4. "Rescue Day" in Neuendettelsau beschäftigt sich auch mit Übergriffen auf Mitarbeitende im Rettungsdienst

Rescue_Day Neuendettelsau 2018
Zum vierten Mal findet am 22. September in der Clinic Neuendettelsau der "Rescue Day" statt.

Zum vierten Mal findet am 22. September in der Clinic Neuendettelsau der "Rescue Day" statt. Bei diesem Symposium für den Rettungsdienst treffen sich Fachkräfte aus dem Bereich der Rettungsmedizin. Ein Schwerpunktthema in diesem Jahr ist die Gewalt gegen Rettungskräfte.

Helmut Schemm hat dazu mit Markus Hitz gesprochen. Markus Hitz ist Notfallsanitäter und Referent beim "Rescue Day".
Gewalt gegen Rettungskräfte – es ist schwer vorstellbar, aber für viele Helfer und Helferinnen im Rettungsdienst gehören verbale und körperliche Übergriffe zum Berufsalltag. Für Bayern liegen noch keine Fallzahlen vor, doch verschiedene Studien aus Hamburg, Neubrandenburg und Nordrhein-Westfalen liefern konkrete Anhaltspunkte über das Ausmaß. Die Daten zeigen auf, dass pro Jahr circa 60 Prozent aller Rettungskräfte im Dienst mindestens einmal Opfer physischer Gewalt werden. 

Handelt es sich bei den Übergriffen in der Berichterstattung um ein neues Phänomen oder ist das Problem heute einfach stärker in den Medien präsent?

Markus Hitz: Gewalt gab es schon immer, solange die Menschheit existiert und wird es auch genauso lange geben. 

Auch im Rettungsdienst sind gewaltbereite Patienten, Angehörige oder auch Passanten nichts Neues, da hat sich meinem Empfinden nicht viel geändert. Allerdings ist die Aufmerksamkeit, die den Rettungskräften gewidmet wird, dankenswerterweise gestiegen. Nicht selten führen heute Berichte in sozialen Medien dazu, dass die Presse sich stärker mit diesen Ereignissen beschäftigt. Somit werden mehr Vorfälle publik, die früher ähnlich passiert sind, die aber niemand mit seiner Handykamera gefilmt hat.
Das ist einerseits gut, wenn es dazu führt, dass der Respekt vor der ohnehin sehr schweren und belastenden Arbeit des Rettungsdienstes ein Stück zurückkommt. Oder die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Behörden vereinfacht und schneller wird. Schlecht ist es andererseits, wenn hierdurch Nachahmer auf den Plan gerufen werden, die gerne mal ins Fernsehen kommen wollen. 


Wie kann man sich einen Übergriff vorstellen?

Markus Hitz: In den meisten Fällen bleibt es glücklicherweise bei verbalen Attacken. Wir werden beschimpft, beleidigt, 

angepöbelt und bedroht. Die Zahlen sind hier eindeutig – statistisch gesehen passiert das jedem Rettungsdienstmitarbeiter mindestens einmal im Jahr.
Mit Blick auf körperlicher Gewalt ist unsere besondere Rolle gleichzeitig auch unser größtes Risiko. Wir müssen an die Personen heran und nehmen nicht selten Körperkontakt auf, was zwangsläufig dazu führt, dass wir sehr nahe an den Patienten und ihren Angehörigen stehen. Dadurch ist es möglich, dass diese Personen nach uns greifen und teilweise auch kräftig zupacken. Spuckattacken oder Bisse kommen ebenfalls immer wieder vor. In der weiteren Distanz gehört Schubsen, Schlagen oder Treten zu den üblichen Angriffen.
Eine weitere Form der Gewalt geht von bewaffneten Tätern aus. Hier sind Messer vergleichsweise häufig zu finden. Sei es, weil er es von vornherein bei sich trägt oder weil Messer praktisch überall – zum Beispiel in der Küche – zu finden sind. In die gleiche Kategorie fallen andere Waffen oder Werkzeuge, die schneiden können, wie eine zerbrochene Flasche. Dies kommt dennoch relativ selten vor. Andere Waffen spielen in Deutschland bis dato zum Glück eine sehr untergeordnete Rolle, wofür wir alle sehr dankbar sein dürfen. 

Wer sind die Täter, die den Rettungsdienst angreifen?

Markus Hitz: Die Täter sind nach allen Statistiken zum überwiegenden Teil die Patienten selbst. An zweiter Stelle 

rangieren Angehörige und Freunde der Patienten. Erst dann folgen Passanten oder alle Übrigen. Damit handelt es sich überwiegend um Menschen, denen wir helfen wollen oder Personen aus dem unmittelbaren Umfeld. Interessanterweise belegt eine der Studien, dass die Wahrscheinlichkeit, von einem Mensch mit Migrationshintergrund angegriffen zu werden geringer ist als von einem Menschen ohne diesen Hintergrund.
Laut den Statistiken ist der „übliche“ Täter männlich, zwischen 20 und 40 Jahren alt. Er ist oft alkoholisiert und der Patient. Doch es gibt auch andere Fälle. Der letzte Täter, der mich angegriffen hat – das war im September 2017- war eine Frau, Mitte 50, die nüchtern war.

