Bei einem Interview in der Bibliothek des Mutterhauses berichtete Bischof Dr. Petroniu von seinen Eindrücken während seines Besuches bei der Diakonie Neuendettelsau.

Wie erleben Sie ihren Besuch hier in Franken – welche Eindrücke nehmen Sie mit?
Bischof Dr. Petroniu: Wir haben das Krankenhauswesen kennen gelernt und Häuser der Diakonie in Nürnberg und Neuendettelsau besichtigt, auch eine Kindertagesstätte, das Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz und den Löhe Campus. Ich bin überwältigt von der großen Vielfalt der sozialen Arbeit, in der die Diakonie Neuendettelsau sich einbringt. Wir können hier viel lernen.
Die Rumänisch-Orthodoxe Kirche unterhält 106 Sozialkantinen und Bäckereien. Außerdem 23 Beratungs- und Hilfszentren für Familien in Not. Können Sie einen Einblick geben in das Verhältnis von „Arm“ und „Reich“ in ihrer Heimat?
Bischof Dr. Petroniu: Nach der Wende haben sich natürlich die Verhältnisse stark verändert. Wir hatten zuvor eine große Mittelschicht, nicht vergleichbar mit einer Mittelschicht in Deutschland. 200-300 € im Monat verdienen die Menschen in dieser Schicht. Heute gibt es sehr viele arme Menschen, die nur 100 € zur Verfügung haben, Rentner müssen teilweise von 50 € leben und auch die Arbeitslosenquote ist in Rumänien sehr hoch.
Berichten Sie ein wenig von der sozial-diakonische Arbeit in der Region Sălaj?
Bischof Dr. Petroniu: Es fehlt vieles. Vor allem aber fehlt die Grundlage für eine gute Ausbildung. Im Kreis Sălaj mit der Kreishauptstadt Zălau leben 64.000 Einwohner und es gibt beispielsweise dort kein Altenheim. Nun möchten wir als Bistum gemeinsam mit der Kommune ein solches Haus errichten. Hierfür stellen wir das Grundstück zur Verfügung, die Kommune das Gebäude und dann werden wir uns den Betrieb aufteilen. Hierfür brauchen wir allerdings professionelle Unterstützung, denn vor allem die Mitarbeiter dort müssen im Bereich der Pflege qualifiziert werden.
Wo entdecken Sie die größten Gemeinsamkeiten zwischen orthodoxer und lutherischer Kirche und was sind die markantesten Unterschiede?
Bischof Dr. Petroniu: Tatsache ist: das was ich hier sehe, ist etwas ganz anderes, als das was ich bislang über die lutherische Kirche gelernt habe. Ich bin den Diakonissen begegnet und sehe da eine klare Parallele zu unseren Nonnen. Und ich habe bisher nicht gewusst, dass es in der lutherischen Kirche auch die Einzelbeichte gibt. Das hat mich überrascht.
Ich selbst habe fünf Jahre lang zu einer Kommission gehört, von der die Gemeinsamkeiten zwischen orthodoxer und katholischer Kirche beleuchtet wurden. Ich weiß, dass auch eine Kommission gegründet wurde, die sich mit den Gemeinsamkeiten von orthodoxer und lutherischer Kirchen beschäftigt und bin sehr gespannt auf deren Ergebnisse.
Wilhelm Löhe, der Gründer der Diakonie Neuendettelsau, hat gesagt: „Alle Diakonie geht vom Altar aus.“ Ist das auch eine orthodoxe Überzeugung?
Bischof Dr. Petroniu: Die Diakonie kann auf keinen Fall vom Altar getrennt werden. Die wichtigste Rolle der Kirche ist es, die Menschen zum Heil zu führen. Im Johannes-Evangelium steht sinngemäß: wer Gott liebt und seinen nächsten hasst, ist ein Lügner. Unsere Liebe zu Gott zeigen wir also immer auch durch unsere Liebe zu den Menschen.
Beschreiben Sie kurz den Dienst und die Aufgaben eines orthodoxen Priesters?
Bischof Dr. Petroniu: Man kann drei wichtige Aufgaben festmachen. Zum einen hat ein orthodoxer Priester eine leitende Funktion. Darum steht der Priester beim Gebet mit dem Rücken zur Gemeinde – er führt die Gemeinde an auf dem Weg zu Gott. Die zweite Aufgabe ist die heiligende Funktion: der Priester führt alle Gottesdienste in der Kirche, von der Taufe beginnend begleitet er die Gemeindeglieder durch alle Sakramente bis hin zur Beerdigung. Und die dritte Funktion ist eine lehrende: was kann ein junger Christ tun, um das Reich Gottes zu erlangen? – Dies lehrt ein Priester der Gemeinde. Es gibt dazu ein schönes Bild: Bei der Einsegnung zum Priester empfängt dieser den Leib Christi und ihm wird gesagt, er solle ihn für alle Zeit aufbewahren. Das was er damit bewahrt, ist zugleich ein Symbol für „die Gemeinde“.
