Die Diakonie Neuendettelsau und das Diak Schwäbisch Hall wollen sich zum größten diakonischen Unternehmen in Süddeutschland mit rund 10.000 Mitarbeitenden zusammenschließen. Das neue Unternehmen wird sich in der Öffentlichkeit auch mit einem neuen Erscheinungsbild präsentieren.
Beide Unternehmen passen nach Ansicht von Dr. Mathias Hartmann, dem Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Neuendettelsau, auch deswegen gut zusammen, weil sie beide im 19. Jahrhundert als Diakonissenanstalten gegründet wurden.

Dr. Heike Krause, Archivarin im Diak, und Matthias Honold, Archivar der Diakonie Neuendettelsau, geben einen Überblick über die historischen Wurzeln beider Werke:

1) Dieselben Ziele bei der Gründung – Neuendettelsau 30 Jahre früher

Wilhelm Löhe, seit 1837 Pfarrer in Neuendettelsau, hatte die sozialen Nöte bedingt durch den fränkischen Pauperismus, in seiner Umgebung kennengelernt. Aus seiner Heimatstadt Fürth kannte er zudem die beginnende Industrialisierung mit ihren Problemen. Zudem sah er die Defizite in der Ausbildung junger Frauen. Durch die Gründung des Neuendettelsauer Diakonissenhauses am 9. Mai 1854 brachte Löhe beides zusammen. Sein ursprüngliches Konzept sah die Ausbildung in Neuendettelsau vor, im Anschluss daran sollten die Diakonissen in den Gemeinden tätig werden.

Als Reiseprediger der südwestdeutschen Konferenz für Innere Mission hatte Pfarrer Hermann Faulhaber die vielfältigen Aktivitäten in Kirche und Diakonie kennengelernt; er wusste aber auch um die Defizite. Gerade die häusliche Kranken-, Alten- und Armenpflege, vor allem in ländlichen Gebieten, lagen im Argen. Durch diese Erfahrungen keimte in ihm die Vision von einem „Diakonissenhaus“ mit einem darin untergebrachten Krankenhaus, das junge Frauen in der Krankenpflege ausgebildet, und vom Aufbau eines flächendeckenden Netzes von Gemeindestationen im nördlichen Württemberg. Am 1. Februar 1886 nahm das Diakonissenhaus seine Arbeit auf.

2) Der Beginn ohne Kaiserswerth


© Diakonie Neuendettelsau


Löhe wollte ursprünglich kein Mutterhaus im Fliednerschen Sinne. Die Arbeit der Diakonissen in den Gemeinden sollte über „Hilfsvereine“ des „Vereins für weibliche Diakonie in Bayern“, ermöglicht werden. Dies funktionierte aber nicht aus verschiedenen Gründen. Zum einen entstanden nicht ausreichend Hilfsvereine, zum anderen benötigten die Diakonissen soziale Absicherung im Krankheitsfall oder im Alter. 1858 führt Löhe dann Kaiserswerther Strukturen in Neuendettelsau ein. Zudem beginnt er in Neuendettelsau die verschiedenen Arbeitsgebiete (Behindertenhilfe, Krankenhäuser, Schulen …) weiter zu entwickeln und Gebäude dafür zu errichten.


Pfarrer Faulhaber lehnte eine Anbindung an Kaiserswerth ab; sein Vorbild war Gustav Werner.

Ohne Lohn, jedoch vom Diakonissenhaus mit allem Notwendigen, Kost, Logis und Kleidung versorgt, sollten junge Frauen und kinderlose Witwen im Alter zwischen 18 und 36 Jahren nach ihrer Ausbildung in der Krankenpflege für eine gewisse Zeit in den Gemeinden arbeiten – so sah die Intention des Diakgründers Faulhaber aus. Er nannte die Schwestern zwar Diakonissen, sie waren es aber im heutigen Sinne nicht, sie wurden auch nicht eingesegnet.

