"Das vergessene Leben" - Eine Dokumentation von Sidney Gennies

Erst als sie nicht mehr sprechen konnte, nahm das Leben seiner Großmutter für den Enkel Gestalt an: Wie viele Frauen ihrer Generation hat die 1934 geborene Waltraud Gennies nie viel über sich, ihre Bedürfnisse, Sorgen und Wünsche gesprochen. Geschrieben hat sie dafür umso mehr: Briefe und Tagebücher, außerdem hat sie Akten und Dokumente aufbewahrt.

Später im Alter, schon ankämpfend gegen die zunehmende Vergesslichkeit, hat sie überall im Haus Notizzettel und Kalender deponiert, um ja nichts zu vergessen, von Fernsehsendungen bis zum Wetter.

Dokumente eines Lebens
Waltraud Gennies hat nie viel über ihr Leben gesprochen. Dafür hat sie umso mehr Dokumente hinterlassen. © Privat

Seit langen Jahren ist Waltraud Gennies schwer dement, lebt in einem Seniorenheim. Über zehn Jahre hat es gedauert, bis ihr Enkel, der Journalist Sidney Gennies, sich traute, die schriftlichen Lebensspuren seiner Großmutter zu lesen, zu sichten und auszuwerten.

Berührendes Portrait der dementen Großmutter

Entstanden ist das Portrait „Das vergessene Leben“ („Der Tagesspiegel“, Berlin, Mai 2016), für das Sidney Gennies den zweiten Preis des Journalistenpreises Demenz 2018 gewonnen hat.

Ein berührender Text, vor allem wegen der Erkenntnis des Autors, dass es die Oma nicht mehr gibt, die hier über ihren walzertanzenden Vater, die Schlacht um Memel, die Vertreibung und den Neubeginn mit Ehemann Helmuth schreibt. Dass die Frau, die jetzt im Bett des Seniorenheims liegt, nicht mehr weiß, dass sie bei Predigten ihres Mannes, eines evangelischen Pfarrers, meist in der ersten Reihe saß und nach 20 Minuten hörbar anfing, sich zu räuspern. Helmuth neigte offenbar zur Weitschweifigkeit.

Sidney Gennies, Journalist
Der Journalist Sidney Gennies hat für den Berliner "Tagesspiegel" ein berührendes Portrait seiner dementen Großmutter verfasst. © Privat

Sidney Gennies (30) ist seit 2014 Redakteur beim Berliner „Tagesspiegel“. Derzeit ist er als Verantwortlicher Redakteur zuständig für die Planung und Organisation der „Mehr Berlin“-Seiten des Blattes. Auf vier Seiten erscheinen dort samstags Reportagen, Interviews, Kolumnen und Investigativ-Recherchen zu den Themen Kunst, Politik und Stadtgefühl.

Für die Geschichte über seine Großmutter habe er sich extra Zeit genommen, so Gennies, und sie glücklicherweise von seinen Kollegen auch zugestanden bekommen.

Die Arbeit an dem sehr persönlichen Text „Das vergessene Leben“ war für Sie eine neue Erfahrung. Warum war das so?

Sidney Gennies:

„Die Arbeit an dieser Geschichte war völlig neu für mich. Einerseits ist das Handwerkszeug das gleiche wie bei einem politischen Porträt, man sammelt Informationen, Dokumente, spricht mit Zeitzeugen und versucht der Essenz eines Menschen nah zu kommen. Andererseits verändert genau diese Arbeit den Blick auf die eigene Geschichte, das eigene Leben. Kritische journalistische Distanz wird dann schwierig. Glücklicherweise hatte ich in meinem Team erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die beim Gegenlesen kritische Nachfragen stellen konnten, wo mein Blick durch persönliche Betroffenheit zu eng geworden war.“

Hatten Sie vor der Arbeit an dem Artikel Alltagserfahrungen mit dem Thema Demenz?

Sidney Gennies:

„Durch die Erkrankung meiner Urgroßmutter, also der Mutter meiner Großmutter, von der die Geschichte handelt, hatte ich bereits einen Eindruck davon bekommen, was Demenz aus einem Menschen machen kann. Ich habe das aber nur so erlebt, wie ein kleiner Junge das eben erlebt, wenn er seine Uroma besucht, die zunächst etwas tüttelig wirkt, später sehr verwirrt, am Ende gar furchteinflößend.
Meine Eltern haben mir erklärt, dass das mit ihrer Erkrankung zusammenhängt. (…) Meine Urgroßmutter war eben alt (…). Anders war es dann, als die Demenz auch bei meiner Großmutter diagnostiziert wurde. Ich war zu dem Zeitpunkt deutlich älter, etwa 16 Jahre. Ich erinnere mich, dass es sich wie ein Abschied anfühlte, weil die Kommunikation immer schwieriger möglich wurde, schließlich gar nicht mehr. Es hat dann einige Jahre gedauert, bis ich mich dem Thema durch den Text noch einmal nähern konnte.“

Hat die Arbeit an dem Artikel Ihre Sichtweise auf das Thema Demenz verändert?

Sidney Gennies:

„Die Arbeit am Artikel hat mich gezwungen, mich überhaupt mit dem Thema Demenz intensiver auseinanderzusetzen. Es gibt so viele Ausformungen, Grade, Ursachen, dass es unmöglich ist, das Thema in einem Text umfassend zu behandeln. Was mich aber bei der Recherche positiv gestimmt hat, ist das es ebenso viele Möglichkeiten gibt, mit der Krankheit umzugehen. Für Betroffene, Pfleger aber eben auch die Angehörigen.
Bei allen unterschiedlichen Ansätzen blieb bei mir die Erkenntnis, dass das Ziel aller Bemühungen sein muss, das zu erhalten, was die Krankheit versucht zu nehmen: Menschlichkeit. Dazu gehört auch Erinnerung – und sei es nur für die, die nicht selbst erkrankt sind.“

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