Kinderarmut ist auch in der Kita ein Thema

Armut bedeutet für Kinder etwas anderes als für Erwachsene. Armut bedeutet für sie keine Freunde zum Kindergeburtstag einladen zu können, weil in der Wohnung kein Platz ist oder die Eltern sich keine Geburtstagstorte leisten können. Es bedeutet für sie, selten frisches Obst oder Gemüse zu essen, nicht in den Ballettunterricht oder zum Reiten gehen zu können.
Wie gehen Kindertagesstätten mit dieser Thematik um?

Unsere Autorin Amanda Müller hat mit zwei Expertinnen gesprochen:

  • Petra Hinkl ist Geschäftsführende Leiterin des Bereiches Dienste für Kinder: Sie berichtet, wie sich Armut in der Kita äußert und wie Erziehrinnen und Erzieher damit umgehen können
  • Jutta Blischke leitet das Intergrative Familienzentrum Marterlach in Nürnberg: Sie berichtet von Begegnungen mit Armut in ihrem Arbeitsalltag und zeigt Möglichkeiten auf, arme Kinder zu unterstützen

Armut hat viele Gesichter. Und Armut ist mehr als nur der Mangel an Geld. Je geringer das Einkommen ist, desto größer ist auch das Risiko an Benachteiligungen in anderen Bereichen, wie beispielsweise Gesundheit, Bildung oder soziale Kontakte. Das beginnt bereits im Kindergarten. Aufwachsen unter Armutsbedingungen ist einer der stärksten Risikofaktoren der kindlichen Entwicklung. Der Studie der Bertelsmann Stiftung „Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche“ nach sind besonders Kinder alleinerziehender Familien oder Kinder mit zwei oder mehreren Geschwistern betroffen. Ein Problem, das seit vielen Jahren besteht.

Auch wenn Politik, Forschung und Praxis regelmäßig über das Thema Kinderarmut debattieren, betont Petra Hinkl, dass Armut im Alltag von Kindertagesstätten immer noch ein Thema ist, über das nicht gern gesprochen wird. Die Geschäftsführende Leitung der Dienste für Kinder der Diakonie Neuendettelsau weiß, dass es für viele Familien nicht einfach ist, zuzugeben, dass sie Hilfe brauchen. „Viele haben Angst vor einer Vor-Verurteilung oder Bloßstellung“, sagt sie.

Über 20 Prozent der Kinder in Deutschland sind von Armut bedroht


Dem Fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zur Folge ist jedes 5. oder 6. Kind von Armut bedroht. Die Gründe für Kinderarmut liegen insbesondere in der Erwerbstätigkeit der Eltern. Sind beide Elternteile berufstätigt, beträgt das Armutsrisiko rund fünf Prozent. Sind beide oder nur ein Elternteil arbeitslos, steigt es auf bis zu 64 Prozent. Gründe dafür gibt es viele.

„Entgegen der öffentlichen Meinung, entstehen prekäre Situationen selten durch eigenes Verschulden“, kritisiert Petra Hinkl und erläutert, dass einer der häufigsten Gründe auf mangelnde Bildungsmöglichkeiten zurückzuführen ist. Auch eine Trennung sei ein unterschätzter Punkt. Das Bild der alleinerziehenden Mutter ist nicht selten. „Trennt sich eine Frau von ihrem Mann und zahlt der keinen Unterhalt für das Kind, stehen Frauen vor einem großen Problem. Sie müssen Arbeit, Haushalt und Kindererziehung unter einen Hut bringen“, sagt Hinkl. Von voreiligen Stigmatisierungen in der Gesellschaft hält sie wenig.

„Wenn Kinder arm oder von Armut bedroht sind, bedeutet das nicht, dass es ihnen automatisch schlechter geht oder dass sich ihre Eltern nicht um sie kümmern. Im Gegenteil: Kindesmissbrauch oder Vernachlässigung gibt es in jeder Gesellschaftsschicht und stehen nicht zwingend in Zusammenhang mit schwierigen finanziellen Verhältnissen“, erklärt sie. „Bei einem geringen Einkommen müssen Familien ganz andere Prioritäten setzen. Ich kenne viele alleinerziehende Mütter, die alles dafür tun, ihren Kindern eine gute Bildung und Erziehung zu ermöglichen“, betont sie.

Aber was bedeutet es für Kinder, arm zu sein? Wie gehen Kitas damit um?


