Sie ist noch nicht gekrabbelt, als sie in die Krippe kam“ erzählt Jessica P., ihre Mutter. „Das hat sie in der Krippe ganz schnell gelernt.“

Was sind für Leonies Eltern die Vorteile einer integrativen Kindertageseinrichtung? „Ich wollte nicht, dass sie einen 

Stempel aufgedrückt bekommt“ begründet die Mutter ihre Entscheidung gegen eine Einrichtung für Kinder mit einer Behinderung. „Wir wünschen uns, dass Leonie akzeptiert und als selbstverständlich angenommen wird.“

Im Krippenalltag bei den „Stadtspatzen“ kein Problem, auch wenn die fast Zweijährige noch nicht laufen kann: „Leonie 
wird gut mitgenommen, die Kinder gehen auf sie zu und sie fängt schon an, Freundschaften zu schließen.“ freut sich Jessica P. „Sie schaut sich unheimlich viel bei anderen Kindern ab, will Laufen lernen, fängt an, mit Puzzles zu spielen.“

Besondere Förderung bekommt Leonie bei den „Stadtspatzen“ durch eine Heilpädagogin sowie auf Initiative der Eltern durch eine weitere externe Heilpädagogin, die sich um Leonies Hörschwierigkeiten kümmert.

Petra Hinkl, geschäftsführende Leiterin
Petra Hinkl ist in der Diakonie Neuendettelsau für den Bereich "Dienst für Kinder" zuständig.


Interdisziplinäre Teams aus Erziehern, Kinderpflegern, Heilpädagogen und Heilerziehungspflegern sind eine Besonderheit des inklusiven Konzepts der Kindertageseinrichtungen der Diakonie Neuendettelsau. „Wir nehmen den Anspruch der UN-Behindertenrechtskonvention, Inklusion im Alltag umzusetzen, ernst.“ sagt Petra Hinkl, geschäftsführende Leiterin des Bereichs „Dienste für Kinder“. Bereits vor über zehn Jahren wurden alle Kitas in der Diakonie Neuendettelsau zu integrativen Kitas umgestaltet.

Der Ansatz mache auch aus fachlicher Sicht durchaus Sinn, so Petra Hinkl: „Wir haben immer die Erfahrung gemacht, 

dass alle Kinder davon profitieren.“

Auch die Kinder ohne Behinderung haben Vorteile, wenn sie im Sandkasten und in der Bauecke auf Kinder mit 

Behinderung treffen: „Unsere Welt heute ist komplex und vernetzt“, so die Expertin. „Im Umgang mit Kindern mit Behinderung lernen gesunde Kinder, kreative Lösungen für Probleme zu finden: Wie baue ich mit jemanden einen Turm, der motorisch nicht so fit ist? Wie helfe ich einem Freund, der noch nicht laufen kann, bis zur Toilette?“

Ungewöhnliche Lösungsansätze für verschiedene Probleme finden: Eine Fähigkeit, die in Schule und Berufsleben 

sehr wichtig ist. „Erfolgreiches Lernen funktioniert möglichst früh im sozialen Kontext und in Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt.“ weiß Petra Hinkl.

Kinder seien es sonst gewöhnt, dass jemand immer etwas besser könne als sie. Die Erfahrung, auch einmal 

Lehrmeister sein zu dürfen, sei für die Entwicklung der Kinder ein Vorteil.

Vorurteile gegenüber Kinder mit Behinderung spielten im Kindergartenalter noch keine große Rolle, so Petra Hinkl: 

„Kinder sind farbenblind, auch im Hinblick auf das Thema Behinderung.“


Zweijährige besucht bald integrative Kita.
Mia besucht bald eine integrative Kita in Neuendettelsau. © Arnold


Diese Erfahrung hat auch Barbara A. gemacht, Mias Mutter. „Kinder haben keine Bedenken in dieser Hinsicht.“ Für ihre Tochter wünscht sie sich schlicht: „Mia soll erfahren, dass sie normal ist.“ Ein reiner Kindergarten für Kinder mit Behinderung würde ihre Tochter zu sehr auf ihre Behinderung reduzieren, so die Meinung der Mutter. „Wir wollen Mia ja nicht in Watte packen. Sie soll alles machen können, was andere Kinder auch tun, nur eben in ihrem Tempo.“

„Kinder lernen immer in unterschiedlichem Tempo“ bestätigt Petra Hinkl. Ihre Wunschvorstellung wäre, dass es keine 

speziellen Einrichtungen für Kinder mit Behinderung mehr gibt, sondern dass alle Kinder zusammen betreut werden könnten.

Wie suche ich einen geeigneten Inklusionsplatz für mein Kind aus?

1. Petra Hinkl rät betroffenen Eltern, sich zunächst die Wunsch-Kita genau anzusehen:
  • Sind die Räume z.B. mit einem Rollstuhl zu befahren?
  • Wie gehen die Erzieher mit einer speziellen Behinderung um?
  • Wie sieht die Betreuung im Alltag aus?
  • Gibt es ein inklusives Konzept?
  • Kann das Kind zusätzliche Förderung z.B. durch Heilpädagogen oder Heilerziehungspfleger bekommen?

2. Ist die Wahl getroffen und vor Ort alles geklärt, stellen die Eltern einen Antrag auf Aufnahme auf einen Inklusionsplatz beim zuständigen Bezirk Mittelfranken. Dabei beraten und unterstützen die Leitungen der gewählten Kita gerne.

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