Der Unterschied: Während Wilhelm Löhe rasch erkennt, dass dieser Weg in eine Sackgasse führt und ihn korrigiert, ging ihn Hermann Faulhaber unbeirrt weiter – und scheiterte…

3) Das Diakonissenhaus wird Diakonissenanstalt

Unter Faulhabers Nachfolger, Pfarrer Gottlob Weißer, kommt es in Hall 1899 zum Neubeginn. Er strukturiert sowohl die Verwaltung (u. a. hatte die Oberin seit 1904 Sitz im Verwaltungsrat) als auch den Finanzhaushalt neu. Unter seiner Leitung erweitert die Diakonissenanstalt – so seit Pfarrer Weißer der neue Name – ihre Aufgabenbereiche: Neben Krankenhaus, Gemeindepflege und Krankenpflege jetzt auch Betreuung von Behinderten, Psychischkranken (1900) und Senioren (1904), Solbadarbeit (1899), Ausbau der Ökonomie und Hauswirtschaft. Die Krankenpflegeausbildung erhält unter Pfarrer Weißer einen neuen Stellenwert; neben Diakonissen konnten die Krankenpflegeausbildung auch Frauen absolvieren, die sich nicht an das Mutterhaus ‚binden’ wollten („Hilfsschwestern“). 1908 staatliche Anerkennung der Krankenpflegeausbildung, 1924 der Krankenpflegeprüfung.


© Diak Schwäbisch Hall


Pfarrer Weißer macht aus der Haller ‚Diakonisse‘ die Diakonisse Kaiserwerther Prägung mit Einsegnung (erstmals 1901). Mit Einführung der Probezeit und der Einsegnung der Schwestern hatte das Haller Mutterhaus wichtige Voraussetzungen erfüllt, um in die Kaiserswerther Generalkonferenz aufgenommen zu werden (1904).

Eine Parallelität beider Häuser ist der Aufbau ähnlicher Arbeitsgebiete, vor allem die Arbeit mit Menschen mit Behinderung zeigt dies auf. Ebenso der Ausbau der Senioreneinrichtungen lässt sich in beiden Orten beobachten, wobei hier auch der zeitliche Abstand (Neuendettelsau wurde über 30 Jahre früher gegründet) geringer wird. Die berufliche Ausbildung zeigt ebenfalls Parallelen. Die allgemeinbildenden Schulen bleiben aber ein Alleinstellungsmerkmal Neuendettelsaus. Auch der stetige Ausbau der Einrichtungen ist an beiden Standorten zu beobachten.

4) Verbindende Geschichte: Euthanasie

Am 14. November 1940 beschlagnahmte die Haller Kreisleitung der NSDAP das Gottlob-Weißer-Haus mit der Vorgabe, dass das Gebäude innerhalb einer Woche von Mensch und Mobiliar geräumt sein müsse. Ein Großteil der Patienten konnte im Diak selbst untergebracht werden. Jedoch 33 Patienten mussten der Heilanstalt Christophsbad in Göppingen und 240 der Heilanstalt in Weinsberg überstellt werden. 184 von ihnen (darunter 51 Kinder) wurden 1940 und 1941 in Grafeneck und Hadamar getötet. Das jüngste Opfer war 3 Jahre alt, das älteste 84 Jahre alt. Zwischen 1940 und 1942 starben nochmals 21 ehemalige Haller Patientinnen in Weinsberg durch die sogenannte „Wilde Euthanasie“.

Auch Neuendettelsau ist von den „Euthanasie“-Ereignissen der Jahre 1940-45 schwer betroffen. Als eine der größten Einrichtungen für Menschen mit Behinderung im Deutschen Reich betreute man über 1700 Menschen. Von diesen wurden über 1200 in Staatliche Heil- und Pflegeanstalten deportiert. Über 430 wurden in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet, über weitere 450 verstarben in den Heil- und Pflegeanstalten.