Expertin zum Thema Kinderarmut
Petra Hinkl, Bereichsleiterin Dienste für Kinder der Diakonie Neuendettelsau hält nichts von Stigmatisierungen: „Ich kenne viele alleinerziehende Mütter, die alles dafür tun, ihren Kindern eine gute Bildung und Erziehung zu ermöglichen.“ © Müller


Petra Hinkl im Interview mit Amanda Müller:

Frage: Wie äußert sich Armut in einer Kita?

Petra Hinkl: Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagessstätten werden anhand unterschiedlicher Aspekte auf mögliche Armutsbedrohung aufmerksam. Ich erläutere das gern anhand einer offiziellen und einer inoffiziellen Seite. Auf der offiziellen Seite sprechen Eltern das Thema Armut bereits bei der Anmeldung ihrer Kinder an. Wird eine Beitragsbefreiung für die Elternbeiträge beantragt oder hilft die wirtschaftliche Jugendhilfe, wissen wir, dass Eltern über geringes Einkommen verfügen.

Auch wenn die Kosten für das Mittagessen der Kinder mit Bildungs- und Teilhabe-Gutscheinen von der Arbeitsagentur auf einen Euro pro Tag gesenkt werden, können wir davon ausgehen, dass das Einkommen der Familien möglicherweise sehr niedrig ist.

Frage: …und die inoffizielle Seite?

Petra Hinkl: Die inoffizielle Seite zeigt sich im Alltag. Oft bringen von Armut betroffene Kinder keine Gummistiefel, Wechselkleidung oder Turnschuhe mit in die Kita. Auch wenn Kinder zu große oder zu kleine Kleidung tragen, kann das ein Hinweis darauf sein, dass sie die Kleidung von Geschwisterkindern geerbt haben.
Dass es möglicherweise am Wochenende nicht genug zum Essen gab, zeigt sich am Essverhalten der Kinder. Zum Beispiel dadurch, dass sie beim gemeinsamen Frühstück am Montag auffällig viel zu sich nehmen. Wir erleben auch, dass uns gegen Ende des Monats manche Eltern keine frischen Windeln mehr mitgeben oder die Kinder noch die volle Windel vom Vorabend tragen. Auch an dem was die Kinder beispielsweise von ihrer Freizeit- oder Urlaubsgestaltung berichten, können Rückschlüsse gezogen werden. Nicht jedes Kind erhält musikalische Frühförderung oder Ballettunterricht, verbringt den Urlaub am Meer oder erzählt von tollen Ausflügen.

Frage: Wird das Thema Armut bei Eltern angesprochen?

Petra Hinkl: Mit dem Thema Armut muss sehr behutsam umgegangen werden. Oft ziehen wir den Kindern stillschweigend Wechselkleidung aus der Fundkiste an oder andere Eltern bringen mehr Windeln als benötigt. Nur wenn es den Kindern an existenziellen Dingen fehlt, sollten sich die Eltern Hilfe holen. In Elterngesprächen weisen wir immer auf die Möglichkeiten der Unterstützung hin. Wir kennen Ansprechpartner des Jugendamts oder der Jugendhilfe. Viele Eltern wissen gar nicht, was ihnen zusteht und dass diese Unterstützung nicht mit Almosen gleichzusetzen ist.

Frage: Sind Erzieherinnern und Erzieher im Hinblick auf armutssensibles Handeln geschult?

Petra Hinkl: Unsere Kindertagesstätten sind mit verschiedenen Ämtern vernetzt und kennen deren Ansprechpartner und Angebote vor Ort. Das Thema Armut und armutssensibles Handeln werden in der Erzieher-Ausbildung nicht speziell behandelt. Die Einrichtungsleitungen kennen sich mit dem Thema Sozialrecht sehr gut aus. Sie geben den Erzieherinnen und Erziehern wertvolle Tipps und Ratschläge an die Hand.


Freizeitmöglichkeiten für Kinder
Bildung und Bewegung fördern: Familien erhalten im Familienzentrum Marterlach jede Menge Freizeittipps. © Müller


Frage: Was bedeutet das für die Kinder?