Welche beruflichen Entwicklungschancen haben junge orthodoxen Christen, wenn sie ein Universitätsdiplom im Bereich der Sozialarbeit erlangen?
Bischof Dr. Petroniu: In den Bistümern gibt es eine Abteilung für soziale Assistenz. Jeder Absolvent entscheidet, ob er nach seinem Abschluss an einer staatlichen Stelle oder einer kirchlichen Institution arbeiten möchte. Die Sozialassistenten erstellen beispielsweise Sozialberichte, analysieren die Situation in den Dörfern und Gemeinden. Auch in Senioreneinrichtungen sind sie tätig oder direkt in einem Dorf für eine Gemeinde. Aber zugegeben gibt es nicht besonders viele Möglichkeiten für diese Akademiker, sich beruflich zu entwickeln.
Ich nenne Ihnen einige Schlagworte - Sie reagieren spontan mit einer Antwort:
Bischof Dr. Petroniu (lacht): Gerne. Versuchen wir es.
Diakonie? -- Bischof Dr. Petroniu: Nächstenliebe
Kirche? -- Bischof Dr. Petroniu: Dienen
Europa? -- Bischof Dr. Petroniu: Unser gemeinsames Haus
Neuendettelsau? -- Dr. Bischof Petroniu: Diakonissen
Zukunft? -- Dr. Bischof Petroniu: Hoffnung auf Besserung
Schoenauer? -- Dr. Bischof Petroniu: Ein Profi, ein Perfektionist
Sie reisen morgen aus München wieder ab. Welche gemeinsamen Projekte mit der Diakonie Neuendettelsau sind nun geplant?
Bischof Dr. Petroniu: Wir nehmen vor allem viele Ideen mit nach Hause. Wir haben gelernt, wie soziales Arbeiten gut gemacht und organisiert ist. Unsere Oberin, der Bürgermeister und die anderen Teilnehmer sind sich einig, dass wir noch viel mehr lernen müssen. Nun hoffen wir, dass wir aus Neuendettelsau Hilfe für die Qualifikation in der Pflege erhalten. Nur gut ausgebildete Menschen können andere ausbilden und wir wünschen uns, dass ein Profi aus Neuendettelsau sich möglicherweise im Frühjahr in Sălaj besucht und auch ausgewählten Priestern die Grundlagen diakonischer Arbeit näherbringt.
Rektor Hermann Schoenauer, Leiter der Diakonie Neuendettelsau, erläutert abschließend, dass der Kontakt auf vier Ebenen weitergeführt werde. „Erstens möchten wir auch mit dem ökumenischen geistlichen Zentrum den theologischen Austausch weiter voran bringen durch Begegnungen und gemeinsame Gottesdienste. Zweitens möchten wir die Ausbildung in der Alten- und Krankenpflege auch mit Hilfe von EU-Förderprogrammen organisieren. Drittens bieten wir an, dass Mitarbeitende aus Sălaj eine Altenpflegeausbildung in Deutschland durchlaufen. Zunächst werden sie für ein halbes Jahr Deutsch lernen und nach einer dreijährigen Ausbildung zum Altenpfleger kehren sie als Multiplikatoren nach Rumänien zurück. Viertens unterstützen wir ein Projekt des Priesterdekans. Ein Speisesaal in Sălaj wird mit Hilfe von Kleiderspenden finanziert und wir haben organisiert, dass schon im November eine Neuendettelsauer Diakon mit einem Hilfstransport nach Rumänien fährt, um ganz konkret Second Hand Kleider zu liefern und die diakonische Arbeit dort schnell zu unterstützen. Auch medizinische Geräte werden mit dabei sein. Und schließlich möchten wir das Leben in Sălaj auch für mehr Menschen in Deutschland bekannt machen. Darum werden wir durch die Organisation von Reisen nach Rumänien den kulturellen Austausch fördern und bald auch mit einem Fernsehteam die nächste Reise nach Rumänien antreten.“
Das Interview führte Andrea Lutz.
Ökumenisches Geistliches Zentrum
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