5) Verbindende Umbrüche: Frage nach der Mutterhaus-Diakonie (1960er Jahre)

Große Veränderungen waren seit den 1930er Jahren zu beobachten: Die Diakonisseneintritte gingen ab 1937 drastisch zurück, und der Krieg forcierte die Entwicklung noch. Zwar stiegen die Zahlen in der unmittelbaren Nachkriegszeit nochmals an, aber ab 1954 waren sie stark rückläufig, bis sie 1969 schließlich bei Null angelangten. Zwischen 1978 und 1981 gab es nochmals vier Eintritte. Auch im Haller Mutterhaus musste man sich allmählich mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Zeit, als Diakonissen das Gesicht des Diaks prägten, zu Ende ging. Verstärkt ab 1965 kam es im Kaiserwerther Verband zu Überlegungen, wie es mit der Mutterhausdiakonie weitergehen soll.

Diese Entwicklung ist auch in Neuendettelsau zu beobachten. Allerdings gab es bis in die 80er Jahre noch Einsegnungen von Diakonissen. Allerdings „kippte“ das Verhältnis von „freien“ Mitarbeitenden und Mitarbeitenden aus den verschiedenen Gemeinschaften bereits 1966. Erstmals waren in diesem Jahr mehr „freie“ Mitarbeitende für die Diakonissenanstalt Neuendettelsau tätig.

Auch in Neuendettelsau gab es drei Gemeinschaften: Seit 1854 die Diakonissengemeinschaft, seit 1863 die Brüderschaft und seit 1918 die Hilfsschwesternschaft, aus der sich 1939 die Verbandsschwesternschaft bildete, in den 1970er Jahre die Diakonische Schwesternschaft. 1994 vereinten sich die Diakonischen Schwestern und Brüder zur Diakonischen Schwestern- und Brüderschaft. Seit 1999 können sich Mitarbeitende mit dem „Diakonat“ beauftragen lassen. Hier unterscheidet sich der eingeschlagene Weg gegenüber dem Diak.

© Diak Schwäbisch Hall


Nach zahlreichen Beratungen in den Schwesternräten der Diakonissen und Verbandsschwestern in Hall kam man 1968 zu dem Ergebnis, dass man Diakonissen, Haller Kranken- und Kinderkrankenschwestern, Krankenpflegehelferinnen sowie die Schülerinnen unter dem Dach der „Haller Schwesternschaft“ zusammenschließen wolle. Am 1. Januar 1969 trat die neue Ordnung in Kraft. Ziel war es, junge Menschen wieder an die Diakonie und an diakonisches Arbeiten heranzuführen. Nach dem Beitritt der männlichen Krankenpfleger wurde aus der „Schwesternschaft“ 1975 die „Gemeinschaft der Haller Schwestern und Pfleger“. Seit 2003 können alle Mitarbeiter/innen des Diaks in der „Gemeinschaft der Haller Schwestern und Brüder“ zur christlichen Unternehmenskultur in ‚ihrem’ Werk beitragen.

6) Aus der Diakonissenanstalt wird das Diakoniewerk (1974 bzw. 1978)

Folge dieser Entwicklung war eine Namensänderung:

Aus der Neuendettelsauer Diakonissenanstalt wird das Evangelisch-Lutherische Diakoniewerk Neuendettelsau (Satzung tritt zum 1.5.1974 in Kraft).

Aus der „Diakonissenanstalt“ wurde am 1. Januar 1978 das „Evangelische Diakoniewerk Schwäbisch Hall e.V.“.

Fazit:

Beide Einrichtungen zeigen viele Parallelen in ihrer Entwicklung auf. Geprägt von Persönlichkeiten in den ersten Jahren, neue Konzeptionen bei der Diakonissenarbeit (die in beiden Einrichtungen revidiert wurden), bis hin zum Aufbau ähnlicher Arbeitsgebiete.

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