Petra Hinkl: Die Chancen eines Kitabesuchs bei der Diakonie Neuendettelsau liegen darin, dass alle Kinder das Gleiche erleben. Wenn sie die Kita betreten, betreten sie in eine Welt, in der die Herkunft erstmal egal ist. Es spielt keine Rolle aus welchen Verhältnissen die Kinder kommen, ob sie arm oder reich sind. Sie alle werden bei uns gleichermaßen gefördert, sitzen am gleichen Tisch und bekommen das gleiche zu Essen. Wir lehnen kein Kind aufgrund seiner Nation oder Kultur ab. Wir arbeiten in allen Einrichtungen mit dem Ansatz inklusive Pädagogik. Auf diese Weise lernen Kinder von Anfang an unterschiedliche Lebenswelten kennen und akzeptieren. Und sie erleben im Alltag, dass Menschen verschieden sind, über unterschiedliche Stärken und Schwächen verfügen und daraus folgend ein unterschiedliches Maß an Unterstützung benötigen.

„Wenn Kinder nichts zu essen haben, ist das etwas ganz Schlimmes“

Trotzdem hat Kinderarmut weitreichende Folgen für das Aufwachsen, die Entwicklung und die Teilhabe in der Zukunft. Der Besuch einer Kita oder eines Kindergartens kann die Teilhabechancen erhöhen. In den vergangenen Jahren wurden die Betreuungsplätze durch die Kommunen kontinuierlich ausgebaut.

„In Kindergärten liegt die Versorgungsquote heute bei 90 bis 95 Prozent. Bei Betreuungsplätzen in Kinderkrippen stieg die Versorgungsquote von anfangs unter zehn auf bald 40 Prozent“, erklärt Petra Hinkl.

Aber nicht nur die Anzahl der Betreuungsplätze, sondern auch die Qualität der Betreuung spielen eine wichtige Rolle.

Hier kommt Jutta Blischke ins Spiel. Jutta Blischke ist Einrichtungsleiterin des Integrativen Familienzentrum Marterlach, das im September 2014 von der Diakonie Neuendettelsau eröffnet wurde. Vorher hat sie viele Jahre in der Jugendhilfe gearbeitet. Sie kennt die vielen Gesichter der Armut. „Da waren Kinder, die sich ein Bett geteilt haben. Der schwarze Schmutz an der Bettdecke ist schon abgeblättert. Manchmal saß ich nach so einem Erlebnis heulend im Auto“, sagt sie.


Bücherturm: Maßnahme gegen Kinderarmut
Zugang zu Medien: Der Bücherturm, der unter der Leitung von Jutta Blischke aufgestellt wurde, erfreut sich großer Beliebtheit. © Müller


Seitdem hat sie das Thema Armut nicht mehr losgelassen. „Wo Armut ist, ist auch ganz oft Scham im Spiel“, sagt Jutta Blischke. Sie weiß wovon sie spricht. „Das Klischee, dass sich Eltern große Fernseher oder teure Handys leisten, ihrem Kind aber nicht genug zu essen kaufen können, stimmt nicht. Wenn Kinder nicht genug zu essen haben, ist das etwas ganz Schlimmes“, betont sie. Alle Eltern wollen ihrem Kind ein gutes Leben bieten, doch nicht immer reicht das Einkommen dafür aus.
Unterstützung, also einen Zuschuss zu den monatlichen Kosten für die Kindertagesbetreuung, bekommen Familien, deren Einkommen unter der Belastungsgrenze liegt. Die errechnet sich aus den in der Sozialhilfe festgelegten Beiträgen für alle Familienmitglieder. Jutta Blischke erzählt mir von Familien, deren Einkommen nur wenige Euro über dieser Grenze liegt. „Natürlich muss irgendwo eine Grenze gezogen werden, aber wenn das Einkommen einer Familie nur zehn Euro über der zumutbaren Belastung liegt, haben sie einen großen Berg an monatlichen Ausgaben vor sich, den sie ohne Unterstützung bewältigen müssen“, sagt sie.

Weil ihr das Thema am Herzen liegt, engagiert sich Blischke in vielfältiger Weise für das armutssensible Handeln in ihrer Einrichtung. „Uns ist es ganz wichtig, dass nicht nur die armen Familien unsere Angebote nutzen können, sondern alle. Damit wollen wir einer erneuten Ausgrenzung vorbeugen“, erklärt sie.

