Eine Zeitreise in die Vergangenheit: Das Schulleben 1958 und 2018

Das große Neuendettelsauer Schäferbild hängt seit über 60 Jahren am gleichen Platz. Wo es heute im Musiksaal des Löhe-Campus der Diakonie Neuendettelsau zu finden ist, dekorierte es 1958 noch den Speisesaal eines Mädcheninternats. Neugierig stehen mehrere Seniorinnen vor dem eindrucksvollen Gemälde. Sie schwelgen in Erinnerungen. An ihre Kindheit, an ihre Schulzeit. Vor über 60 Jahren waren sie Schülerinnen des Mädcheninternats und Realgymnasiums, das heute Laurentius-Gymnasium und Laurentius-Realschule beherbergt. Anlässlich ihres 60-jährigen Abiturjubiläums besuchen die Seniorinnen ihr Schuldorf.

„Die Schulzeit hat uns schon zusammengeschweißt“, erinnert sich Herta Weispfenning an die Zeit in Neuendettelsau zurück. Sie wohnt heute in Kassel. Viele ihrer ehemaligen Mitschülerinnen leben mittlerweile an den unterschiedlichsten Orten in ganz Deutschland. Ganz aus den Augen verloren haben sich die Damen aber selbst nach ihrem Abschluss nie. Sie treffen sich in regelmäßigen Abständen.

Zum 60-jährigen Klassentreffen kamen neun Damen nun wieder in Neuendettelsau zusammen.

Das Schäferbild hängt seit vielen Jahren im Schulgebäude. Der Musiksaal war damals allerdings noch ein Speisesaal.

Während die meisten Schülerinnen damals nach der 10. Klasse eine Ausbildung angefangen haben, hat nur eine der neun Damen im Jahr 1958 das Abitur gemacht. Das war damals noch möglich, denn das Mädcheninternat war Realschule und Gymnasium in einem.

Als die ehemaligen Schülerinnen dann schließlich vor der Kirche und dem Schulhaus stehen werden ihre Augen groß. Im Gegensatz zur Laurentiuskirche hat das Schulgebäude einen sichtbaren Wandel durchlaufen. 

„Das heutige Schulgebäude ist mit dem von damals fast nicht mehr zu vergleichen“, sind sich die ehemaligen Schülerinnen des Mädcheninternats einig.

Die ehemaligen Schülerinnen besichtigten mit ihren Begleitungen das Schulhaus.

„Neuendettelsau ist wie ein Anker für mich. Mein Mann und ich haben sogar in der Laurentiuskirche geheiratet“, erzählt Herta Weispfenning.

Damals nannten sie die Kirche „Anstaltskirche“, die Wilhelm-Löhe-Straße „Anstaltsstraße“. „Viele von uns wurden noch in weißer Schürze und weißem Schleier von Pfarrer Heinrich Schmidt konfirmiert“, verrät sie.

Das Schulgebäude sah damals noch ganz anders aus. Die Fassade bestand noch aus rotem Backstein.

Über 100 Jahre alt ist das Schulgebäude, das am 1. September 1903 eingeweiht wurde. Damals mit einer Fassade aus rotem Sandstein, großer Küche, Speisesaal, Unterrichts- und Schlafsälen. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung lebten und lernten rund 800 Mädchen im Schulhaus. Heute finden in dem ausgebauten Gebäude die Unterrichtsräume der Laurentius-Realschule und des Gymnasiums Platz. Schlafsäle gibt es nicht mehr. Einzig in den hinteren Höfen gibt es noch Wohn- und Schlafmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler der weiterbildenden Berufsschulen.

Richiza Braun und Herta Weispfenning erinnern sich noch gut an ihre Schulzeit. Herta Weispfenning lebte als junges Mädchen bei ihrer Familie in Neuendettelsau, Richiza Braun im Internat. „Weil ich wissen wollte, wie das ist, habe ich sogar einmal so lange bei meinen Eltern gebettelt, bis ich auch mal ein Jahr im Internat wohnen durfte“, lacht Weispfenning. „Im oberen Stock gab es einen Schlafsaal mit 42 Betten“, erinnern sich die beiden. Um 5.15 Uhr mussten sie aufstehen, sich waschen, die Betten machen und dann lernen, bevor es zum gemeinsamen Frühstück und dann zum Unterricht ging. „Eine der Diakonissen hatte ihr Zimmer hinter dem Schlafsaal. Wenn sie nachts raus musste, musste sie durch den kompletten Schlafsaal laufen“, erzählt die Rentnerin.

Ein Foto aus der Schulzeit von Herta Weispfenning und Richiza Braun.

Seit den 70er Jahren werden auch Jungen in dem große Gebäude direkt neben der Laurentiuskirche unterrichtet.

Einer von ihnen ist Tobias Bischoff. Er besucht die Q11 des Laurentius-Gymnasiums und kann es sich kaum mehr vorstellen, wie es damals wohl gewesen sein muss. Einheitliche Schuluniformen, disziplinierte Schüler und strenge Regeln. War das wirklich so, damals vor 60 Jahren?

Gemeinsam mit Klassenkameradin Lea Moll kommt er mit den ehemaligen Schülerinnen ins Gespräch.

Das Schweigen lernen

„Ja, es war schon sehr streng und diszipliniert“, erinnert sich Richiza Braun. „Das lag auch teilweise an der Nachkriegszeit“, pflichtet ihr Herta Weispfenning zu. Sie hatten an sechs Tagen die Woche Unterricht. Der Ablauf einer Unterrichtsstunde wechselte von Stillarbeit zu Frontalunterricht. Wenn man einer Lehrkraft im Flur begegnete, musste man sie mit einem Knicks begrüßen. „Wir mussten immer aufmerksam sein und durften nur in den Pausen sprechen. Zum individuellen Selbstbewusstsein erzogen, wie es heute der Fall ist, hat uns niemand“, meint sie.


