Interdisziplinäre Frühförderung unterstützt die Entwicklung von Kindern

Wenn es Kindern schwer fällt, abends ins Bett zu gehen, der Alltag immer anstrengender wird oder sie einfach nicht sprechen wollen, kann eine Frühförderung die rettende Unterstützung sein. Die Interdisziplinäre Frühförderstelle der Diakonie Neuendettelsau innerhalb des heilpädagogischen Kinderzentrums sind Orte, an denen diese Hilfe möglich ist.

Sonja und Andreas M. haben drei Kinder. Die älteste Tochter Sophie ist zwölf Jahre alt, Lina ist sieben und Jakob fünf. Die Frühförderung tauchte vor zwei Jahren in Familie M. Lebensalltag auf. Während sich Sophie völlig normal entwickelt hat, unterschied sich Linas Verhalten von dem der anderen Kindergartenkinder. „Lina hatte ein sehr ausgeprägtes Schwarz-Weiß-Denken. Sie hat nur Dinge getan, von denen sie wusste, dass sie sie konnte. War sie sich unsicher, hat sie sich komplett verweigert“, erzählt ihre Mutter Sonja. Neue Erfahrungen oder Erlebnisse hat Lina dann gar nicht erst ausprobieren wollen.

Eine Mutter und ihre Tochter sehen sich an.
Sonja M. freut sich über die Fortschritte ihrer Tochter Lina (7). © Foto: Amanda Müller


„Es war erst einmal ein Schock für uns, als uns die Erzieherin damals zu einer Frühförderung geraten hat“, sagt Sonja. „Natürlich macht man sich da Gedanken. Wir wussten nicht, was das für Lina bedeutet oder was auf uns zukommt.

Frühförderung ist leider immer noch ein Tabuthema

"Frühförderung ist leider immer noch ein Tabuthema", gibt sie zu. Zusammen mit ihrem Mann Andreas hat sie dann einen Beratungstermin bei Sigrid Flor vereinbart.

Sigrid Flor ist Einrichtungsleitern der Interdisziplinären Frühförderstelle in Neuendettelsau. Sie erklärt in einem Interview warum und wann eine Frühförderung sinnvoll ist:

Portrait von Sigrid Flor
Sigrid Flor leitet die interdisziplinäre Frühförderstelle Neuendettelsau. © Foto: Amanda Müller


Frage: Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Frühförderung“?

Sigrid Flor: Bei Schwierigkeiten in der Entwicklung hilft Frühförderung Kindern von der Geburt bis zur Einschulung. Sie dient dazu, die Persönlichkeit des Kindes zu entfalten, die Entwicklung zu begleiten, das Selbstvertrauen zu stärken, sowie die Familiensituation und die Erziehung zu unterstützen.

Frage: Wie geht es weiter, wenn sich die Familie für eine Förderung entscheidet?

Sigrid Flor: Wenn eine Familie zu uns kommt, sprechen wir zuerst ganz unverbindlich mit den Eltern. In zwei weiteren Terminen können wir anhand eines standardisierten Tests den aktuellen Entwicklungsstand des Kindes ermitteln und dem Kind dadurch die entsprechende medizinisch-therapeutische Behandlung und oder heilpädagogische Förderung Behandlung geben.

Frage: Wie kann man sich diese Frühförderung vorstellen?

Sigrid Flor: Das Kind merkt gar nicht, dass es gerade gefördert wird. Unsere Methoden sind kindgerecht und bestehen viel aus dem Lernen in spielerischer Form. Dazu haben wir Sandkästen, Puppenhäuser oder kleine Werkstätten, in denen sich die Kinder austoben, während unsere Therapeuten sie fördern. In der Frühförderstelle arbeiten unterschiedliche Bereichen zusammen, beispielswiese Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, Gestalttherapie oder Psychologie. Es wird auch immer das soziale Umfeld des Kindes miteinbezogen und wir geben Eltern Tipps für die Erziehung.

Frage: Woher wissen Eltern, ob ihr Kind eine Frühförderung benötigt?

Sigrid Flor: Wenn das Kind mal nicht hört oder nicht ins Bett geht, ist das ganz normal. Aufmerksam werden sollten Eltern dann, wenn Dinge zur Alltäglichkeit werden, bei denen sich die Eltern nicht sicher sind, ob sie normal sind. Dazu zählen beispielsweise eine undeutliche Aussprache, ungeschickte Bewegungen, Desinteresse oder besonders ängstliches, unruhiges oder aggressives Verhalten. Gerade die Entwicklungsschritte im Alter von 0 bis sechs Jahren sind sehr immens. Das Kind dabei richtig zu unterstützen ist sehr wichtig. Oftmals werden Eltern durch Gespräche mit Erziehern oder Ärzten darauf aufmerksam gemacht. Wir erleben allerdings auch sehr oft, dass es Eltern im Gefühl haben, ob ihr Kind Hilfe braucht oder nicht.

Frage: Oftmals wird eine Frühförderung nur mit Kindern mit einer Behinderung in Verbindung gesetzt. Stimmt das?

