Liebe und Sexualität sind auch für Menschen mit Behinderung wichtig
60 Jahre hat es gedauert, bis Erna Bayerlein die Liebe ihres Lebens fand. Jürgen Liedel heißt ihr Partner, mit dem sie in Himmelkron zusammenlebt. Bald sollen für die beiden die Hochzeitsglocken läuten.
Erna Bayerlein und Jürgen Liedel leben in den Himmelkroner Heimen, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Als Jürgen vor einigen Jahren in ihre Wohngruppe einzog, fühlte sich Erna von dem netten und lustigen Neuling bald angezogen. Abends unterhielten sich die beiden gern im Wohnzimmer. Beide wohnten früher nicht weit voneinander entfernt in Bayreuth, lernten sich dort jedoch nie kennen. Aber Erna Bayerlein war nicht die einzige, die sich für den stattlichen Mann interessierte, der früher sogar als Gewichtheber sportlich aktiv war. Jürgen wollte niemanden verletzen, es kam zu klärenden Gesprächen und dann war Erna ganz offiziell seine Freundin. Doch Kuscheln im Einzelbett ist eine unbequeme Sache: Als das Haus „Michael“ in Himmelkron in eine Wohngruppe umgebaut wurde, ergab sich vor etwa zwei Jahren die Chance, in ein gemeinsames Apartment umzuziehen. In dem Haus, in dem neben einer Reihe von Einzelpersonen noch ein weiteres Paar wohnt, hat jedes Apartment sein eigenes Badezimmer und die Möglichkeit, eine Teeküche unterzubringen. Andererseits gibt es ähnlich wie in einem Studentenwohnheim auch Gemeinschaftsräume. Nach gründlichem Nachdenken hat Jürgen Liedel seiner Erna jetzt auch einen Heiratsantrag gemacht, den seine Partnerin gerne annahm. Beiden ist es wichtig, dass sie künftig den gemeinsamen Familiennamen Liedel tragen. Der Alltag der beiden sieht ziemlich normal aus. Um 6 Uhr morgens klingelt der Wecker. Erna Bayerlein ist mit ihren 65 Jahren inzwischen in Rente gegangen und kann es daher gemütlich angehen lassen, bevor sie zur Seniorenbetreuung aufbricht. Jürgen Liedel hat hingegen mit 49 noch einige Jahre in der Himmelkroner Werkstätte vor sich. „Der Altersunterschied ist mir egal“, betont Jürgen Liedel. „Es ist schön, dass man zu zweit überall hingehen kann“, beschreibt Erna Bayerlein, was die Partnerschaft für sie so wertvoll macht. Als sie selbst noch in der Werkstätte arbeitete, brachen die beiden morgens händchenhaltend zusammen auf. Gemeinsam gehen die beiden einkaufen und schmieden Pläne. So wollen sie demnächst zum Beispiel zum Tanzen gehen. Nicht immer war es in der Vergangenheit selbstverständlich, dass Behinderte als Paare zusammen leben. Doch inzwischen ist das Verständnis dafür gewachsen, dass es zu den Rechten von Menschen mit Behinderung gehört, Sexualität und Partnerschaft zu leben. Nicht nur die Himmelkroner Heime der Diakonie Neuendettelsau unterstützen dies, auch die Familie von Jürgen Liedel hat Erna Bayerlein mit offenen Armen aufgenommen. Nun stellt das Paar die Weichen fürs Älterwerden. Unter den vielen jungen Bewohnern der jetzigen Wohngruppe geht es ihnen manchmal schon zu lebendig zu. Deswegen ziehen sie in eine andere Gruppe um, die Bedarf mehr Betreuung und auch Pflege sicherstellt. Schon eine Weile verheiratet sind Sandra Reimer-Rupp (32) und David Reimer (28), die in einer Außenwohngruppe in Wirsberg leben. Nach einer standesamtlichen Trauung in Wirsberg ging es zur kirchlichen Hochzeit nach Himmelkron. Gern denken die beiden an die rauschende Feier bis in die frühen Morgenstunden zurück. Dankbar sind sie den Mitarbeitenden der Himmelkroner Heime, die das Fest mit organisierten. 2007 hatten Sandra und David sich kennengelernt. Allerdings dauerte es eine Weile, bis es so richtig funkte. Gemeinsame Aktivitäten zum Beispiel im Jugendclub „Piano“ in Himmelkron brachten sie einander näher. Heute haben sie ein gemeinsames Ziel: Sie wollen so bald wie möglich weitgehend selbstständig in einer eigenen Wohnung leben.