Warum kommt es zu den Übergriffen? Gibt es Erkenntnisse zu den Gründen?

Markus Hitz: Das ist natürlich die Frage aller Fragen. Die Angreifer stehen sehr oft unter dem Einfluss von Drogen, das betrifft etwa 75 Prozent aller Täter. Dabei stellt Alkohol die häufigste Form dar. Etwa die Hälfte der Angreifer ist alkoholisiert. Eine Personengruppe, die sonst kaum ins Gewicht fällt, sind psychisch kranke Personen. Hier kommt es naturgemäß zu vielen Berührungspunkten mit dem Rettungsdienst.
Ich denke jedoch, dass man es sich zu leicht macht, wenn man es nur dabei belässt. In der Tat ist die Frustration in der Bevölkerung sehr hoch und negative Gefühle suchen sich einen Weg, um bearbeitet zu werden. Im Rahmen der Täter-Opfer-Psychologie zeigt sich, dass ein gewaltbereiter Mensch dafür nicht unbedingt jemand Ebenbürtiges sucht, sondern eher jemanden, an dem er leicht Macht demonstrieren kann. Der Rettungsdienst hat in der Regel ein sehr defensives Auftreten. Wir versuchen stets ruhig, respektvoll und eher zurückhaltend vorzugehen. Dies wird im Rahmen der Täter-Opfer-Psychologie häufig als Schwäche ausgelegt. Somit bieten wir uns geradezu als Opfer an.

Was kann der Retter tun, um sich zu schützen?
Markus Hitz: Die beste Waffe der Mitarbeitenden im Rettungsdienst ist eine offene und geschärfte Wahrnehmung. Es 

muss den Rettungskräften bewusst sein, dass es in aller Regel Anzeichen für drohende Gewalt gibt. Diese Signale zu erkennen, darin müssen sie geschult werden.
Die Mitarbeiter im Rettungsdienst sind weder ausgebildet noch ausgerüstet für eine körperliche Auseinandersetzung. Das bedeutet, dass die erste, beste und empfehlenswerteste Taktik immer der Rückzug sein muss. Ein Selbstverteidigungskurs über ein oder zwei Wochen zeigt in akuten Stresssituationen keinerlei Wirkung, weil die Inhalte dann nicht abgerufen werden können. Viel Wichtiger ist es, gar nicht erst zu einem Opfer in der Wahrnehmung der Täter zu werden.
Der moderne Mitarbeitende im Rettungsdienst ist in der Wahrnehmung der Signale geschult und versteht es, sich potentiellen Angreifern als ebenbürtiger Gegner zu präsentieren. Nicht indem er in eine Verteidigungsposition geht, um zu kämpfen, sondern indem er den Signalen der Angreifer gleichwertige Signale entgegensetzt. Er präsentiert sich durch Haltung, Mimik, Gestik und Proxemik (Bewegung im Raum) als jemand, der als gleichwertiger Spieler in einer komplexen Situation erkannt wird. Es gibt klare Belege dafür, dass ein solches klares Auftreten – fern von jeder Arroganz, Überheblichkeit oder Ignoranz – eindeutige Wirkung in der Psychologie von gewaltbereiten Personen erzeugt. 

Wie verarbeiten betroffene Sanitäter die Situation? Gibt es hier Unterstützung?

Markus Hitz: In aller Regel wird im Kollegenkreis intensiv über entsprechende Einsätze gesprochen. Zum Glück ist die

Mentalität der Unverwundbarkeit, die lange gepflegt wurde, auf dem Rückzug. Allerdings spürt man den Mangel an Fachkräften auch im Rettungsdienst. Dieser wird sich in den nächsten 10 Jahren dramatisch weiterentwickeln. Hier sollte klar sein, dass belastende Einsätze – egal welcher Art – nur mit angemessenem Aufwand zu bewältigen sein werden.
Der erste Schritt zur Verarbeitung erfolgt im Regelfall im Kollegenkreis. Gespräche im Team des Einsatzes können ergänzt werden durch sogenannte Peers, also gleichrangige, oft erfahrene Kollegen, die speziell ausgebildet sind, um ihre Kollegen zu unterstützen. Dies ist abzugrenzen von Kriseninterventionsteams, die sich vor allem um Angehörige und Freunde von Verstorbenen kümmern. Natürlich besteht auch die Möglichkeit – gerade bei kirchlichen Organisationen – mit einem Seelsorger zu
sprechen.In einigen wenigen Fällen haben die Rettungsdienstorganisationen bereits Psychologen benannt, an die sich betroffene Kollegen wenden können. Vollkommen frei steht es natürlich jedem, sich im Rahmen seiner Gesundheitsfürsorge selbst um Hilfe zu kümmern. Leider muss man jedoch auch sagen, dass es nach wie vor Vorgesetzte gibt, die sich der Problematik noch nicht wirklich bewusst sind. 

Der "Rescue Day" ist eine Fortbildung an der Clinic Neuendettelsau für Mitarbeitende im Rettungsdienst. Weitere Informationen finden Sie hier: Rescue Day

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