Herta Weispfenning erzählt Tobias Bischoff und Lea Moll von ihrer Schulzeit.

Vor dem Unterricht wurden die Fingernägel und Schürzen der Mädchen auf Sauberkeit kontrolliert. Nachmittags wurden Hausaufgaben gemacht und gelernt. Dafür waren die Nachmittage unterrichtsfrei.

Ein warmes Mittagessen zur Stärkung in der Schule bestand oft aus Eintopfgerichten, Pilzsuppen oder Brot. „Nur sonntags gab es Hefezopf oder Marmelade für unsere Brötchen. Das weiß ich noch“, erinnert sich Richiza Braun. Teure und außergewöhnliche Nahrungsmittel gab es damals nicht. „Wir hatten kein Geld. Eine unserer Klassenkameradinnen hat manchmal Päckchen mit Schokolade und Eiern von zuhause bekommen. Das war eine Sensation“, erzählt sie.

Richiza Braun tauscht sich mit der Schülerin Lea Moll aus.

Viel zu tun gibt es für die Schüler aber heute auch noch: „Ich habe viermal die Woche Nachmittagsunterricht, manchmal sogar bis 17 Uhr. Danach muss ich Hausaufgaben und Projekte vorbereiten. Viel Freizeit bleibt uns da nicht“, erzählt Lea Moll.

Trotzdem unterscheidet sich der Unterricht heute extrem von damals. „Wir sind auch mal laut und hören nicht sofort auf unsere Lehrer“, geben die beiden zu. Einen Knicks machen oder Fingernägel kontrollieren lassen können sie sich nicht vorstellen. Genauso wenig, wie Eintöpfe oder Butterbrote. Heute gibt es in den Pausen Käsestangen, Brezen oder belegte Brötchen und mittags in der Mensa ganz unterschiedliche und abwechslungsreiche warme Gerichte.

„Wie waren die Fächer damals? Gab es Wahlfächer?“, will Lea Moll wissen. Herta Weispfenning schüttelt den Kopf. „Bei uns gab es, wie bei euch auch, ganz normal Mathematik, Sportunterricht oder Latein. Aber wir wurden alle in denselben Fächern unterrichtet. Die Möglichkeit zusätzlich aus verschiedenen Fächern zu wählen, hatten wir nicht“, sagt sie. Auch Aktivitäten wie den Besuch eines Schullandheims gab es damals nicht.

„Während unserer Schulzeit hatten wir allgemein recht wenig Geld zur Verfügung. Aber wir haben das Beste daraus gemacht“, ist sich die Gruppe einig.

Es wurden Feste veranstaltet, Fasching gefeiert, viel gesungen und gewandert. Sie erinnert sich an Schulveranstaltungen, „die immer sehr lustig waren, weil da viel gespielt und gelacht wurde“, an Streiche wie den harten Knödel, der unbeabsichtigt im Teller der Diakonissen gelandet war oder an die Momente, wenn die Tür des Schlafsaals zugefallen war.

Ein Klassenfoto aus der Schulzeit der Jubilare.

„Nach außen hin waren wir diszipliniert und anständig, aber außerhalb des Unterrichts waren wir ganz normale Kinder“, betonen die ehemaligen Schülerinnen.

Selbstbewusst ins Leben starten

Dass das Schulleben und der Unterricht früher mit dem von heute nicht mehr vergleichbar ist, finden die Damen gut. Zu dem Schullandheim haben sich im Laufe der Jahre viele weitere Angebote entwickelt: Outward Bound, Skilager, Partnerschaften mit den USA oder Frankreich – all diese Angebote nutzen Schülerinnen und Schüler heute.

„Es gibt mehr Möglichkeiten für die individuelle Förderung und es wird auch gezielt darauf geachtet, das Selbstbewusstsein und die Interessen der Schüler zu fördern“, findet Herta Weispfenning.

Heute sorgen Gruppenarbeit, Projekte oder digitale Medien für einen abwechslungsreichen Unterricht. Im Fokus steht im Gegensatz zu früher nicht mehr nur die Vermittlung von Wissen, die Schülerinnen und Schüler sollen im Laufe ihres Schullebens auch lernen, Eigeninitiative, Kreativität sowie Team- und Kritikfähigkeit zu entwickeln. Fleiß und Disziplin werden zwar immer noch bewertet, aber nicht mehr in benoteten Tugenden wie Betragen, Aufmerksamkeit und Ordnung sondern in den Zeugnis-Kategorien Mitarbeit und Verhalten.

„Auch wenn damals alles anders war, war es nicht schlecht, sonst wären wir heute nicht hier“, betont Herta Weispfenning zum Abschluss. „Ja, es war sehr streng, aber unter der gehorsamen Oberfläche waren auch wir alle nur Mädchen. Sobald die Türen im Schlafsaal geschlossen waren, konnten wir das zeigen“, lächelt sie.

Das Laurentius-Gymnasium und die Laurentius-Realschule in Neuendettelsau sind heute zwei staatliche anerkannte, private und evangelische Schulen:
An der Laurentius-Realschule werden rund 500 Schülerinnen und Schüler auf die Mittlere Reife vorbereitet. Mehr Informationen und einen Kontaktmöglichkeite finden Sie hier.

Das Laurentius-Gymnasium bietet einen sprachlichen sowie einen wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt: Mehr Informationen und Kontakt.

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