Sigrid Flor: Dass nur Kinder mit Behinderung eine Frühförderung erhalten, stimmt nicht. Entwicklungsstörungen können genauso bei Kindern ohne Behinderung auftreten. Ist das der Fall, ist eine Früherkennung und frühe Förderung enorm wichtig, um spätere Schwierigkeiten in der Schule präventiv zu vermeiden. Das bedeutet nicht, dass den Kindern eine geistige oder körperliche Behinderung droht, sondern einfach nur, dass sie in ihrem alltäglichen Leben durch bestimmte Verhaltensweisen eingeschränkt, also sozusagen durch etwas behindert sind. Bei Kindern mit Behinderung ist eine Frühförderung wichtig, um weitere Folgen der Behinderung zu mildern. Die Zielsetzungen sind dabei auf die jeweiligen Bedürfnisse der Kinder abgestimmt.

Frage: Wie können Eltern dem Kind zuhause helfen?

Sigrid Flor: Alle Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind. Ganz wichtig für die Entwicklung ist das Spielen. Wir nennen es das Königswerk des Kindes. Im Spiel drücken Kinder Emotionen aus und lernen die Feinmotorik. Des Weiteren sollten Kinder oft draußen in der Natur sein und klare Grenzen von den Eltern vermittelt bekommen.

Frage: Wer bezahlt die Förderung?

Sigrid Flor: Die Kosten für eine Frühförderung übernehmen normalerweise Sozialhilfeträger oder die Krankenkasse. In unserem Fall übernimmt auch die Diakonie Neuendettelsau einen Teil der Kosten. Das bedeutet, dass für die Familie selbst keine Kosten entstehen. Wichtig ist nur, dass die Familien die Hilfe auch annehmen.

Wie Familie M. Nach dem Gespräch mit Sigrid Flor hat Lina die beiden Tests gemacht, damit die richtige Behandlung für sie gefunden werden konnte. „Lina hat dann einmal die Woche eine Stunde Heilpädagogik und eine Stunde Ergotherapie bekommen. Wir haben bereits nach einem viertel Jahr gemerkt, dass sich etwas ändert“, erzählt Sonja. Da Lina im September Geburtstag hat, hat sich die Familie dafür entscheiden, sie erst ein Jahr später einzuschulen. „Das weitere Jahr und die Frühförderung haben den Druck von ihr genommen und mittlerweile freut sie sich riesig auf ihre Einschulung“, sagt Sonja und betont, dass es wichtig ist, auf das Bauchgefühl und die Reaktionen des Kindes zu hören. Auch Sonjas fünfjähriger Sohn Jakob geht seit eineinhalb Jahren zur Frühförderung. „Als er in den Kindergarten gekommen ist, haben wir relativ schnell gemerkt, dass er seine Gefühle nicht so gut unter Kontrolle hat. Er ist eigentlich ein ganz normaler Junge. Oft ist er anhänglich und zuvorkommend, aber manchmal auch sehr wütend“, erzählt Sonja. Seit Jakob regelmäßig Heilpädagogik und Ergotherapie erhält, ist das schon viel besser geworden. „Wir sind sehr froh, diesen Schritt gegangen zu sein und dass unseren Kindern geholfen wird, ohne dass sie Medikamente nehmen müssen“, betont Sonja.

Hier haben alle ein offenes Ohr für uns (...)

Der fünjährige Sohn Marlon von Doris K. und Marco G. kam mit dem Down-Syndrom auf die Welt. Deswegen wird er schon von Geburt an gefördert. Vom Säuglingsalter bis zum Eintritt in den Kindergarten sind die Eltern bei der Frühförderung mit dabei. „Seit Marlon ein Jahr alt ist, bekommt er Heilpädagogik und Physiotherapie. Vor kurzem hat er auch mit Logopädie angefangen“, erzählt Doris.

Ein Junge mit Down-Syndrom und seine Eltern.
Familie G. mit Sohn Marlon fühlt sich in der Frühförderung gut aufgehoben. © Foto: Amanda Müller


Die beiden fühlen sich gut aufgehoben. „Hier haben alle ein offenes Ohr für uns und Marlon wird so geholfen, dass er so gut wie möglich mit seiner Behinderung leben kann“, bestätigt Marco. Auch für den privaten Familienalltag mit Marlons neunjährigen, gesunden Bruder Dennis haben die beiden Tipps bekommen. So engagieren sie sich in einem Infocenter in Lauf und tauschen sich in einer Elterngruppe für Kinder mit Down-Syndrom mit anderen Eltern aus.

Die Interdisziplinäre Frühförderstelle Neuendettelsau mit Außenstelle in Ansbach:
Die Interdisziplinäre Frühförderstelle besteht aus einer Hauptstelle in Neuendettelsau in der Heilsbronner Str. 44 und einer Außenstelle mitten in Ansbach in der Heilig-Kreuz-Straße. Die Räume in der Hauptstelle im 2. Stock sind barrierefrei mit einem Aufzug zu erreichen. Einzelne Zimmer für Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, einem (heilpädagogischen) Gruppenraum, ein Zimmer für Diagnostiken, einem Werkraum und einen Sinnenraum in Anlehnung an Snoezelen stehen zur Verfügung.

Aufnahme und Kosten
Die Kosten für die Frühfördermaßnahmen werden in der Regel von der Krankenkasse und dem Bezirk Mittelfranken übernommen.
In einem unverbindlichen Erstgespräch erhalten Familien Hilfen bei Fragestellungen zur Einschätzung der Entwicklung des Kindes sowie erste Beratung und Unterstützung. Dieses offene Beratungsangebot wird ohne bürokratische Hürden durchgeführt. Eine Überweisung durch einen Arzt ist dafür nicht erforderlich. Tel. 09874/ 8-3607.

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