Angebote gibt es viele. Das gemeinsame Frühstück bietet die Kita schon lange an. Alle zwei Wochen organisieren sie auch ein Eltern-Frühstück, bei dem ausgewählte Themen, wie beispielsweise gesunde Smoothies oder schnelle Frühstücksalternativen, zur Sprache kommen. Manchmal ist sogar eine Ernährungsberaterin dabei, die Tipps gibt.

Auch im Bereich der Bildung hat die Kita monatliche Angebote. Von Stadtführungen über Kindertheater bis hin zu Museums- oder Tiergartenbesuchen. Ganz wichtig ist es Blischke, die Eltern mitzunehmen. Das schafft sie mit einer guten Atmosphäre und engem Kontakt. „Wir greifen Eltern niemals an oder weisen sie darauf hin, was sie zuhause anders machen könnten“, betont Blischke.

Eine Pinnwand informiert über Veranstaltungen oder Neuerungen.

Aspekte von Bildung oder gesunder Ernährung lernen Kinder oft ganz alleine. Blischke erzählt von den Kindern, die mit einer Tüte Chips, einem Stück Pizza oder oft auch ohne Frühstück in die Kita kommen. Sie erklärt, dass es in vielen Familien normal ist, nicht gemeinsam am Tisch zu sitzen sondern das zu essen, worauf man gerade Lust hat.
„Wir frühstücken jeden Tag gemeinsam. Die Kinder probieren irgendwann auch mal Müsli oder Obst, selbst wenn sie es zuhause bisher immer verschmäht haben. Das liegt auch daran, dass sie es den anderen Kindern nachmachen. Alle essen Müsli, also wollen sie es auch probieren“, erzählt sie. Durch das gemeinsame Vorbereiten und Einkaufen bekommen die Kinder ein Gespür dafür, wieviel man braucht und lernen, dass man für gesunde Nahrung nicht mehr Geld ausgeben muss. „Das tragen sie dann wiederum mit in ihre Familie“, so Blischke.

Gut angenommen wird die Kinderbücherei und der Bücherturm, der im Eingangsbereich des Familienzentrums steht. Die Bücher können sich Eltern oder Kinder einfach mit nach Hause nehmen und nach dem Lesen wieder in den Turm stellen.

Regelmäßig organisiert das Familienzentrum verschiedene Angebote, die jede Familie nutzen kann. „Wir hatten zum Beispiel einen Wellnesstag für Mütter und Kinder, bei dem die Mütter die Angebote organisiert haben. Dabei bot eine Mutter, die Friseurin ist, Haarschnitte an“, erzählt die Einrichtungsleiterin.

Mit ins Spektrum fällt auch der Umgang mit Fundsachen, für den sich das Familienzentrum etwas ganz Besonderes ausgedacht hat: „Man kann gar nicht glauben, was bei uns alles liegen bleibt. Winterjacken, Fahrradanhänger, Buggies, die nie abgeholt werden, versteigern wir auf nach einer bestimmten Zeit auf unseren Festen. Da kann jede Familie mitsteigern“, sagt sie.

Momentan arbeitet Blischke an einer Umsetzung eines offenen Kleiderschranks, in den Eltern guterhaltene Kleidungsstücke legen können, die ihren Kindern nicht mehr passen. So ähnlich wie der Bücherturm.

Auch wenn sie weiß, dass es noch ein langer Weg werden wird, bis Armut nicht mehr tabuisiert wird, will sie am Ball bleiben. „Armut wird es immer geben, wir müssen nur richtig darauf reagieren“, sagt sie.


Familienzentrum Marterlach
Kontakt

Familienzentrum Marterlach
An der Marterlach 28
90441 Nürnberg

+ 49 (0) 911 / 46 23 68-0

E-Mail schreiben



Informationen zu den Angeboten des Bereiches "Dienste für Kinder"




Diesen Artikel teilen

Mehr Lesen zum Thema
25. Oktober 2017

In den Kitas der Diakonie Neuendettelsau in Nürnberg bekommen die Kinder kostenlos ein gesundes Frühstück und lernen dabei gesunde Lebensmittel schätzen.

Haben Sie Fragen? Wir helfen Ihnen gerne.

Wenn Sie sich näher über unser Angebot informieren möchten, können Sie gerne Ihre
bevorzugte Kontaktmöglichkeit hinterlassen.

Oder rufen Sie uns an unter unserer Service-Nummer:

+49 (0) 180 28 23 456 (6 Cent pro Gespräch)