Susanne Radloff, Mitarbeiterin im Wohnstift Hallerwiese in Nürnberg besuchte zusammen mit einer Pilgergruppe der Diakonie Neuendettelsau und der Augustana-Hochschule zum Nagelkreuzzentrum in Coventry, England. Sie erzählt uns nun über ihre Erlebnisse und Eindrücke.

Frau Radloff, Sie waren im Oktober 2016 für vier Tage in England und haben dort das Nagelkreuzzentrum von Coventry besucht. Was hat Sie besonders beeindruckt?

Ich war überwältigt von der Schönheit und dem architektonischen Stil der neuen Kathedrale sowie der inneren Ausgestaltung wie z. B. die in kräftigen Farben strahlenden Glasfenster, die Engelfiguren im gläsernen Portal und das Abbild Jesu als riesiger Wandvorhang. Die neue Kathedrale ist direkt angebaut an die beeindruckende Ruine der ursprünglichen Kathedrale, die im Krieg von den Deutschen zerstört wurde. Welche Charaktergröße hatte der damalige Pfarrer, Richard Howard, der damalige Propst von Coventry. Nach all diesen schlimmen Erfahrungen zog er Nägel aus den verkohlten Dachbalken und formte daraus ein Kreuz und rief die Menschen zur Vergebung auf. Besonders schön war zu wahrzunehmen, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Glaubenshintergründen nach Coventry pilgern und zum Gebet zusammenkommen.

Wie haben Sie die Gastfreundschaft in England erlebt?

Die englische Gastfreundschaft habe ich schon in jungen Jahren bei einem Schüleraustausch kennengelernt und in vielen Urlauben regelmäßig erleben können. In der Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry waren wir umgeben von besonders netten und aufmerksamen Menschen, die uns herzlich empfangen haben. Wir haben in den Tagen viele intensive Gespräche geführt, waren zum Essen eingeladen und haben interessante Führungen durch die Kathedrale und die Stadt erhalten. Ein besonderer Höhepunkt war eine Probe der „Bell-Ringer“ im Glockenturm, was in England eine große Tradition hat.

Welche Erfahrungen konnten Sie aus Coventry nach Deutschland mitnehmen?

Coventry will uns erinnern, in schwierigen beziehungsweise negativen Situationen oder Begegnungen weniger dem menschlichen Gefühl nachzugehen, „Böses mit Bösem“ vergelten zu wollen, sondern nach christlichem Auftrag das Böse mit Gutem zu überwinden suchen. Das Handeln der entstandenen Nagelkreuzgemeinschaft will diesen natürlichen, menschlichen Kreislauf durchbrechen und ruft auf, den Blick auf die Barmherzigkeit Gottes und auf die Versöhnungskraft Jesu zu lenken. Die christliche Kernbotschaft mit den Worten „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ und „Segne deine Feinde“ können in diesem Zusammenhang erkennen lassen, was tatsächlich geschieht, wenn Menschen danach handeln. Aber es braucht diese einzelnen, besonderen Menschen mit Mut zur Feindesliebe, um andere mitzuziehen. Ohne Vergebung gibt es keinen Neuanfang. Das ist immer wieder eine wichtige Erfahrung im eigenen, persönlichen Bereich und in der großen Politik.

Wie leben Sie Ihren Glauben an Ihrem Arbeitsplatz?

Ich bin froh, dass ich einen christlichen Arbeitgeber habe und ich nicht mein Kreuz an der Kette verstecken oder ablegen muss. Ich darf mich offen zu meinem Glauben bekennen und mit einem schwerstkranken oder sterbenden Bewohner ein Gebet sprechen. Was bleibt uns als Menschen in Zeiten von seelischer oder körperlicher Not? Nur die Liebe und der Respekt der Menschen meiner Umgebung, nur Tröstendes, was über das Irdische hinausgeht, nur Konkretes als oberflächliche Worte. All dies kann ich persönlich nur im christlichen Glauben finden. Wer schon tiefe emotionale Täler erlebt hat, der weiß, dass menschliche Worte nicht aufrichten können. Aber Worte des Glaubens von Freunden oder Kollegen, ernst gesprochene Gebete von Glaubenden, das ist das effektivste Trostpflaster, das ich selbst erlebt habe.




Hintergrund zur Aufnahme der Diakonie Neuendettelsau in die Nagelkreuzgemeinschaft:

Die Nagelkreuzgemeinschaft ist ein weltweites Netzwerk, das sich - in enger Verbindung zur Kathedrale von Coventry - für Frieden und Versöhnung einsetzt. Aufgenommen werden Kirchengemeinden und Organisationen, die sich für diesen Auftrag besonders engagieren. Auch in der Diakonie Neuendettelsau sind Friedensarbeit und Versöhnung wichtig. 1.200 Menschen mit Behinderung der eigenen Einrichtungen wurden während der Zeit des Nationalsozialismus abtransportiert und ermordet. An diese schreckliche Vergangenheit erinnert die Diakonie Neuendettelsau mit Gedenkgottesdiensten, Gedenktafeln und Büchern, damit das nie wieder passiert. Seit Jahrzehnten setzt sie sich auch international für Friedensarbeit ein, z. B. mittels gemeinsamer Kunstprojekte von Menschen mit Behinderung in den eigenen Einrichtungen und in Tschechien, Unterstützung für Flüchtlinge und Spendenaktionen für arbeitslose Jugendliche in Spanien. Die Diakonie Neuendettelsau ist zudem partnerschaftlich mit dem Mutterhaus in Dresden verbunden, das bereits seit 1965 Nagelkreuzzentrum ist.

-> Mehr erfahren über das geistliche Leben in der Diakonie Neuendettelsau

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